Seite 2125 Jahre Rente Vom Dritten Reich bis zur Berliner Republik

Von Markus Grabitz 

Führerprinzip der Nazis Die Nationalsozialisten schafften unmittelbar nach der Machtübernahme 1933 die Selbstverwaltung ab und führten das Führerprinzip ein. Zuvor hatten sie die freien Gewerkschaften zerschlagen, Regimegegner und Juden wurden aus der Selbstverwaltung entfernt und durch Parteigänger ersetzt. Entgegen der Propaganda profitierten die Rentner nicht vom neuen Regime. Im Dezember wurden zahlreiche Leistungskürzungen vorgenommen, die Neurenten wurden um sieben Prozent gesenkt.

Rentenkasse finanziert Krieg Nach 1933 gelang es den Nazis, Zugriff auf das Vermögen der Rentenkassen zu bekommen. Mit einer Verordnung sorgten sie 1938 dafür, dass die Hälfte des Versicherungsvermögens in Brief- und Schuldbuchforderungen des Reiches angelegt werden musste. Das Geld floss in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und in die Kriegsvorbereitung. Mit dem Anzapfen des Vermögens der Rentenversicherung schufen sich die Nazis eine wichtige Geldquelle zur Finanzierung des von langer Hand geplanten Angriffskriegs auf die Nachbarn in Europa.

Propagandatricks Als 1941 immer mehr Kritik an den Rentenkürzungen laut wurde, versuchten die Nazis die Gemüter zu besänftigen: Die Krankenversicherung der Rentner und eine Witwenrente wurden eingeführt. So wollten die Nazis den Durchhaltewillen im Krieg erhöhen. Aus Personalmangel wurde das Markensystem abgeschafft und durch das Lohnabzugsverfahren ersetzt.

Nazi-Ideologie Die Nazis haben unter dem Dach der Sozialversicherung gnadenlos ihre Ideologie angewandt: Ab 1937 konnten Rentenleistungen entzogen werden, wenn Versicherte sich „staatsfeindlicher Betätigung“ schuldig gemacht hatten. Regimegegner, Insassen von Konzentrationslagern, Juden bekamen keine Rente mehr. Juden, denen die Flucht ins Ausland geglückt war, verweigerte die Devisenstelle vielfach den Transfer des Ruhegeldes auf ein Auslandskonto. Zwangsarbeiter wurden pflichtversichert und mit höheren Beiträgen belegt, erwarben dafür aber keine Ansprüche. In den besetzten Gebieten etwa in Polen mussten die Menschen in die „Reichsversicherung“ volle Beiträge einzahlen, bekamen aber nur Leistungen nach dem ortsüblichen Fürsorgesatz.

Stunde Null Aufgrund der Kriegswirren waren große Aktenbestände vernichtet. Bei vielen Versicherungsträgern war der Überblick über den Rentenbestand ganz oder teilweise verloren gegangen. Die finanzielle Lage war kritisch. Das wirtschaftliche Leben lag am Boden, die Zuschüsse des Reiches und die Zinseinnahmen aus Reichsanleihen entfielen. Dennoch gelang es irgendwie, ab Mitte 1945 wieder über die Postämter Renten auszuzahlen. In der Angestelltenversicherung reichten schon 1946 die Einnahmen wieder aus, um die Rentenzahlungen zu decken. In der sowjetisch besetzten Zone wurde eine Einheitsversicherung eingeführt. Im Westen nahmen die Landesversicherungsanstalten die Arbeit wieder auf. Als es nach der Währungsreform 1948 langsam wirtschaftlich wieder bergauf ging, waren allerdings die Rentner abgekoppelt. In den 50er Jahren lebten 4,5 Millionen Rentner in Not.

Neue Rentenformel 1957 1957 gab es die erste große Rentenreform seit dem Krieg: Die Erhöhungen richteten sich fortan nach der Entwicklung der Bruttolöhne. Die Rentenhöhe wurde nun nicht mehr nach den absoluten Beträgen früherer Löhne berechnet, sondern anhand der im Laufe der Jahre eingezahlten Beiträge. Die Renten stiegen deutlich, etwa Arbeiterrenten um 60 Prozent, Witwenrenten in der Angestelltenversicherung um 91 Prozent. Mit der ersten Rentenanpassung 1959 gab es noch einmal einen Zuschlag von 6,1 Prozent. Zur Finanzierung der höheren Leistungen wurde der Beitrag von 11 auf 14 Prozent erhöht. Das reine Umlageverfahren wurde eingeführt.

Arme Ostrenter Als die Mauer fiel, war das Rentenniveau in Ost und West sehr unterschiedlich. Die Ostrenten waren niedrig. Am 1. 7. 1990 wurden die Ostrenten angehoben und im Verhältnis eins zu eins auf D-Mark umgestellt. 1991 stiegen die Ostrenten noch zweimal um je 15 Prozent. Hier zeigte sich noch einmal die Stärke des umlagefinanzierten Systems. In einem kapitalgedeckten System wäre es undenkbar gewesen, von einem Tag auf den anderen die Zahlung von vier Millionen Renten zu stemmen.

Rente und Babyboomer In den 80ern war klar, dass die Alterung der Gesellschaft, der Pillenknick und die Generation der Babyboomer der Rentenkasse Probleme bereiten würde. 1985 setzte der Verband der Rentenversicherungsträger eine Kommission ein. Ein damals in Auftrag gegebenes Gutachten sorgte für Furore. Das Ergebnis: Wenn die Politik nichts ändere, stiegen die Beiträge enorm. Für 2015 wurde ein Beitragssatz von 27 bis 29 Prozent errechnet, für 2030 sogar 36 bis 42 Prozent. In der Folge sank das Rentenniveau, das Rentenalter stieg. Alles bis heute höchst umstritten. Nur: Der Beitrag ist mit 18,7 Prozent sensationell niedrig.

Nicht sexy, aber robust Ende der 90er gab es Kritiker, die hielten die umlagefinanzierte Rente für ein Auslaufmodell. Liberale und Neoliberale forderten den Systemwechsel hin zu einer einheitlichen Grundrente für jedermann sowie kapitalgedeckten Vorsorgeprodukten. Spätestens seit der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise, die nach der Pleite der US-Großbank Lehman auch die Finanzmärkte in die Knie gehen ließ, ist diese Kritik verstummt: Weil die eingezahlten Beiträge in unserem Rentensystem sofort für die Finanzierung der laufenden Renten verwendet und – anders als beim Kapitaldeckungsverfahren – nicht am Markt angelegt werden, konnte auch kein Kapital verloren gehen. Zwar verfügt die Rentenkasse über Rücklagen, momentan über 30 Milliarden Euro. Doch das Geld muss bei Banken angelegt werden, die der Einlagensicherung unterliegen.

 

 

 

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