„The rise of the black swan“ ist der kreative Schlusspunkt der erfolgreichen Standardformation des TC Ludwigsburg. Foto: Baumann

Die Trainer Dagmar und Norman Beck taten sich immer schwerer, genügend Paare zu finden, kritisieren aber auch den Verband und dessen Bevorzugung der Nordklubs.

Wenn Dagmar und Norman Beck in ihrem Büro voller Hingabe und Begeisterung von ihrer Passion erzählen, dann ist es nur schwer vorstellbar, dass sich die beiden Trainer des 1. TC Ludwigsburg aus dem Formationstanzen zurückziehen. Doch nicht nur das Duo tritt ab – auch die Standardgruppe wird aufgelöst und tritt im Januar nicht mehr in der Bundesliga an. Das ist eine Zäsur für den Verein, aber auch den Tanzsport als solches. „Der Schritt fiel uns nicht leicht, aber inzwischen haben wir keine Kraft mehr, gegen offensichtliche Benachteiligungen anzukämpfen“, sagt Norman Beck.

 

Er und seine Frau kritisieren offen den Deutschen Tanzsport Verband (DTV). So seien „Chancengleichheit und neutrale Rahmenbedingungen nicht mehr in ausreichendem Maße gegeben“. Die Becks spielen auf die gefühlte Benachteiligung der Klubs aus dem Süden gegenüber dem Nordmeister TSC Braunschweig an. „Die Verantwortlichen des DTV müssen sich Gedanken machen, wie sie das weiterführen wollen“, sagt Norman Beck. Eine Reaktion seitens des DTV auf die Vorwürfe ist bislang ausgeblieben.

Athletische und kreative Choreos

Doch es gibt noch weitere Gründe für den Cut. Zum einen wurde es immer schwieriger für den TCL, genügend Paare zu finden, die neben ihrem Job bis zu 20 Stunden die Woche in das Training investieren wollen. Auch der finanzielle Aufwand ist sehr hoch und die Sportförderung der Stadt wurde zurückgefahren.

Doch was bleibt? Die Becks standen 40 Jahre für innovatives und kreatives Tanzen – erst als Standardpaar, dann als Trainer einer der weltweit besten Formationen. Mit der „Schwarzen Witwe“ wurden sie 1992 Vizeweltmeister im Paartanz. Die Choreografie war ein Grundstein für die folgenden Kreationen mit der Formation. Zwölf Mal wurden sie Weltmeister, 13 mal holten sie Silber. Aber es sind nicht nur die Medaillen, die erinnerungswürdig bleiben. Dagmar und Norman Beck haben Geschichten erzählt, mit ihren Choreografien die Menschen berührt. Sie haben sich immer wieder neu erfunden – ob bei „Kontraste“, „Barcelona“ oder „The rise of the black swan“, sind dabei immer der Philosophie vom athletischen Tanzen gefolgt.

Ihre Leidenschaft fürs Tanzen leben Dagmar und Norman Beck nicht mehr beim Formationstanzen aus. Foto: Baumann

Bei ihrem letzten Arrangement haben sie mit dem Schwarzen Schwan ein klassisches Thema neu interpretiert „Wir saßen damals im Tonstudio und haben uns 96 Titel angehört und daraus dann die Musik konzipiert“, erinnert sich Norman Beck. Herausgekommen ist ein emotionales Kraftwerk, dass auf der Fläche harmoniert. „Wir wollten etwas darstellen, das es so noch nicht gab“, sagt Dagmar Beck im Rückblick. Umso enttäuschter war die Standardgruppe dann über den zweiten Platz bei der heimischen Deutschen Meisterschaft in der MHP-Arena in Ludwigsburg hinter dem TSC Braunschweig. Nicht nur dort fühlten sie ihr Werk bei den zwölf Wertungsrichtern nicht entsprechend gewürdigt.

Schmach im eigenen Haus schwer zu verdauen

„Das war schon eine Schmach im eigenen Haus. Das Team hat sehr gelitten“, sagt Dagmar Beck. Man sei eine Woche ganz unten gewesen, habe sich dann berappelt und sich mit dem Weltmeisterschafts-Titel in Wien auf neutralem Boden belohnt. „Wir haben damit einen Schlusspunkt gesetzt, der an Kreativität und Innovationskraft alle bisherigen Küren überstrahlt“, sagt Dagmar Beck. In der Bundesligarunde fielen die Wertungen dann wieder schlechter aus. Tanzen ist eben eine Sportart, die nicht mit Meter oder Zeit gemessen werden kann, sondern einer subjektiven Bewertung unterliegt. „Das müssen wir akzeptieren“, sagt Norman Beck.

Auf einmal waren neun Tänzerinnen und Tänzer weg

Nach der Bundesligarunde deutete sich der schleichende Rückzug an. Es ist nicht nach außen gedrungen, dass sieben von acht Herren und zwei Damen vorübergehend zurückgetreten waren. Die Becks konnten sie noch einmal zum Rückzug vom Rückzug bewegen. Bei den Deutschen Meisterschaften wurden sie mit einem Rückstand von 0,06 Punkten wieder Zweite hinter Braunschweig.

Dasselbe Bild dann bei den Weltmeisterschaften in Braunschweig, als die Ludwigsburger verletzungsbedingt nur mit sieben Paaren auf dem Parkett waren. Wie die Becks hatte der dortige Coach Rüdiger Knaack seinen Rückzug angekündigt. Die Bürgermeisterin der Stadt hatte vor dem Wettbewerb eine Lobeshymne auf deren scheidenden Coach gehalten. Für die Becks eine Form der Einflussnahme auf die Wertungsrichter. Danach entschieden sie sich dann für den radikalen Schnitt.

Becks bleiben dem Tanzsport erhalten

Der Bundesliga-Wettkampf in Ludwigsburg am 10. Januar wird aber – ohne eigene Beteiligung – dennoch stattfinden. „Das Leben geht weiter, und uns wird es nicht langweilig“, sagt Dagmar Beck. Die Formation ist für sie Geschichte. Das Tanzen nicht. Sie wird weiterhin Verbands- und Stadtverbandstrainerin sowie Jugendwartin beim 1. TCL bleiben. Ihr Mann ist Präsident des Vereins und will sich in den anderen Abteilungen wie Solo-Formate, Latein- und Jazz-Formation einbringen. Aber aufgegeben hat Norman Beck sein Lebenswerk nicht: „Wir denken schon, dass es irgendwann wieder Standardformationen geben wird.“