125-jähriges Jubiläum Der besondere Geist des Marienhospitals Stuttgart

Von Carolin Stihler 

Das Marienhospital wurde von Ordensschwestern gegründet, die nicht nur die christliche Atmosphäre prägen, sondern auch den technischen Fortschritt mit gefördert haben.

Stuttgart - 125 Jahre ist es her, dass das Marienhospital in Stuttgart im heutigen Stadtteil Heslach seine Pforten öffnete. Ein Krankenhaus mit einer besonderen Geschichte, gründeten doch die katholischen Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul die Klinik. Sie sind es, die auch heute noch für eine besondere Atmosphäre im Krankenhaus sorgen.

Wer jedoch denkt, dass das Krankenhaus in der Zeit stehengeblieben ist, irrt sich gewaltig: „Trotz der religiösen Prägung haben wir aber auch immer zu den modernsten Häusern gehört“, sagt Schwester Consolatrix, die bereits seit 52 Jahren am Marienhospital tätig ist. Schon 1908 habe es beispielsweise als eines der ersten Krankenhäuser Deutschlands einen Röntgenapparat angeschafft. Den Stolz auf ihren Arbeitsplatz kann die 75-Jährige kaum verbergen.

Dabei schlugen den Schwestern im protestantisch geprägten Stuttgart anfangs nur Widerstand und Spott entgegen, als sie das Krankenhaus planten. „Man befürchtete sogar, die Nonnen wollten nur ein Krankenhaus gründen, um die Patienten zum katholischen Glauben zu bekehren“, sagt Rainer Kruse, Sprecher des Marienhospitals. Anlässlich des Jubiläums hat er alle Informationen zu der Geschichte des Spitals zusammen­getragen und sie in einer Artikelserie ­veröffentlicht.

Die Ordensschwestern veranstalteten Lotterien für die Gründung der Klinik

Aus seinen Recherechen geht hervor, dass der Bedarf an Krankenhäusern unter der schnell wachsenden Stuttgarter Bevölkerung im Jahr 1890 groß war. Um den Bau des Krankenhauses finanzieren zu können, sammelten die Ordensschwestern Spenden. Als diese nicht ausreichten, baten sie den württembergischen König Karl um die Erlaubnis, zwei Lotterien veranstalten zu können. Mit den Entwürfen des Krankenhauses zeigte sich die Bevölkerung jedoch nicht einverstanden. „Zu luxuriös“ für ein Ordenskrankenhaus fanden die Kritiker das Gebäude im Neorenaissance-Stil. Dass ein durch Spenden finanziertes Krankenhaus mit seinen Türmchen und Rotunden wie „ein Schlössle“ aussah, hielten die Bürger „für eine Sünde“. Zweimal musste der Architekt den Entwurf aus Kostengründen ändern, bis das Krankenhaus schließlich gebaut werden konnte. Am 21. Juni 1890 wurde das Marienhospital nach nur knapp zweijähriger Bauzeit schließlich doch eingeweiht. Und obwohl die Kritiker das Haus zunächst für zu groß hielten, stellte es sich wegen der wachsenden Patientenzahl schon vier Jahre später als zu klein heraus.

Die Ordensschwestern besetzten viele Leitungspositionen

Seit ihrer Gründung ist die Klinik stetig gewachsen, von 90 auf knapp 800 Betten. Während 1891 rund 560 Kranke im Jahr behandelt wurden, waren es 2014 etwa 32 000 Patienten. Die Ordensschwestern prägten lange die alltägliche Arbeit und besetzten viele Leitungspositionen. Während ihre Zahl 1973 mit 123 den Höchststand erreichte, stellen sie heute nur noch 45 von 1900 Mitarbeitern. Schwester Consolatrix leitete viele Jahre lang die Krankenpflegeschule und begleitete wichtige Ereignisse in der Geschichte des Krankenhauses. Als besonders einschneidendes Erlebnis empfand sie den geplanten Abbruch des historischen Marienhospitals im Jahr 1984, der buchstäblich im letzten Moment verhindert wurde. „Die Mitarbeiter wollten eigentlich den Neubau, weil man dann mehr Platz gehabt hätte“, sagt Schwester Consolatrix. Bis heute sei es ein Problem, dass es im Krankenhaus aus Platzgründen zu wenig Aufzüge gibt. „Aber die Stuttgarter wollten auf den Anblick des historischen Gebäudes nicht verzichten“, sagt die Ordensschwester. Das historische Marienhospital steht inzwischen unter Denkmalschutz.

Schwester Consolatrix erinnert sich auch noch an die Zeit, als sie als Schülerin in der Diätschule jeden Morgen auf der Schürze der Ordensschwester kniete, um für das gute Gelingen in der Küche zu beten. Dies schien geholfen zu haben: „Die Schwestern waren bekannt als gute Köchinnen und brachten auch ein Kochbuch heraus.“ Heutzutage bleibe freilich nicht mehr so viel Zeit.

Die familiäre Atmosphäre ist auch heute noch zu spüren

Dennoch bringen die Schwestern noch bestimmte Werte in den Klinikalltag ein. „Wir hatten hier schon immer eine sehr familiäre Atmosphäre, die trotz der heutigen Größe des Krankenhauses zum Glück erhalten geblieben ist“, sagt Dr. Ulrich Wellhäußer, Ärztlicher Direktor des Zentrums für Innere Medizin. Der 63-Jährige kam 1980 als Assistenzarzt ins Marienhospital und ist bis heute geblieben. Unter den Mitarbeitern gibt es laut ihm nur wenig Fluktuation. Auch die Pflegebereichsleiterin Martina Elser arbeitet seit ihrer Ausbildung vor 15 Jahren im Marienhospital. „Bei uns geht es nicht darum, die Patienten aus wirtschaftlichen Gründen schnell wieder loszuwerden“, sagt die 38-Jährige. Der Geist der Ordensschwestern, die sich dem Helfen verschrieben haben, wehe immer noch im Marienhospital.

Mit einem Tag der offenen Tür feiert das Marienhospital an diesem Samstag von 13 bis 17.30 Uhr sein 125-jähriges Bestehen und zugleich die Eröffnung der neu gebauten Intensivstation.

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