Donald Trump verkauft sich gern als Störenfried der etablierten Ordnung. In den ersten hundert Tagen seiner zweiten Amtszeit profilierte er sich als Zerstörer, kommentiert Thomas Spang.
Abreißen geht schneller als Aufbauen. Das versteht jedes Kind, das einem anderen die Sandburg zertrampelt hat. Trotzig, versehentlich oder absichtlich – es kann sehr schnell gehen, mühsam Erschaffenes verschwinden zu lassen. US-Präsident Donald Trump hat in den ersten 100 Tagen seiner zweiten Amtszeit unter Beweis gestellt, in welch rasantem Tempo eine einzelne Person in kürzester Zeit zerstören kann, was Generationen unter großen Anstrengungen errichtet haben.
Die Vereinigten Staaten sind eine einzigartige Nation aus Einwanderern, unfreiwillig gekommenen Sklaven und überlebenden Ureinwohnern, die es über 250 Jahre gelernt haben, miteinander zu leben. Sie bauten eine Republik auf, deren Versprechen von Demokratie, persönlicher Freiheit und Wohlstand über lange Zeit anderen in der Welt wie eine Fackel in der Nacht geleuchtet hat.
Europa verdankt diesem Amerika seine Befreiung von der Nazi-Tyrannei und über die vergangenen 80 Jahre ein Leben in Sicherheit und Freiheit. Das Geniale an der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen „Pax Americana“ bestand darin, dass die USA ihre Supermacht durch ein Netz an internationalen Bündnissen von der Nato über den Internationalen Währungsfonds und Weltbank bis zu den Vereinten Nationen verträglich gemacht haben. Andere Staaten folgten freiwillig, angezogen von dem Wunsch, so sein zu wollen wie Amerika.
Trump ignoriert den Kongress
Der 47. Präsident hat in 100 Tagen vieles von dem zerstört, was Amerika einmal einzigartig und großartig gemacht hatte. Allen voran das Vertrauen innerhalb der eigenen Gesellschaft, das auf gegenseitigem Respekt der Vielfalt, gleichem Recht vor dem Gesetz sowie Rede- und Meinungsfreiheit beruht.
Gezielt untergräbt er die Säulen des amerikanischen Erfolgs: die unabhängige Notenbank, die professionellen Streitkräfte, die unbestechliche Justiz, die Elite-Bildung und Spitzenforschung. Trump ignoriert den Kongress, der allein über staatliche Ausgaben entscheidet, und macht den reichsten Mann der Welt zum „Leiter“ einer „Fantasie“-Behörde, die durch gesetzlose Massenentlassungen Institutionen und Leben zerstört.
Migranten werden wie Kriminelle behandelt und trotz richterlichen Verbots nach El Salvador gebracht, wo sie in einer Einrichtung landen, die an ein KZ erinnert. Bürger mit unbefristetem Aufenthaltsstatus verschwinden im eigenen Land ohne rechtliches Gehör in Lagern, während die großen Nachrichtenagenturen willkürlich aus dem Weißen Haus ausgesperrt werden.
Welthandelsordnung ist am Ende
Trumps Motto sollte nach diesen 100 Tagen richtigerweise „Mach Amerika mehr wie Russland“ lauten. Von dort hat sich Trump nicht nur die autokratischen Rezepte abgeschaut, sondern auch das neo-imperialistische Gehabe Wladimir Putins. Seine Ansprüche auf Grönland, Panama, Gaza und sogar die guten Nachbarn in Kanada sind keine schlechte Satire, sondern bitterer Ernst.
Der Verrat an Wolodymyr Selenskyj im Oval Office hat noch einmal schlagartig klargemacht, dass auf die USA für die Sicherheit Europas kein Verlass mehr ist. Ebenso hat seine Zollorgie am „Tag der Befreiung“ im Rosengarten keinen Zweifel gelassen, dass die Welthandelsordnung am Ende ist.
Trump hat sich in den ersten 100 Tagen nicht bloß als Störenfried erwiesen, sondern als Zerstörer. Ein ehemaliger Baumagnat, der die Abrissbirne durch die amerikanische Demokratie und die Pax Americana schwingen lässt. Wie ein moderner Nero, der das brennende Rom besingt, scheint auch dieser Narzisst Freude an seiner destruktiven Kraft zu haben. Dass er auch etwas aufbauen kann, muss er erst noch beweisen.