Hans-Jörg Jäkel hat mit seinem privaten Festkomitee das Bahnhofsjubiläum organisiert. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Vor 100 Jahren ist erstmals ein Zug vom heutigen Hauptbahnhof abgefahren. Die Station löste ihre Vorgängerin an der heutigen Bolzstraße ab. Dank einer privaten Initiative gibt es einen Festabend sowie Sonderfahrten. Die Bahn bietet Führungen über die Baustelle an.

Der Stuttgarter Hauptbahnhof wird 100 Jahre alt. Am 23. Oktober 1922 ist erstmals ein Zug von der neuen Station abgefahren. Zeitgleich ging der bisherige Bahnhof an der heutigen Bolzstraße außer Betrieb. Es hat der Initiative einiger Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger bedurft, dass dieses Jubiläum nicht sang- und klanglos verstreicht. Im Interview erklärt Hans-Jörg Jäkel, der Präsident des eigens gegründeten Festkomitees, seine Motivation und was für ihn den Hauptbahnhof des Architekten Paul Bonatz besonders macht.

 

Herr Jäkel, was bringt jemanden dazu, als Privatmann das Bahnhofsjubiläum zu organisieren?

Ich bin seit fast 30 Jahren in der Museumsbahnszene in der Region engagiert. Da kommt man am Stuttgarter Hauptbahnhof nicht vorbei. Die Geschichte des Bauwerks ist sicherlich durch die Diskussionen in den zurückliegenden Jahren nochmals besonders bewusst geworden.

Geht es nicht einfach um einen Zweckbau? Was macht den Hauptbahnhof so besonders?

Der Zweck ist heute vielleicht tatsächlich reduziert auf das Ein- und Aussteigen. Früher war ein Bahnhof noch viel mehr, da ging es noch um Post, um Gepäck, um Restaurants. Davon ist heute nicht mehr viel übrig. Aber der Architekt Paul Bonatz hat das alles in seine Planungen einbeziehen müssen. Wie dafür Lösungen gefunden wurden, ist schon beachtlich.

Wo zeigt sich das?

Für mich ist die Gestaltung der großen und der kleinen Schalterhalle sowie des Mittelausgangs bemerkenswert. Das folgt dem Gedanken, dass Fernreisende und Menschen mit Zielen im Nahverkehr zwei getrennte Eingänge nutzen, während der Mittelausgang tatsächlich lediglich ein Ausgang sein sollte. Er ist deshalb ganz unauffällig hinter den Säulenreihen versteckt. Das dient alles dazu, die Personenströme voneinander zu trennen. Zu nennen sind sicherlich auch die drei Tunnel quer zu den Gleisen für Post, Fracht und für Passagiere. Und dann hat Bonatz noch ästhetisch ansprechende Lösungen für die Diensträume gefunden, die im ehemaligen Südflügel untergebracht waren.

Die Art des Reisens hat sich geändert. Muss sich das nicht auch in einem Bahnhof widerspiegeln?

Ja, da hat sich vieles verändert. Aber gerade wir als Museumsbahner versuchen die Kultur des Reisens wieder erlebbar zu machen. Es geht darum, dass Reisen mehr als eine bloße Dienstleistung sein soll.

Nun engagieren Sie sich in diesem Sinne für das Bahnhofsjubiläum. Wie war die Resonanz der öffentlichen Stellen in der Stadt, beim Land und bei der Bahn?

Ich hatte Kontakt mit dem Sprecher des Infoturms am Bahnhof. Die bieten am Jubiläumswochenende Sonderführungen an. Das war auch schon mal anders. Matthias Roser, der die Geschichte des Bahnhofs umfangreich dokumentiert hat, konnte 1987 die Bahn beim 65-jährigen Jubiläum des Bahnhofs, also beim „Übergang ins Rentenalter“ noch zu einem großen Fest bewegen. Dieses Mal hatten wir freie Hand bei den Planungen, um es positiv zu formulieren. Was aber im Verhältnis zur Bahn wirklich gut geklappt hat, war die Organisation unserer Sonderfahrten am Jubiläumswochenende.

Und Stadt und Land?

Da gab es keine Reaktionen. Das wundert mich bei der Stadt schon deshalb, weil es ja jüngst im Stadtpalais die Ausstellung über Stuttgart in den zwanziger Jahren gegeben hat. Just damals spielte der Bahnhof eine große Rolle. Immerhin hat das Staatsministerium auf unsere Einladung an Winfried Kretschmann zur Festveranstaltung im Rathaus am 20. Oktober reagiert. Er bedaure nicht teilnehmen zu können und lässt Grüße ausrichten.

Was wartet auf all jene, die es hingegen einrichten können?

Am Donnerstag wird das Bahnhofsjubiläum im Rathaus festlich begangen. Vorträge, alte Fotos und Filme würdigen 100 Jahre Bahngeschichte. Am Samstag und Sonntag fahren je zehn Sonderzüge mit historischen Lokomotiven und Wagen vom Hauptbahnhof aus nach Esslingen und Ludwigsburg und zurück. Am häufigsten geht es über die Gäubahn nach Vaihingen. Einerseits ist das am Kesselrand hinauf landschaftlich besonders attraktiv, und andererseits wollen wir natürlich auch ein Zeichen für die Gäubahn setzen. Am Samstag verlassen zum Auftakt zwei von Dampfloks gezogene Züge um 11 Uhr parallel den Bahnhof. Und wir kooperieren mit den Miniaturwelten Stuttgart, also der großen Modellschau der Stuttgarter Innenstadt, die direkt gegenüber vom Bonatz-Bau gezeigt wird. Dort gibt es heute schon Fahrkarten zu kaufen.

Hinter der Organisation steht ein von Ihnen gegründetes Festkomitee. Wie viel Arbeit steckt darin?

Zuletzt war es schon fast ein Full-Time-Job. Das Komitee hat sich alle 14 Tage getroffen. Da konnten wir produktiv die Arbeit auf mehrere Schultern verteilen. Hilfreich war, dass insbesondere Vertreter der Museumsbahnszene richtig mitgezogen haben, das gilt insbesondere für die „Dampfnostalgie Karlsruhe“. Die sind an beiden Tagen mit ihrem Zug in der Stadt und bringen zudem noch Besucher aus dem badischen Landesteil nach Stuttgart.

Soll am Jubiläumswochenende nur in der Vergangenheit geschwelgt werden?

Wir wollen zeigen, was der Bahnhof auch heute noch kann und ist. Vielleicht stößt das ja nochmals einen Nachdenkprozess über die Bedeutung des Bauwerks und seine Funktion an, nach dem Motto: über die Vergangenheit nachdenken und daraus Schlüsse für die Gegenwart und die Zukunft ziehen.

Ein Blick in die Zukunft: Wie sieht der Bahnhof aus, wenn er 150 Jahre alt wird?

Das werde ich nicht mehr miterleben (lacht).

Wo sich das Bahnhofsjubiläum begehen lässt

Festabend
Am Donnerstag, 20. Oktober, beginnt um 18 Uhr im Großen Sitzungssaal des Rathauses eine Veranstaltung mit Vorträgen, Bildern und Filmen zur Geschichte der Eisenbahn und des Bahnhofs in Stuttgart. Der Abend wird wie auch die Sonderfahrten am Wochenende von einem privaten Komitee organisiert.

Sonderfahrten
Am Wochenende 22./23. Oktober beginnen und enden Sonderfahrten mit historischen Zügen am Hauptbahnhof. Sie führen nach Ludwigsburg, Esslingen oder Vaihingen. Fahrkarten gibt es im Internet bei den Ulmer Eisenbahnfreunden (https://www.uef-dampf.de/) oder in der Modellausstellung „Miniaturwelten“, Arnulf-Klett-Platz 1–3, gegenüber dem Bonatz-Bau.

Führungen
Das Bahnhofsgebäude ist wegen des Umbaus derzeit gesperrt. Einblicke ins Baugeschehen gibt es bei Sonderführungen am Jubiläumswochenende, die vom Bahnprojektverein Stuttgart–Ulm angeboten werden. Die Führungen beginnen am Infoturm Stuttgart bei Gleis 16. Karten können auf der Internetseite https://www.its-projekt.de/ gebucht werden.