Aufsteiger 1. FC Heidenheim zahlt Lehrgeld in der Fußball-Bundesliga. Warum spielte Niklas Beste gegen die TSG Hoffenheim eine ganz besondere Rolle? Wo muss das Team von Trainer Frank Schmidt vor dem Duell in Dortmund ansetzen?
Als Niklas Beste in die Katakomben der Voith-Arena kam, tropfte das Wasser von seinen Haaren und seinem üppigem Bart, sein Trikot und auch die Hose waren vom Regen durchnässt. „75 Minuten war es ein super Spiel von uns. Das reicht aber in der Bundesliga einfach nicht. Wir müssen daraus lernen. Man darf so ein Spiel in einer Viertelstunde nicht aus der Hand geben“, sagte der offensive Mittelfeldspieler des 1. FC Heidenheim nach dem 2:3 (1:0) gegen die TSG 1899 Hoffenheim.
Sohn Charly kommt zur Welt
Es hätte die perfekte Woche für den 24-Jährigen werden können. Erst am Donnerstag war sein Sohn Charly auf die Welt gekommen. Das erste Bundesligaspiel beim VfL Wolfsburg (0:2) und das eine oder andere Training hatte er deshalb verpasst. Gegen Hoffenheim ging seine emotionale Achterbahnfahrt ungebremst weiter.
Ex-Reutlinger Pieringer trifft
Erst verschoss er gegen den glänzend parierenden TSG-Keeper Oliver Baumann einen Handelfmeter (16.), dann erzielte er mit einem Traumfreistoß Marke Tor des Monats das 1:0 (26.) und verewigte sich mit dem ersten Bundesligatreffer der Heidenheimer Vereinsgeschichte in den Annalen des Clubs. Das 2:0 (59.) durch den Ex-Reutlinger Marvin Pieringer bereite Beste mit einer genau gezirkelten Ecke mustergültig vor.
„Wir wussten, dass er ein richtig gutes Spiel machen wird“, lobte Trainer Frank Schmidt den ehemaligen Jugendspieler von Borussia Dortmund, der 2022 von Werder Bremen auf die Ostalb gekommen war. Der leichtfüßige und trickreiche Beste habe die Hoffenheimer vor „Riesenprobleme“ gestellt, meinte Schmidt. „Ich hätte es ihm sehr gegönnt, mit seiner jungen Familie ein wenig im Krankenhaus zu feiern.“
Spiel kippt
Doch dazu kam es eben nicht, weil das Spiel kippte – durch die Hoffenheimer Tore von Joker Maximilian Beier (77.), Pavel Kaderabek (80.) und Andrej Kramaric (90., Foulelfmeter). „Wir wissen, dass wir das Spiel nicht so aus der Hand geben dürfen, das ist brutal bitter“, klagte Beste.
Die Hardcorefans des FCH unter den 15 000 Zuschauern in der ausverkauften Voith-Arena hatten ihre Mannschaft mit einen riesigen rot-blauen Transparent begrüßt: „Angekommen am großen Tisch – Lasset die Spiele beginnen“, stand dort in weißen Lettern. Und schon nach zwei Bundesligapartien lässt sich feststellen: An diesem großen Tisch beißen sich die Heidenheimer Emporkömmlinge bisher die Zähne aus, etwas Zählbares fürs sportliche Überleben abzuräumen. Anders ausgedrückt: Sie lernen die Bundesliga gerade auf die ganz harte Tour kennen.
Nur fast alles richtig gemacht
In der zweiten Liga hat der FCH noch selbst die Spiele mit Energie, Können und Routine gedreht. Jetzt haben sie zwar gegen die Elf von Trainer Pellegrino Matarazzo bis auf die Schlussviertelstunde fast alles richtig gemacht, doch nach dem Gegentreffer gingen Übersicht, Ruhe und Kontrolle komplett verloren. „Fußball ist Ergebnissport, deshalb sind wir enttäuscht“, stellte Torwart Kevin Müller sachlich-nüchtern fest, nicht ohne eine Kurzanalyse von sich zu geben: „Wir haben uns zu sehr hintenreindrängen lassen, sind zu tief gestanden und haben es nicht mehr geschafft für Entlastung zu sorgen. Wir müssen künftig noch stabiler, noch ekliger werden – über 90 Minuten“, forderte Torwart Kevin Müller. Die lange Zeit schwachen Hoffenheimer hatten dann eben doch die Qualität, die Nachlässigkeiten des Neulings knallhart zu bestrafen.
Fest steht: Die Aufgaben werden nicht leichter. Im Gegenteil. Am kommenden Freitag (20.30 Uhr) geht es zu Vizemeister Borussia Dortmund. „Wir dürfen nicht lange an uns zweifeln, denn das ist eine neue Dimension, die am Freitag auf uns zukommt“, sagte Schmidt auch mit Blick auf die 80 000-Zuschauer-Kulisse im Signal-Iduna-Park und versprach: „Wir werden uns wehren mit allem, was wir haben.“ Wenn das 90 Minuten lang gelingt, wird es vielleicht auch reichen, von einem ganz großen Tisch mal etwas Zählbares mitzunehmen.