Stéphanie Zarev gehört zu jenen, die vor zehn Jahren das Massaker im Pariser Szenesaal Bataclan überlebten. Sie sagte bei dem Prozess gegen die Attentäter aus.
Vor zehn Jahren, am 13. November 2015, richteten drei Terroristen im Pariser Szenesaal Bataclan während eines Konzertes ein Massaker an. Kurz zuvor hatten andere Kommando bereits vor dem Stade de France und auf mehreren Pariser Bistroterrassen gewütet. Die schreckliche Bilanz der Terrornacht: 130 Tote und über 400 Verletzte. Unter ihnen war die Informatikerin und Rockmusikliebhaberin Stéphanie Zarev (52). Wir trafen sie in ihrer Banlieue-Wohnung südlich von Paris.
Frau Zarev, können Sie schildern, was Sie am 13. November erlebten?
Vor der Bühne lernte ich ein Pärchen kennen, und wir freuten uns an der ausgelassenen Stimmung. Um 21 Uhr kamen die Eagles of Death Metal auf die Bühne. Wir tanzten, sangen. Um 21.47 Uhr schickte ich meinem Freund ein Foto, als der Song „Kiss the Devil“ begann. Da setzte hinten beim Eingang auch eine Knallerei ein. Als ich mich umdrehte, war die Band verschwunden. Nun sah ich, dass die Leute nacheinander umfielen, und zwar immer näher bei mir. Vor mir verblieb nur noch eine Reihe von Besuchern – und sie rettete mir das Leben, so schrecklich es für sie zu sagen ist.
Was passierte dann?
Dann sah ich zwei Typen mit Kalaschnikows und ihr Mündungsfeuer – aber ich hörte nichts. Mein Hirn hatte den Ton abgeschaltet. Meine letzte Erinnerung im Saal ist eine blonde Frau mit einem rosa Pullover. Dann setzte mein Gehirn aus. Noch heute fehlen in meiner Erinnerung ein paar Minuten. Sie setzt wieder ein, als ich bereits draußen war, gleich beim Notausgang. Ich war nicht die einzige, viele waren blutüberströmt. Ich sah das Pärchen, das ich vor Konzertbeginn kennengelernt hatte, wir fielen uns um den Hals. Da schrie ein Engländer: „Sie kommen! Lauft los, sie schießen auf uns!“. Wir rannten im Zickzackkurs, um nicht getroffen zu werden, durch die Amelot-Gasse, bis wir in Sicherheit waren.
Und wie geht es Ihnen heute?
Vor einem Jahr konnte ich die psychiatrische Hilfe beenden. Ich gelte als „konsolidiert“. Aber ich bin nicht mehr derselbe Mensch. Ich habe meinen Führungsjob im nationalen Gesundheitsamt Inserm gegen eine leichtere Abteilung eingetauscht. Die öffentlichen Verkehrsmittel nehme ich nicht mehr, aus Angst, eingeschlossen zu sein, wenn etwas passieren würde. Wenn zu viele Fahrgäste in den Waggon kommen, verliere ich die Kontrolle über mich.
Sind Sie in den Bataclan zurückgekehrt?
Ja! Das erste Konzert im wiedereröffneten Saal war schwierig, alles kam wieder hoch. Auf der Bühne spielte Sting, aber ich achtete nicht auf ihn, ich weinte das ganze Konzert hindurch. Seither bin ich aber bestimmt 50-mal im Bataclan gewesen.
50-mal?
Der Bataclan ist für mich eine Art zweites Heim geworden. Ich mag den Stil der Konzerte dort – Rock, Metal. Jedes Mal treffe ich Didi, der 2015 Sicherheitschef gewesen war und vielen Besuchern das Leben rettete, indem er sie evakuierte. Er ist ein wenig unser Schutzengel.
Sie sagten bei dem Prozess gegen die Bataclan-Attentäter aus. Wie war das?
Es hatte eine enorm befreiende, entlastende Wirkung. Vor der Welt zu erzählen, wie ich den 13. November und die Jahre danach erlebt hatte, tat mir äußerst gut. Es war, als würde ich eine Tonne Leiden los!
Wie kamen ihnen die Angeklagten vor?
Der Prozess dauerte acht Monate. In dieser langen Zeit zeigte sich, wer diese jungen Terroristen wirklich sind – Schulabbrecher ohne Erziehung, ohne Bildung, teilweise unter Gruppenzwang stehend, und längst nicht alle radikalisiert. Einige tranken Alkohol, besuchten Bars.
Wie Salah Abdeslam, der einzige überlebende Terrorist, Chauffeur des Bataclan-Kommandos, der eine lebenslange Strafe absitzt. Haben Sie diese zentrale Figur des Prozesses verfolgt?
Ja, ich habe sogar mit ihm gesprochen.
Mit Abdeslam? Wie das?
Das geschah, nachdem er endlich begonnen hatte, auszusagen. Er legte mehr und mehr seinen Panzer ab, und auch wenn im Publikum nicht alle hinhörten, schwor er dem Dschihad ab. Dieser Terrorist sprach von Frieden, er entschuldigte sich bei den Opfern und er sagte, er hoffe, dass man ihn nicht zu sehr hasse. Das bewirkte in mir etwas Unerwartetes: Das schmerzhafte Gefühl, ein Opfer kalter verachtender Killer zu sein, schwächte sich in mir ab. Am Ende eines Verhandlungstages ging ich, ohne viel zu überlegen, zu Abdeslams Anwältin und fragte sie, ob ich Abdeslam etwas sagen könne. Sie hatte nichts dagegen, und ich ging zur Plexiglaswand, hinter der er auf den Polizeiabtransport wartete. Ich sagte ihm guten Tag und erklärte ihm, ich sei am 13. November im Bataclan gewesen. Hass gegen ihn empfände ich nicht, jedenfalls nicht mehr, da ich gemerkt hätte, dass solche Negativgefühle nur mir selber zusetzten.
Wie reagierte Abdeslam?
Er war bewegt, er dankte mir und wünschte mir alles Gute. Das war es auch schon, ich ging meines Weges. Surrealistisch, nicht? Denn zugleich will mir bis heute nicht in den Kopf, wie jemand Leute töten will, nur weil sie Karikaturen zeichnen oder an anderes glauben. Dafür gibt es keine Rechtfertigung, keinen Pardon. Aber was ich Abdeslam sagen wollte: Den Hass brauche ich nicht mehr. Denn ich will noch etwas vom Leben haben.