Denkbar schlechter Pflichtspielstart: Trainer Frank Schmidt diskutiert mit seinem Kapitän Marc Schnatterer nach dem DFB-Pokal-Aus in Runde eines beim SV Wehen Wiesbaden. Foto: imago/Jörg Halisch

Die Spieler gehen, der Trainer bleibt: Frank Schmidt muss nach der besten Saison der Vereinsgeschichte mit einem krassen Umbruch beim 1. FC Heidenheim klar kommen. Woraus zieht der 46-Jährige seine Kraft?

Heidenheim - Die Uhr an jenem 6. Juli 2020 ging auf halb Zwölf zu. Das Relegations-Rückspiel gegen Werder Bremen in der Voith-Arena war seit einer Stunde Geschichte. Frank Schmidt stand mit dem Mikrofon in der Hand auf dem Balkon des angrenzenden Sparkassen BusinessClubs und blickte auf die 250 Fans, die auf den Schlossberg gekommen waren. Um die Mannschaft zu feiern, um den Trainer zu feiern. Trotz des hauchdünn verpassten Bundesliga-Aufstiegs. Zehneinhalb Wochen später, vor dem Punktspielstart am Sonntag (13.30 Uhr) gegen Eintracht Braunschweig, erinnert sich der Coach des Fußball-Zweitligisten 1. FC Heidenheim nur noch bruchstückhaft an diesen Abend. „Ich weiß nur, dass ich schon viel bessere Reden gehalten habe, als damals auf dem Balkon“, sagt Schmidt. Die Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Normalerweise steckt der 46-Jährige Rückschläge blitzschnell weg, schüttelt sich kurz – und blickt nach vorne. Doch diesmal dauerte alles länger, einiges länger.

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Schmidt, der absolute Wettkampftyp, hatte von einer Lebenschance gesprochen. Für sich. Für die Spieler. Für den Verein. Und dann scheitert der Außenseiter in der besten Saison seiner Vereinsgeschichte ohne zu verlieren (0:0, 2:2) an Werder Bremen. „Es war extrem bitter für uns. Ich habe schon drei, vier Tage gebraucht, um das zu verarbeiten“, räumt Schmidt ein. Dann aber stürzte er sich wieder in die Arbeit, führte Gespräche mit Spielern. Erst danach ging es mit der Ehefrau für fünf Tage an den Gardasee.

Seine Top-Spieler Niklas Dorsch, Tim Kleindienst (beide zu KAA Gent/Belgien) und Sebastian Griesbeck (Union Berlin) verabschiedeten sich dagegen nicht nur in den Urlaub, sie suchten den Aufstieg in die Erstklassigkeit bei anderen Clubs. Auch Stammkraft Timo Beermann (VfL Osnabrück) ging, dazu die Routiniers Arne Feick (Würzburger Kickers) und Robert Strauß (Karriereende).

Vertag bis 2023

Doch der Trainer blieb. Wie immer seit seinem Amtsantritt im Jahr 2007. Hat nicht auch er in der Stunde der Enttäuschung an einen Tapetenwechsel gedacht? „Nein, keine Sekunde. Ich habe meinen Vertrag vor zwei Jahren bis 2023 verlängert, um ihn zu erfüllen“, sagt er im Brustton der Überzeugung.

Dass die besten Spieler gehen, nimmt er ihnen nicht krumm. „Natürlich tut es weh, wenn uns Leistungsträger und Typen mit Herz verlassen, doch es gehört nun mal zum Geschäft“, sagt Schmidt. Der Verein kennt das: Robert Glatzel, Nikola Dovedan, Robert Leipertz (mittlerweile wieder zurück), Robert Andrich, Tim Skarke oder Florian Niederlechner – sie alle zog es einst weg aus Heidenheim. Doch so krass wie diesmal war der Umbruch noch nie. Immerhin: Die aktuellen Verkäufe spülten sieben Millionen Euro in die Kasse.

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Die investierte der Club um den Vorstandsvorsitzenden Holger Sanwald teilweise unter anderem in neun Neuzugänge, von denen Dzenis Burnic (zuletzt Dynamo Dresden/früher auch VfB Stuttgart) der bekannteste ist. Das dieser Neuaufbau nicht einfach wird, zeigte schon das erste Pflichtspiel: Mit dem 0:1 beim SV Wehen Wiesbaden war für den FCH der DFB-Pokal in Runde eins beendet. „Der Drittligist hat den Willen gezeigt, der eigentlich uns auszeichnet“, stellte Schmidt fest.

Sonntag gegen Braunschweig

Auf hoch motivierte Gegner wird sich der Vorjahres-Dritte auch in der neuen Zweitligasaison verstärkt einstellen müssen. Schon länger hatte Schmidt mit dem FCH in Fußball-Deutschland seine Handschrift hinterlassen, doch nach der famosen Vorsaison fliegt der Club von der Ostalb bei der Konkurrenz endgültig nicht mehr unterm Radar.

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Das macht es für Schmidt nicht einfacher. Doch einer, der ihn bestens kennt und ihn früher selbst trainierte, ist sich sicher, dass erneut eine gute Saison herausspringen wird: „Bei Frank gibt es keine Motivationsprobleme. Er hat diese angeborene Leidenschaft. Er brennt nach wie vor und will es allen beweisen, dass er es wieder hinbekommt. Er schöpft seine Kraft aus der Region“, sagt Ex-VfB-Profi Helmut Dietterle, „und aus der Familie.“ Schmidts Töchter (21 und 18) sind erwachsen, seine Frau hält ihm den Rücken frei. Und was glaubt der FCH-Coach selbst, wo er seine Energie hernimmt? Ein Lächeln blitzt auf: „Ich schlafe viel und gut. Ich bin widerstandsfähig, reflektiere mich, bringe einen Schuss Gelassenheit mit.“

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Und Alkohol trinkt er auch nur selten. Deshalb hat Schmidt das angebotene Whiskey-Geschenk von VfB-Sportdirektor Sven Mislintat ausgeschlagen, der ihm als Dank für die Heidenheimer Aufstiegs-Schützenhilfe nach dem 2:1 gegen den HSV zugedacht war. Inzwischen kam ein Paket mit Gin in Heidenheim an. Mit VfB-Emblem auf dem Etikett. „Da tat ich mich auch schwer, ihn zu trinken“, sagt Schmidt mit einem Augenzwinkern. Er ist eben Heidenheimer durch und durch. Und steht in seinem 14. Jahr vielleicht vor seiner schwersten Saison.

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