Schriftstellerinnen im Gespräch: Lena Gorelik (li.) und Chimamanda Ngozi Adichie Foto: Sebastian Wenzel

Schreiben, während die Welt geschieht: Die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie hat im Mozartsaal der Liederhalle mit einer denkwürdigen Rede das erste Literaturfestival der Stadt eröffnet.

In welchem Verhältnis steht Literatur zu dem, was um sie herum passiert? Zu Kriegen, Krisen, inneren wie äußeren? Was hat sie einer Gegenwart im Ausnahmezustand entgegenzusetzen? Fragen wie diese sind unter dem Motto des ersten Stuttgarter Literaturfestivals gefasst: „Schreiben, während die Welt geschieht“. Und sie sind so grundsätzlicher Art, dass die kommenden zehn Tage und mehr als 50 Veranstaltungen in der Stadt kaum ausreichen werden, sie zu beantworten.

 

Blickt man jedoch zu Beginn dieses Eröffnungsabends, umschwirrt von Grußworten, programmatischen Ausblicken und literarischen Glaubensbekenntnissen, in den bis auf den letzten Platz gefüllten Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle, hat man ein lebendiges Bild vor Augen, wie jener perspektivenerweiternde Resonanzraum aussehen könnte, den die Leiterin des Stuttgarter Literaturhauses, Stefanie Stegmann, zu Beginn beschwört: ein bunter Querschnitt aller Altersgruppen, Herkünfte und Sprachen, dessen enthusiastische Reaktionsbereitschaft eher an Popkonzerte, denn an Literaturveranstaltungen denken lässt. Was natürlich an dem Stargast des Abends liegt, der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie.

Bevor diese ihren umjubelten Auftritt hat, umreißt die Schriftstellerin Lena Gorelik, die die erste Ausgabe dieses Festivals kuratiert hat, ihren Begriff einer Literatur, die am Weltgeschehen teilhat. Sie lenkt den Blick in die Ukraine, nach Syrien, in den Nahen Osten, auf die im Mittelmeer um ihr Leben bangenden Flüchtenden und die sich untereinander verbündenden Despoten – all dies geschehe, während sie hier spreche und alle darauf hofften, dass Chimamanda Ngozi Adichie endlich das Wort erteilt bekäme. „Die Welt zieht ihre Spuren durch die Seelen der Menschen“, sagt Lena Gorelik und leitet daraus eine unwillkürliche politische Positionsbestimmung literarischer Arbeit ab.

Hier nun wird es Zeit für die mit Spannung erwartete Rede einer der strahlendsten Protagonistinnen der neuen, jüngeren Weltliteratur, deren Name für Feminismus, den Kampf gegen Rassismus steht, aber auch für Romane, die ein Millionenpublikum erreichen, weil sie keine Theorien illustrieren, sondern Menschen und ihre Schicksale zeigen. Und wie könnte sich besser darstellen lassen, wie beides zusammengeht, Engagement und Literatur, als im Erzählen einer Geschichte. Es ist ihre eigene. Sie handelt von einem Mädchen, das in der behüteten Welt eines Universitätscampus aufwächst, bevor Militärregierungen das Bildungswesen Nigerias zerstört haben werden.

Seltsame Lesefrüchte

Es entsteht das Erinnerungsbild einer glücklichen Kindheit, voller Aromen, Düfte, Farben, Pflanzen. Doch die prägendsten Eindrücke stiftet die Literatur, wobei es durchaus seltsame Lesefrüchte sind, die sich die Heranwachsende zusammensucht: neben „Anna Karenina“ Albert Speers „Erinnerungen“ – letztere hätten ihr Deutschland-Bild lange geprägt. Ihre Neugier und Belesenheit war verbunden mit dem Vorwurf mangelnden Respekts und setzten sie in Opposition zu Autoritäten.

„Ich sage gerne, dass ich mir das Schreiben nicht ausgesucht habe, sondern dass das Schreiben mich erwählt hat.“ Schon als Kind treibt sie das melancholische Gefühl um, nicht all die Geschichten erzählen zu können, die überall doch nur darauf warteten, erzählt zu werden. Den Transfer früher Erfahrungen in spätere Literatur deutet Adichie in Beispielen an: hier die Anekdote eines Gärtners, der erzählte, nach den Gräueln des Biafra-Krieges rote Augen gehabt zu haben – viele Jahre später wird sie sich beim Schreiben ihres Romans „Die Hälfte der Sonne“ seiner wieder entsinnen; dort die Verwerfungen der kolonialen Religionspolitik, die Gegenstand ihres Debüts „Blauer Hibiksus“ werden.

Appell an Joe Biden

Chimamanda Ngozi Adichie wuchs zweisprachig auf. Doch das Englische drängte das nigerianische Igbo aus der offiziellen Sphäre zurück: „Das heimtückischste Vermächtnis des Kolonialismus ist seine Fähigkeit, das, was einem gehört, zu verunglimpfen.“ Die Igbo-Kultur in ihrem natürlichen magischen Realismus ist ihr sowohl Inspirationsquelle wie Reibungsfläche, weil sie Frauen aus vielen Bereichen ausschließt. Auf der anderen Seite steht das Bedingtwerden durch die westliche Stereotypisierung Afrikas. Und interessanterweise zählt die Autorin dazu auch die Erwartungshaltung, afrikanische Romane könnten gar nichts anderes sein als Allegorien auf politische Verhältnisse.

Was nicht heißt, dass sie ihre herausgehobene Stellung nicht nutzen würde, um politische und soziale Themen anzusprechen. Und so verjüngt sich dieser atmosphärische Lebensabriss entlang prägender Wegmarken in den zornigen Appell an US-Präsident Joe Biden, der dem bei den jüngsten Wahlen in Nigeria nur durch massive Fälschungen ins Amt gelangten Kollegen seine Glückwünsche ausgesprochen habe: Die Hoffnungen der jungen Generation Nigerias würden dadurch in den Wind geschlagen und Amerikas Engagement für Demokratie nachhaltig infrage gestellt.

Jubel, stehende Ovationen erfüllen danach minutenlang den Saal. Und ein Gefühl, dass sich die Welt nicht nur zeitgleich irgendwo ereignet, sondern genau hier an diesem Abend ihr Zentrum hat. Adichies mit schöner dunkler Stimme in heiterer Gelassenheit auf Englisch erzählte Rede demonstriert, wie die Umstände des Lebens am Schreiben mitwirken. Nur zu gerne würde ihr Lena Gorelik im anschließenden Gespräch das Bekenntnis abtrotzen, sie sei eine politische Schriftstellerin. Lächelnd entzieht sich Adichie diesem Versuch einer Festlegung. Dafür gewährt sie ihrem Gegenüber auf die Frage, ob man durch Literatur die Welt verbessern könne, ein freundlich-skeptisches: Yes. Was für ein vielversprechender Anfang.

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Programm
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