Der rund 14 Kilometer lange Strand in Miami Beach wird durch den Anstieg des Meeresspiegels zunehmend bedroht Foto: Thomas Spang

Miami Beach feiert seinen hundertsten Geburtstag. Doch der steigende Meeresspiegel bedroht die Stadt im US-Bundesstaat Florida. Investitionen in Pumpen sollen das Überleben sichern.

Miami Beach - Philip Levine kam an Bord eines Kreuzfahrtschiffs an die weißen Palmenstrände von Miami Beach. Nicht als Passagier, sondern als Ansager des nächsten Hafens. Das war Anfang der achtziger Jahre. Zu dieser Zeit teilten sich arme New Yorker, die in den verfallenen Art-déco-Bauten lebten, die Straßen mit Kriminellen, die den Stoff für die Fernsehserie „Miami Vice“ lieferten. South Beach führte die Nation 1981 mit der höchsten Mörderrate pro Kopf an.

Der junge Levine aus Boston ließ sich nicht beirren. „Ich hatte einen großen Traum“, erinnert er sich an seine Idee, ein Werbegeschäft aufzubauen, das die Kreuzfahrtindustrie mit Bordmagazinen und anderen PR-Dienstleistungen versorgte. Mit einem Startkapital von 500 Dollar (rund 450 Euro) mietete sich Levine über den Räumlichkeiten des Newscafés am Ocean Drive ein. Ein Kultlokal, das heute immer noch den Durst und Informationshunger seiner Gäste mit einem breiten Angebot an internationalen Zeitungen bedient. Der ehrgeizige Unternehmer verwirklichte seinen Traum. Im Jahr 2000 verkaufte er Onboard Media für 400 Millionen Dollar (rund 365 Millionen Euro) an Luis Vuitton Moet Hennessy.

Heute steht Levine an der Spitze der vielleicht hipsten Stadt Amerikas. Mit seinem gewinnenden Lachen verkörpert der Bürgermeister das Lebensgefühl der Strandmetropole, die gerade wieder einen Boom erlebt. Pünktlich zu ihrem einhundertsten Geburtstag vibriert die Stadt vor Kreativität, Vielfalt und Lebensfreude. Ein Ort, an dem Menschen nach neuen Ideen und neuen Anfängen suchen.

Schillernde Multikulti-Welt

Miami Beach ist eine schillernde Multikulti-Welt, die einen endlosen Strom an unterschiedlichsten Menschen anzieht, die groß träumen. „Dream Big“ stand schon über dem Versuch der Brüder Henry und Charles Lum, die aus der im 19. Jahrhundert noch unbesiedelten Insel eine Kokosplantage machen wollten. Ein Geschäft, das nicht funktionierte, weil es keine einfachen Transportwege gab.

John Collins begann mit dem Bau einer Brücke zum Festland. Als ihm das Geld ausging, holte er den Unternehmer Carl Fischer an Bord, der mit dem Verkauf von Autoscheinwerfern reich geworden war. Mit von der Partie waren die Brüder John und James Lummus, die ebenfalls kräftig investierten und Miami Beach am 26. März 1915 mit aus der Taufe hoben. Innerhalb weniger Jahre schossen Hotels wie Pilze aus dem Boden. Die ersten Bauten wurden im mediterranen Stil errichtet.

Nach den massiven Schäden des großen Hurrikans von 1926 entstand zwischen der 6ten und der 23ten Straße das mit mehr als 800 Gebäuden weltweit größte zusammenhängende Gebiet im Art-déco-Stil. Berühmte Architekten wie Henry Hohauser oder L. Murray Dixon realisierten hier ihren Traum einer neuen Ästhetik.

Bedrohung Klimawandel?

Dass jüdische Architekten wie Hohauser der Stadt, in der anfangs weder Schwarze noch Juden willkommen waren, mit über 100 Bauten ihren Stempel aufdrückten, ist aus Sicht Chaim Lieberpersons vom Jewish Museum „mindestens so ironisch, wie dass in den 80er Jahren mehr als die Hälfte der Einwohner in Miami Beach jüdischen Glaubens war“. Die Ausstellung in der ehemaligen Synagoge erzählt die bewegte Geschichte vom „Städtele am Meer“. Inklusive des Erfolgs der Familie Weiss, die mit Joe’s Stone Crab Restaurant das nach Umsatz zweiterfolgreichste Restaurant in Privatbesitz in den USA aufbaute.

Am besten lässt sich die Stadtgeschichte auf einem Spaziergang der Preservation League erschließen, ohne die Miami Beach heute nicht wäre, was es ist: ein quicklebendiges architektonisches Freiluftmuseum mit einem rund 14 Kilometer langen weißen Sandstrand, das jedes Jahr Millionen Besucher anzieht.

Barbara Capitman, die das Bündnis 1976 mitgründete, kettete sich spektakulär an Art-déco-Gebäude an, die abgerissen werden sollten. Sie schaffte es, ihren Traum vom Erhalt dieses architektonischen Welterbes zu sichern. Dadurch überlebte auch die älteste Kneipe der Stadt, Club Deuce, die seit 1926 ununterbrochen geöffnet ist. Hier hingen schon Al Capone und seine Gangster ab.

Meeresspiegel soll um fast zwei Meter steigen

Wie sehr Kriminelle zur Geschichte dazugehören, dafür steht die erfolgreiche Fernsehreihe „Miami Vice“, deren Schauorte in den 80er Jahren hier lagen. Heute sieht Bürgermeister Levine die Stadt weniger durch Kriminelle bedroht als durch den Klimawandel. „Wir wollen verhindern, dass aus dem Ort der großen Träume ein Albtraum wird“, sagt er. Den Anstieg des Meeresspiegels thematisiert er auch beim großen „Centenial“-Konzert (siehe Hintergrund unten) und tags drauf bei einer Klimakonferenz.

Doch es bleibt nicht nur bei schönen Worten. Die Stadt investiert 300 Millionen Dollar (rund 274 Millionen Euro) in neue Pumpen, baut neue Straßen höher und überarbeitet die Bauvorschriften. Levine bleibt optimistisch. „Die nächsten 50 Jahre sind gesichert.“ Da ist sich der renommierte Klimaforscher Harold Wanless alles andere als sicher: „Miami Beach, wie wir es kennen, wird es in 100 Jahren so nicht mehr geben.“ Die Erwärmung der Ozeane sei bereits unumkehrbar und werde nach Prognose der US-Regierung den Meeresspiegel in Miami Beach bis zu 6 Fuß (etwa 1,80 Meter) zum Ende des Jahrhunderts ansteigen lassen. „Der Punkt wird kommen, wenn die Leute genug haben und gehen.“

Philip Levine beobachtet zurzeit das Gegenteil. Interessenten aus Brasilien, Venezuela und Russland kaufen Luxuswohnungen in den neuen Wolkenkratzern. „Die Sonne scheint immer über Miami Beach“, beschreibt er die Fähigkeit der Stadt, sich immer wieder neu zu erfinden. Sie übt nach wie vor den Reiz aus, der Frank Sinatra oder die Beatles einmal dorthin zog. Und den einstigen Ansager eines Kreuzfahrtschiffs, der nun die Stadt in die Zukunft steuert. „Was für ein Platz zu leben. Wir wollen, dass es die nächsten hundert Jahre so bleibt.“

Hintergrund

Miami Beach feiert sein erstes Jahrhundert: Der Countdown zum großen Finale am 26. März begann hundert Stunden vorher am Sonntag mit einer Automobilausstellung und Modeschau. Am Montag bezeugte der Bürgermeister das Jawort von hundert hetero- und homosexuellen Paaren, bevor im New World Center eine Dokumentation der Geschichte Premiere feierte. Am Dienstag gaben sich Tennis-Stars ein Stelldichein. Die Eingliederung von einhundert neuen Staatsbürgern feierte die Stadt am Mittwoch.

Unbestrittener Höhepunkt ist die Jahrhundert-Feier am Strand unter dem Motto „Rising Miami Beach“ am Donnerstag. Andrea Bocelli tritt ebenso auf wie Barry Gibb, Gloria Estefan und Rapper Flo Rida. Den Abschluss setzt ein Prachtfeuerwerk.

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