Bringt Fassungslosigkeit, Angst, Verzweiflung und unterdrückte Wut allein durch seine Mimik zum Ausdruck: Chiwetel Ejiofor. Foto: Tobis

So wurde Sklaverei noch nie im Kino gezeigt: Der Regisseur Steve McQueen schafft mit dem Drama „12 Years A Slave“ ein verstörendes Meisterwerk.

Filmkritik und Trailer zum Kinofilm "12 Years A Slave"

Stuttgart - Das Grauen kommt auf sehr unterschiedliche Weise in diesem Film. In kurzen Gewaltausbrüchen, in beiläufig hingeworfenen Sätzen oder in quälend langen Einstellungen. In einer Szene will ein jähzorniger Vorarbeiter den schwarzen Sklaven Solomon an einem Baum lynchen. Das kann gerade noch verhindert werden, doch Solomon wird mit dem gespannten Strick um den Hals stehen gelassen, muss auf Zehenspitzen die Balance wahren, damit sich die Schlinge nicht doch zuzieht – stundenlang. Um ihn herum geht das Leben weiter, andere Sklaven ­ignorieren ihn aus Angst, selbst Opfer zu werden. Eine fast surreale, nicht enden wollende, kaum zu ertragende Szene.

In seinem dritten Spielfilm erzählt der Londoner Regisseur und Medienkünstler Steve McQueen die wahre Geschichte von Solomon Northup, einem freien Afroamerikaner, der mit seiner Familie im Bundesstaat New York lebte – hier wurde die Sklaverei schon Ende des 18. Jahrhunderts abgeschafft. Sein Geld verdiente er als Geiger, doch ein scheinbar attraktives Engagement 1841 in Washington entpuppte sich als Falle: Er wurde an Sklavenhändler verkauft, musste zwölf Jahre lang auf Plantagen in den Südstaaten arbeiten, was er nach seiner ­Befreiung in einem Buch dokumentierte.

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McQueens Film wurde bereits im Vorfeld des Kinostarts bejubelt und mit Oscar-Prognosen überschüttet – in diesem Falle zu Recht. Denn „12 Years A Slave“ ist ein in ­erzählerischer wie visueller Hinsicht atemberaubendes Meisterwerk, das dem ­Zuschauer die Grausamkeit der Sklaverei eindringlicher vermittelt als jeder Film zu diesem Thema zuvor. Weit verstörender als in der Fernsehserie „Roots“, ohne erlösende Rache wie in Quentin Tarantinos Satire „Django Unchained“. Die dargestellten Praktiken der Sklaverei sind nichts wirklich Neues. Doch McQueen ­gelingt es, nicht zuletzt durch die langen, ruhigen Einstellungen, ihre Brutalität geradezu körperlich spürbar zu­ ­machen – und vor allem die Stufen der ­Erniedrigung und damit auch die Mechanismen der Entmenschlichung ungeheuer schlüssig herauszuarbeiten.

So wird nach seiner Gefangennahme ­Solomons Widerstandswillen erst durch nicht enden wollende Prügel gebrochen, später wird ihm sein Name genommen – ein Sklavenhändler tauft ihn kurzerhand in „Platt“ um. Die abgeschlossene Umwandlung des Menschen zur Ware illustriert schließlich eine Szene in einem repräsentativen Stadthaus, in dem gepflegte Bürger eine Fleischbeschau nackt aufgereihter Sklaven vornehmen. Ein perverses Nebeneinander von Zivilisiertheit und Barbarei.

Trotz dauernder willkürlicher Demütigungen kämpft Solomon darum, nicht auch noch seine Identität und Hoffnung zu verlieren. Der britische Schauspieler Chiwetel Ejiofor brilliert in dieser Rolle, allein mit seiner Mimik macht er das emotionale Wechselbad aus Fassungslosigkeit, Angst, Verzweiflung und unterdrückter Wut nachvollziehbar.

Eine mindestens ebenso interessante ­Figur: Plantagenbesitzer Epps, ein saufender Choleriker, impulsiv und unberechenbar. Mit furiosem Spiel macht ihn ­Michael Fassbender zu einem der vielschichtigsten Scheusale der Filmgeschichte, eine im Grunde zutiefst labile Persönlichkeit, der die Sklaverei die Möglichkeit gibt, ihren Sadismus auszuleben. Epps zwingt regelmäßig die Sklavin Patsey (stark: Lupita ­Nyong’o) zu Liebesdiensten, schreckt aber auch nicht davor zurück, sie halbtot zu peitschen und von Solomon zu verlangen, dies auch zu tun – eine noch schockierendere Szene als die Lynch-Sequenz.

Am Ende hilft ein von Epps engagierter Zimmermann (Brad Pitt in einem Kurzauftritt) Solomon, freizukommen. Ein wirkliches Happy End ist das nicht, denn der ­Befreite ist ein gebrochener Mann. Und die Sklaverei wird erst 1865 in allen US-Staaten abgeschafft. Was für ein monströses Verbrechen sie war, davon gibt „12 Years A Slave“ immerhin eine Ahnung.

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