Wie man mit Geschlechtsneutralität auf mehr als 1000 Berufsjahre kommt. Ein Beitrag aus den „Bonbons“, der Humorkolumne dieser Zeitung.
Mit der Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache ist das so eine Sache. Setzt Mann sich darüber hinweg, bleibt Frau stets außen vor. All die Ärztinnen, Ingenieurinnen, Polizistinnen, Facharbeiterinnen oder Innenarchitektinnen seien „selbstverständlich stets mitgedacht“, heißt es dann in der Anrede. Umgekehrt hält aber selten mal ein Chef eine Rede, in der nur alle Mitarbeiterinnen im Publikum bedacht sind und die Männer „selbstverständlich stets mitgedacht“ sind.
Gendern ist allerdings auch keine perfekte Lösung. Auch hier kommt etwas zu kurz, nämlich das Sprachgefühl, denn viele Menschen wollen und werden sich wohl nie an die gesprochene Pause gewöhnen, die den „Kolleg“ mit den „innen“ unter ein sprachliches Dach stellt. Im Schriftdeutschen gibt es dafür den dazwischengeschobenen Doppelpunkt oder das Gendersternchen. Für ein Land, das sich mit seinen Dichter*Innen und Denker*Innen rühmt, war diese Erfindung allerdings auch nicht gerade eine Sternstunde sprachlicher Eleganz.
Sprachlicher Sternenkrieg wegen Gendersternchen
Hinzukommt, dass popelige Populisten und Grammatik-Nazis im Gendersternchen eher keine Alternative für Deutschland sehen. Stattdessen sehen sie den Stern des stolzen Vaterlandes samt seiner Muttersprache sinken und würden darüber am liebsten einen sprachlichen Sternenkrieg mit all den Genderwahnsinngen da draußen anzetteln.
Im Bemühen um Geschlechterneutralität suchen manche deshalb einen Mittelweg. Der heißt „substantiviertes Partizip Präsens“ und beschert uns Anreden wie „hochverehrte Studierende“ oder „liebe Lastenfahrradfahrende“. Der reinen Sprachlehre entspricht diese Konstruktion allerdings auch nicht. Schließlich besteht ein gemischter Chor zwar aus lauter „Singenden“, aber sobald die mit dem Singen aufhören, werden sie eher zu Mundhaltenden.
Manchmal wird’s beim Gendern auch unfreiwillig komisch. So sorgte beispielsweise die Betreffzeile einer E-Mail der Volksbank in der Region eG mit Sitz in Tübingen zuletzt bei uns für ein Schmunzeln: „1155 Jahre Verbundenheit: Volksbank ehrt langjährige Mitarbeitende“, stand dort zu lesen. „Alle Achtung!“, dachten wir uns da, wenn eine Mitarbeitende so lange durchhält, dann spricht das wohl für eine echt gute Work-Life-Balance! Oder es heißt einfach, dass man mit Geschlechterneutralität ein genderwahnsinnig langes (Arbeits-)Leben erreichen kann.