Das Familienunternehmen Trigema wird 100 Jahre alt. Firmenchef Wolfgang Grupp steht seit 50 Jahren an der Spitze. Foto: Trigema

Seit 50 Jahren führt Wolfgang Grupp das Textilunternehmen Trigema, das in diesem Jahr 100-jähriges Bestehen feiert – und er denkt nicht ans Aufhören.

Burladingen - Trigema-Chef Wolfgang Grupp ist ein Mann der klaren Worte: „Das Schönste im Leben ist nicht, jeden Tag Geld zu zählen. Das Schönste ist das Gefühl, von anderen gebraucht zu werden.“

 

Die nächste Generation

Weil ihm bislang Mitarbeiter und Familie dieses Gefühl geben, bestimmt Grupp auch mit 77 Jahren die Geschicke des Unternehmens, trifft Entscheidungen, steht dafür gerade und haftet mit seinem Privatvermögen. Ans Aufhören denkt er nicht, obwohl seine Kinder, die beide im Familienunternehmen arbeiten, problemlos übernehmen könnten, wie Grupp sagt. „Es bekommt aber nur ein Kind die Firma“, schiebt er gleich nach – auch wenn noch nicht entschieden ist, ob Tochter Bonita (30) oder Sohn Wolfgang (28) im Chefsessel Platz nehmen wird.

Der Firmenpatriarch

Grupp wirkt hinter seinem Schreibtisch im modernen Großraumbüro wie ein Firmenpatriarch. Nur wenige Schritte entfernt sind die Arbeitsplätze seiner Kinder und seiner Frau. Als Patriarch würde er sich zwar nicht bezeichnen, sagt Grupp, empfindet es aber nicht als negativ. Das komme von Patron, und der habe eine Schutzfunktion. Für Grupp heißt das, Verantwortung für die Firma zu übernehmen und die Mitarbeiter. „Ich bin auch verantwortlich dafür, dass ich den Wandel der Zeit erkenne und Entscheidungen treffe, dass die Firma auch morgen noch existieren kann“, sagt Grupp, der alleiniger Inhaber und Geschäftsführer ist.

1969 hat er das Unternehmen von seinem Vater mit einem Schuldenberg übernommen. Daraus habe er viel gelernt, sagt Grupp, der nach eigenen Aussagen nie Bankkredite in Anspruch genommen hat. Er wolle keine Abhängigkeit – weder von einer Bank noch von einem Lieferanten, Kunden oder Mitarbeiter.

Die Anfänge

Rückblick: Die Geschichte von Trigema beginnt im Jahr 1919, als die Brüder Josef und Eugen Mayer eine stillgelegte Fabrik in Burladingen kaufen und die „Mechanischen Trikotwarenfabriken Gebr. Mayer“ gründen – daher der Name Trigema. 1922 gehen die Brüder aber getrennte Wege. Eugen gründet seine eigene Firma, Josef führt als alleiniger Inhaber die Trikotwarenfabriken weiter. Er hat 25 Mitarbeiter, zwei Jahrzehnte später sind es 800, denn die Nachfrage nach Unterwäsche steigt, und es werden Filialbetriebe gegründet. Das Unternehmen ist für die damalige Zeit sehr modern und rationell.

1939 tritt Franz Grupp – der Schwiegersohn Josef Mayers – ins Unternehmen und übernimmt wichtige Funktionen in der Geschäftsleitung. Die Kriegsjahre bedeuten einen Rückschritt. Mit der Währungsreform 1948 blüht das Unternehmen wieder auf. 1952 arbeiten 960 Mitarbeiter bei Trigema. 1956 stirbt der Firmengründer, und Schwiegersohn Franz Grupp übernimmt. Neue Filialen kommen hinzu, auch die Tochterfirma Plastro-Mayer. Mitte der 60er Jahre stagniert der Unterwäschemarkt, hochwertige Damenoberbekleidung wird ins Produktprogramm genommen, 1967 wird der damalige Tennisstar Wilhelm Bungert für die erste Trigema-Tenniskollektion verpflichtet. Das Unternehmen ist verschuldet und diversifiziert.

Die Neustrukturierung

Als Wolfgang Grupp 1969 in dritter Generation die Geschäftsleitung übernimmt, setzt er auf den damaligen Trend der Flower-Power-Bewegung, die über den Großen Teich schwappt und für die das T-Shirt – neben der Jeans – das Symbol für jugendliche Mode ist. Jungunternehmer Grupp kehrt – dem Großvater folgend – zu den Wurzeln zurück, setzt auf T-Shirts und Tennisbekleidung. 1975 ist die Firma schuldenfrei, hat 28,1 Millionen Umsatz und ist seither Deutschlands größter Hersteller von Sport- und Freizeitbekleidung.

Im Unternehmerlager gilt Grupp als Exot und Exzentriker – er wirbt mit einem Affen und produziert ausschließlich in Deutschland, wohnt in einer Villa mit Butler und zelebriert einen gewissen Lebensstil. Auch prangert er den Größenwahn und die Gier vieler Unternehmenslenker an, die es mit Wachstums- und Renditezielen übertrieben, damit Jobs und Unternehmen riskierten. Doch der Erfolg gibt ihm recht. Auch im 100. Jahr des Bestehens ist das Unternehmen trotz Branchenkrise und harter Konkurrenz aus Asien erfolgreich. „Von 26 Textilfirmen in Burladingen und Umgebung bin ich der Einzige, der übrig geblieben ist“, sagt Grupp. Da könne er nicht alles falsch gemacht haben. 2018 machte Trigema mit 1200 Mitarbeitern 101,8 Millionen Euro Umsatz.

Die Innovationen

Vorwürfe, Trigema sei nicht modisch genug, kontert er lässig. Mode machen sei keine Kunst, aber Mode verkaufen, das sei die Kunst. „Die Kleiderschränke der Menschen sind voll. Wir haben es mit einer bedarfsgedeckten Wirtschaft zu tun“, sagt Grupp, und da gehe Produktionswachstum nur über Preisnachlässe. „Die Preisdrückerei hab’ ich nie mitgemacht“, sagt der Unternehmer, der einst auch die großen Kaufhausketten, SB-Märkte und Discounter beliefert hat. Weil ihn der Handel zu sehr unter Druck setzte, hat er die Handelsfunktion teilweise selbst übernommen.

1984 eröffnet Trigema das erste Testgeschäft im Allgäu. „Mit Billigware sind uns die Chinesen überlegen“, sagt Grupp. „Ich kann nur über Qualität und Innovation punkten. Kunden zahlen mehr, weil sie mehr erwarten.“ Dazu zählt auch ökologisch nachhaltige Kleidung aus 100 Prozent Biobaumwolle nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip, übersetzt von der Wiege zur Wiege. Das sind mittlerweile acht bis zehn Prozent der Trigema-Produktion. Auch arbeitet Trigema mit Partnern an intelligenter Kleidung mit Sensoren. „Ich bin nicht so arrogant und sage, mach’ ich nicht, wenn Anfragen kommen und ich Arbeitsplätze sichern kann.“ Für die Kliniken in Tübingen und Ludwigsburg etwa macht Trigema speziell Frühchenmützen – etwa 500 Stück im Jahr.

Die Vertriebskanäle

Rund 50 Prozent der Ware verkauft Trigema über die eigenen 47 Geschäfte, die Grupp Testgeschäfte nennt, 15 Prozent übers Internet, etwa 35 Prozent an Kunden – das kann ein Zulieferer sein, der mal 1000 T-Shirts mit Schriftzug bestellt, oder eine Zahnarztpraxis. Dabei punktet die Firma vor allem mit Schnelligkeit. Wer heute bestelle, bekomme in der Regel nach 48 Stunden die Ware. Produziert wird auf Lager – was, wie viel und in welcher Farbe, entscheidet Grupp.

Die Betriebsfamilie

Während viele Wettbewerber pleite- oder ins Ausland gegangen sind, habe er immer Geld verdient. Wie viel, sagt Grupp nicht. Die Geschäfte liefen gut genug, um seine Mitarbeiter zu beschäftigen und deren Kindern einen Arbeitsplatz zu garantieren. Die Wertschöpfung liegt bei fast 80 Prozent. „Ich musste noch nie einen Mitarbeiter wegen Arbeitsmangel entlassen“, sagt Grupp stolz. Seine Mitarbeiter sind ihm wichtig, deshalb wird das 100-Jahr-Jubiläum mit der ganzen Betriebsfamilie gefeiert: am 26. Oktober – Helene Fischer ist Stargast in Burladingen.