Ausschnitt aus dem Plakat für die Jubiläumsfeier der Büchergilde im Literaturhaus Stuttgart von Jim Avignon Foto: Büchergilde

Seit 100 Jahren behauptet sich die Büchergilde Gutenberg mit attraktiven Ausgaben zu erschwinglichen Preisen. Zum Jubiläum hat der Künstler Jim Avignon Jörg Fausers Krimi „Der Schneemann“ illustriert. Ein Grund zum Feiern – auch in Stuttgart.

Unter dem Titel „Mit heiteren Augen“ erscheint 1924 ein Band mit Erzählungen Mark Twains. Es ist das erste Buch einer Initiative engagierter Buchdrucker, die in handwerklich hochwertigen Ausgaben breiteren Kreisen den Zugang zur Bildung ermöglichen wollten. In schön gesetzter Fraktur wendet sich die Einleitung an die „lieben Gildenbrüder und Gildenschwestern“: „Mit diesem Buch beginnt unsere Büchergilde Gutenberg ihre Wirksamkeit.“ Auch hundert Jahre später kann man mit heiteren Augen auf die aus der Arbeiterbewegung hervorgegangene Unternehmung blicken. Denn während andere Buchclubs auf der Strecke geblieben sind, kann sich die Büchergilde in ihrer spezifischen Mischung von Aufklärung und Bibliophilie behaupten.

 

In der kleinen Buchhandlung der Buchgemeinschaft im Literaturhaus Stuttgart liegt ein schöner Reprint des Originals der Twain-Geschichten, die in ihren pointierten und kritischen Alltagsbeobachtungen ihrerseits die Jahre gut überdauert haben. Bücher, „die Freude machen, Bücher voll guten Geistes und von schöner Gestalt“, wie es in der Einleitung heißt, finden sich im Laden von Gabi Kolwe in großer Zahl.

Gabi Kolwe von der Buchhandlung Büchergilde im Literaturhaus Stuttgart zeigt den Band, mit dem alles begann: „Mit heiteren Augen“ von Mark Twain. Foto: Stefan Kister

Eines allerdings sticht in diesen Tagen unter der Auswahl liebevoll gemachter Lizenzausgaben bewährter und aktueller Titel besonders heraus: der von dem Pop-, Straßen- und Vielseitigkeitskünstler Jim Avignon mit plakativer Wucht und feinem Textgespür illustrierte Band von Jörg Fausers coolem Krimi „Der Schneemann“. Dessen Street-Credibility bringen frische Farben zum Leuchten. Und hier kommt noch gleich ein zweites Jubiläum dazu: In diesem Jahr wäre der Autor 80 geworden, hätte ihn nicht am Tag seines 43. Geburtstags unter nicht ganz geklärten Umständen ein Lastwagen auf der Autobahn überrollt.

Aber bevor man hier weiterblättert, kann man sich von der Inhaberin Gabi Kolwe einen kurzen Abriss der Idee geben lassen, die das Geschäft trägt, das sie seit den 80er Jahren an verschiedenen Orten geführt hat, zuletzt in dem seinerseits legendären, im letzten Jahr geschlossenen Stuttgarter CD- und Schallplattengeschäft Einklang. Die in Leipzig gegründete Büchergilde verdankt sich dem gleichen Bestreben wie etwa die Stuttgarter Philharmoniker oder die Kulturgemeinschaft des Gewerkschaftsbundes, die in diesem Jahr ebenfalls ihr hundertjähriges Bestehen feiern: „Es ging darum, großen Teilen der Bevölkerung, den Arbeitern, Zugang zu Wissen, Bildung und Kultur zu ermöglichen.“

Bei Bosch und Daimler

Die Büchergilde wurde schon bald der Gewerkschaftsbewegung eingegliedert. Während des Nationalsozialismus überdauerte der Geist des Unternehmens mit seinen führenden Köpfen im Schweizer Exil. Nach dem Krieg gewann der Gedanke, die Arbeiterschaft mit guter Literatur in sorgfältig gemachten Ausgaben zu versorgen, wieder an Fahrt. Wer in die IG Metall eintreten wollte, bekam lange Zeit zwei Anträge vorgelegt, einen für die Gewerkschaft, einen für die Büchergilde, erzählt Gabi Kolwe. In Stuttgart waren die Vertrauensleute der Buchgemeinschaft bei Bosch und Daimler sehr aktiv.

Seit gut zwanzig Jahren gehen Gewerkschaft und Gilde wieder getrennte Wege. Die ehemaligen Mitarbeiter führten den Verlag auf eigene Faust weiter. Mit Erfolg. Am Grundkonzept hat sich wenig geändert: Von Titeln, die als relevant erachtet werden, wozu Bücher der Stunde ebenso gehören können, wie zu Unrecht in Vergessenheit Geratenes, kauft der Verlag die Lizenzen für eine bestimmte Auflage und gibt sie nach den eigenen Ansprüchen gestaltet neu heraus. Wer Mitglied wird, muss keinen Beitrag zahlen, sondern verpflichtet sich pro Quartal zum Kauf eines Buches.

Vom Schmuddelkind zum Klassiker

Zwar kann man in Gabi Kolwes Geschäft jeden beliebigen lieferbaren Titel soweit nicht vorrätig bestellen, die schönen Büchergilde-Ausgaben jedoch bleiben den Mitgliedern vorbehalten. Deren Zahl ist mit etwa 60 000 stabil, sogar mit leicht steigender Tendenz. „Ich erlebe, dass vermehrt wieder junge Leute Interesse zeigen, sie schätzen die Auswahl, die aus dem überbordenden Angebot des Buchmarkts getroffen wird“ – und, wie man wohl hinzufügen darf, solche erfrischenden Vergegenwärtigungen wie das Fauser-Buch.

Kolwe zitiert Tucholsky: „Ein schönes Buch ist die Verneigung vor dem Autor.“ Jim Avignon, der als Straßenmaler begonnen hat, verneigt sich tief vor Jörg Fauser, der, bevor er zum Kultautor aufgestiegen konnte, erdulden musste, von greisen Großkritikern in die Gosse getreten zu werden: „Sie gehören nicht hierher“, beschied ihm ein angewidert fuchtelnder Marcel Reich-Ranicki beim Wettlesen um den Bachmannpreis in Klagenfurt. Mittlerweile droht dem einstigen Schmuddelkind eher Gefahr von der anderen Seite: zum Klassiker kanonisiert zu werden.

Doch die unbekümmerte Subversion, in der Jim Avignon die Bildsprache alter Großstadtmeister wie Otto Dix, Max Beckmann oder George Grosz zitiert und gleichzeitig unterläuft, macht auch von dieser Seite alles klar. „Der Schneemann“ handelt von dem Kleinkriminellen Siggi Blum, der eigentlich nur Pornoheftchen verticken will, und sich plötzlich im Besitz eines Koffers Kokain wiederfindet. Und nun sind ihm alle auf den Fersen, glaubt er zumindest. Feinster Krimi-Stoff.

Fauser hat der alten BRD die Ohren für den Sound von Autoren wie Jack Kerouac, William Burroughs und Allen Ginsberg geöffnet. Zur 100-Jahr-Feier der Büchergilde im Literaturhaus, bei der Jim Avignon seine Arbeit vorstellt, wird der Soundtrack von den Rockpoets geliefert, einer musikalischen Formation, die aus den einst von Büchergilde und Einklang gemeinsam veranstalteten Erlebnisnächten hervorgegangen ist. So finden bei diesem Jubiläum heitere Augen und heitere Ohren zusammen.

Jörg Fauser: Der Schneemann. Illustriert von Jim Avignon. Büchergilde Gutenberg. 304 Seiten, 28 Euro.

Info

Termin
Geschichte trifft Gegenwart – 100 Jahre Jahre Büchergilde: Mit Jim Avignon und den Rockpoets, 28. September, 18 Uhr Literaturhaus Stuttgart