Seit 100 Jahren gibt es Hörfunk in Deutschland. Das Radio von heute unterscheidet sich allerdings erheblich vom einstigen „Lagerfeuer der Nation“. Es ist zu einem Hintergrundmedium geworden, das nicht weiter stören will.
Wir schreiben den 4. Juli 1954: Im Radio ist eine Stimme zu hören, die sagt, Helmut Rahn müsste jetzt schießen – und das tut der Fußballspieler auch. Wenige Minuten später ist das Spiel „aus, aus, aus“ und Deutschland Weltmeister. Jüngere Fußballfans werden den Namen Herbert Zimmermann vielleicht nicht mehr kennen, sehr wohl aber seine Stimme, denn entsprechende Ausschnitte sind immer wieder zu hören – und auch zu sehen. Was nur wenige wissen: Bild und Text gehören gar nicht zusammen, die Tonspur der Filmaufnahmen ist verschollen; deshalb hat man sich der Hörfunkreportage Zimmermanns bedient.
Damals war das Radio das Leitmedium der Deutschen. Das Fernsehen hatte zwar im Dezember 1952 den Regelbetrieb aufgenommen, doch im Sommer 1954 gab es nur rund 40 000 angemeldete Geräte. Ein Radio hingegen stand dank der „Volksempfänger“-Initiative von NS-Propaganda-Minister Joseph Goebbels in fast jedem Haushalt. Drei Jahrzehnte nach dem WM-Sieg erreichten Frank Elstner und Thomas Gottschalk mit „Wetten, dass . . ?“ im Fernsehen mehr als 20 Millionen Menschen. Ein großer Teil des Publikums konnte sich damals noch sehr gut daran erinnern, dass vor nicht allzu langer Zeit das Radio noch das „Lagerfeuer der Nation“ gewesen war.
Jüngere nutzen mit Vorliebe die Podcast-Angebote
Am 29. Oktober 1923 hat mit der Funk-Stunde Berlin der erste deutsche Hörfunksender seinen Betrieb aufgenommen. Hundert Jahre später ist das Radio nach wie vor ein rege genutztes Medium, allein die verschiedenen ARD-Sender bieten mehr als siebzig Programme an; hinzu kommt eine kaum überschaubare Vielzahl an privaten Stationen. Die Rolle des Radios ist heutzutage aber eine völlig andere. Der klassische Hörfunk, beschreibt Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger die Entwicklung, „wollte eingeschaltet werden, die Menschen suchten sich gezielt aus, was sie hören wollten“. Das tun sie zwar nach wie vor, aber in ganz anderer Form: Gerade Jüngere nutzen mit Vorliebe die Podcast-Angebote von Audio-Streamingdiensten wie Spotify.
Auch die Audiothek der ARD bietet eine reichhaltige, kaum überschaubare Auswahl. Längst gibt es Podcasts auch für derart kleine Zielgruppen, dass Aufwand und Ertrag mitunter in einem krassen Missverhältnis stehen.https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.reform-der-radiowellen-kommt-regionales-beim-swr-hoerfunk-zu-kurz.b8548e3e-1020-4ac2-b6fd-fe0c694251ae.html
Das auf klassischem Weg verbreitete Radio wird zwar nach wie vor umfangreich genutzt, aber laut Medienwissenschaftler Hallenberger gibt es einen deutlichen Unterschied zu früher: „Das Radio von heute will in erster Linie nicht ausgeschaltet werden.“ Die meisten Menschen hören ohnehin stets den gleichen Sender; Radio ist zu einem Hintergrundmedium geworden, das nicht weiter stören soll und deshalb auch keine Aufmerksamkeit mehr erregt. Das gilt vor allem für die vor sich hin plätschernden Popwellen, die ihre Musikteppiche mit kleinen Infohäppchen garnieren. Auf diese Weise fühlt sich das Publikum zwar informiert, kann aber weiterhin ungestört seinen Beschäftigungen nachgehen, und das heißt in der Regel: Frühstück, Zähneputzen, mit dem Auto zur Arbeit fahren; der frühe Morgen ist die Primetime des Radios.
Sparauflagen für die ARD
In den fünfziger Jahren war das anders, sagt Medienexperte Hallenberger: „Damals boten Radiosender ein Vollprogramm und für alle Zielgruppen etwas, jedes Genre war vertreten. Abends versammelte sich die Familie um den Empfänger, um ein Hörspiel, eine Quizsendung oder eine Sportübertragung zu hören.“ Als das Fernsehen in den sechziger und siebziger Jahren die Position des Leitmediums übernahm, sei das Radio gewissermaßen ins Auto verschwunden: Dank der zunehmenden Automobilisierung wurden Verkehrsdurchsagen immer wichtiger.
Bis in die achtziger Jahre, erinnert sich Hallenberger (Jahrgang 1953), „war Musik für junge Menschen außerordentlich wichtig. Der Musikmarkt war allerdings auch ungleich überschaubarer; mittlerweile ist das Angebot fragmentiert. Damals kam das Formatradio mit seinen immer enger geführten Playlists auf. Wer heute moderierte Musikangebote jenseits des Mainstreams sucht, wird nur noch in kleinen Internetnischen fündig.“ Als Beispiel erwähnt er ByteFM. Der private Internetsender verzichtet auf computergesteuerte Musikrotation und bietet nach eigenen Angaben „Autorenradio“ und somit auch ausgefallene Stilrichtungen an: „Das ist ein ganz entscheidender Unterschied zu den Playlists der Popwellen.“ https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.reform-der-ard-wie-sich-die-ard-selbst-umkrempelt.2f0dec29-be0a-4594-b814-0c9403a1bff1.html
Angesichts der Sparauflagen für die ARD wird sich künftig kaum rechtfertigen lassen, dass jede Landesrundfunkanstalt die gleiche Palette anbietet. Die Popwellen sind ohnehin verwechselbar, zumal gerade im Comedybereich viele Segmente zwischen Sendern ausgetauscht werden und Regionalität bei SWR 3, 1 Live (WDR), MDR Jump oder HR 3 nur eine rudimentäre Rolle spielt. Auf diesem Gebiet hat das Privatradio den ARD-Sendern längst den Rang abgelaufen. Lokalpolitik, lokales Wetter, lokale Veranstaltungen: Das kann kein öffentlich-rechtlicher Sender abdecken.