Landrat Roland Bernhard (hinten mittig) und das Team, das die Geschichte des Jugendamts im Kreis Böblingen aufgearbeitet hat. Foto: /Stefanie Schlecht

Seit den Anfängen des Jugendamts im Kreis Böblingen vor mehr als 100 Jahren, hat sich viel getan: Hunderte Mitarbeiter kümmern sich heute um das Wohl des Nachwuchses. Bis hierhin war es ein weiter Weg.

Die Gründung des Jugendamts im Kreis Böblingen ist in einer Sitzungsniederschrift vom 2. August 1922 festgehalten: „Der Vorsitzende teilt mit, dass das Jugendamt seine ihm nach Artikel vier des Jugendamtsgesetzes obliegenden Aufgaben auf 1. Juli 1922 in vollem Umfang übernommen hat.“ Mit dem Jugendamt, das wir heute kennen, hatte die damalige Institution allerdings nur wenig zu tun. Nach der Gründung kümmerten sich lediglich zwei Mitarbeiter um die Kinder im Kreis – heute sind es rund 300 Mitarbeitende.

 

Bis Ende der 1980er Jahre galt das Jugendwohlfahrtsgesetz, das in den Grundzügen tatsächlich bis zum Gründungsjahr 1922 zurückreicht und einen starkordnungsrechtlichen Charakter hatte. Noch in den 1950er-Jahren reichte es manchmal, wenn ein Kind unehelich war und öfters Jazzmusik aus der Wohnung drang, um das Kind der Mutter wegzunehmen.

Es halt sich also sehr viel getan seitdem in der Jugendhilfe. Ein neu erschienenes Buch gibt Einblicke in die Arbeit der Institution im Kreis Böblingen: „100 Jahre Jugendamt Böblingen – Die Entwicklung der Jugendhilfe im heutigen Landkreis Böblingen seit 1920“ heißt es, und es wurde jetzt vorgestellt.

Das Buch ist im Anton H. Konrad Verlag erschienen. /Stefanie Schlecht

Das Jugendamt heute ist eine der wichtigsten Kreiseinrichtungen mit mannigfaltigen Aufgaben, was sich überaus deutlich in der Zahl der Mitarbeitenden widerspiegelt. Haben die Jugendlichen heute so viel mehr Probleme als dieselbe Generation Anfang des 20. Jahrhunderts? Nein, erklärt Ewald Frie in seinem Vortrag zur Veröffentlichung des Buches. Probleme seien nicht schwerer geworden, aber die Gewichtung habe sich verändert. „Das ist auch gut so“, sagt der Professor für Neuere Geschichte an der Universität Tübingen, der das Projekt wissenschaftlich begleitete. In einem historischen Rundumschlag erläuterte Frie, dass vor der Einführung von Jugendämtern – Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts – die Vorstellung, dass Kindheit eine arbeitsfreie Zeit sein und Eltern sich für ihren Nachwuchs Zeit nehmen sollten, keinen gesellschaftlichen Rückhalt hatte.

Der Professor Ewald Frie hielt einen Vortrag zum Thema „Kindheit vor dem Wohlfahrtsstaat“. /Stefanie Schlecht

Dass Kinder während der Ernte tagelang in der Schule fehlten oder dass Väter versuchten, ihre Söhne frühzeitig aus der Schule zu nehmen, um die Familienkasse aufzubessern, war damals an der Tagesordnung. Zudem waren tödliche Krankheiten und eine hohe Sterberate unter Kindern Normalität: Aus Quellen zitiert Ewald Frie das Schicksal einer Familie, in denen eine Frau 13 Kinder gebar, von denen allerdings lediglich fünf überlebten.

Doch mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands kamen auch Veränderungen in der Fürsorge für die Jugend. Auch wenn die Jugendämter vor 100 Jahren wie eine „hilflose Parodie“ auf die heutigen Jugendämter erschienen, seien sie doch geradezu revolutionär gewesen, erklärt Ewald Frie. Vor allem, wenn man die vorherrschenden gesellschaftlichen Bedingungen bedenke.

Das Kreisarchiv musste zahlreiche Akten für die Recherche anonymisieren

Am Entstehungsprozess des Buches waren gleich drei unterschiedliche Stellen beteiligt: Das Amt für Jugend, das Kreisarchiv des Landkreises und, wie erwähnt, der Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der Universität Tübingen. Über ein Seminar bekamen nämlich auch einige Studierende die Möglichkeit, an der Publikation mitzuarbeiten. Den Anstoß für das Projekt hatte im Jahr 2020 der ehemalige Jugendamtsleiter Wolfgang Trede gegeben; er war 20 Jahre lang Chef der Kreiseinrichtung, hat sie deutlich geprägt und ist im Jahr 2022 in Ruhestand gegangen.

Trede fragte bei Ewald Frie an, ob dieser sich für ein solches Projekt begeistern könne – er konnte. In intensiver Archivarbeit erarbeiteten die Autorinnen und Autoren Themen wie beispielsweise den Aufbau der Jugendämter, die Haltung gegenüber Jugenddiscos, sowie den Bedeutungswandel der Jugendämter durch den Nationalsozialismus, die Zeit der Denazifizierung bis hin zum dienstleistungsorientierten Ansatz der Jugendhilfe heute.

Vor allem für das Kreisarchiv brachte die historische Aufarbeitung des Materials aufwendige Vorarbeiten mit sich. Denn die Akten seien gesperrtes Archivgut gewesen, die strengsten Datenschutzauflagen unterliegen würden, erklärt Kreisarchivarin Debora Fabriz. Die Akten mussten anonymisiert, also Kopien angefertigt und Namen geschwärzt werden. Neben den Studierenden bearbeiteten auch Fabriz, die Jugendhilfeplanerin Viola Haas und der ehemalige Jugendamtsleiter Wolfgang Trede Themen und Zeitabschnitte für die Publikation.

Die Publikation ist im Anton H. Konrad Verlag erschienen und ist im Buchhandel zum Preis von 24,80 Euro erhältlich.

Das Jugendamt hat viele Aufgaben

Mitarbeitende
 Im Kreis Böblingen kümmern sich rund 320 Mitarbeitende um das Wohl der Jugend. Damit ist es das größte Amt in der Landkreisverwaltung.

Aufgaben
 Das Jugendamt befasst sich heute unter anderem mit Adoptionsvermittlung, Kinderschutz und Elternbildung. Unter dem Dach des Jugendamtes befinden sich ebenfalls die Psychologischen Beratungsstellen, die Jugendgerichtshilfe und der Soziale Dienst, der Hilfe bei erzieherischen Problemen etwa bei Scheidung. In den Anfangsjahren des Jugendamtes kümmerten sich die Angestellten hauptsächlich um elternlose Kinder.