Ein Stück Kunstgeschichte: Schlemmer-Wandbild „Familie“ Foto: Staatsgalerie

Die „Stuttgarter Nachrichten“ hatten 2015 für eine Spendenaktion der Staatsgalerie Stuttgart geworben. Jetzt meldet das Museum den Erfolg. Im Schulterschluss privater und öffentlicher Gelder konnte Oskar Schlemmers Wandbild „Familie“ angekauft werden. 1,95 Millionen Euro gingen an eine Familienstiftung in der Schweiz.

Stuttgart - Am 17. Januar 1940 notiert Oskar Schlemmer, sieben Jahre zuvor aus dem Lehramt entlassen und mit 13 Werken in der Schandausstellung „Entartete Kunst“ in München vertreten, in seinem Tagebuch: „Ich werde immer eine Abstraktion erstreben und ­verteidigen, die nicht nur in indifferenten Formen und Farben sich erschöpft, sondern Symbolwerte zu schaffen sucht und dadurch von selbst sich über alles nur Formale, ­Formelhafte erhebt.“

Und Schlemmer fügt hinzu: „Ich glaube dabei auch immer noch an die Notwendigkeit oder zwangsläufige Verbundenheit mit der Figur, der menschlichen, als dem ,Maß der Dinge‘, als dem Bindeglied zu einer Verständigung überhaupt. Reine Form, ungegenständliche, bleibt für mich Dekoration. Ich glaube nicht, dass es ihr gelingen wird, die Kräfte lebendig zu machen, die durch das Medium vermittelt werden können.“ Wie aber können diese Gedanken, kann dieser Standpunkt bildnerisch Realität werden, ablesbar werden?

Die Chance

In Stuttgart kommt es 1939 zu einer denkwürdigen Begegnung. Der Verleger und Kunstsammler Dieter Keller (1909–1985) – dessen Familie gründet in Stuttgart den Kosmos-Verlag mit – beauftragt Oskar Schlemmer mit einem Wandbild für sein ­Privathaus. In Deutschland seit sieben ­Jahren verhöhnt, sieht Schlemmer, in den 1920er Jahren als Bauhaus-Künstler international gefeiert, eine für ihn in Hitler-Deutschland und ­inmitten des entfesselten Krieges einmalige Chance – „ein letztes Mal frei und kompromisslos“ arbeiten zu können.

Mehr noch aber: „Ich will“, notiert Schlemmer am 12. Februar 1940, „eine Demonstration des Typus und der Sache Wandbild, und ich will auch bezüglich meiner Sache eine neue Demonstration.“ Schlemmer sieht die Chance, sein Ideal des Wandbildes mit Leben zu erfüllen. „Das Wandbild“, notiert er am gleichen Tag, „ist grundsätzlich Fläche und ein Bestandteil des Raums und hat dessen geheime und offenkundige Gesetze aufzunehmen, auszulösen, weiterzutragen.“

Das Thema

76 Entwürfe für das Wandbild im Haus ­Keller sind inzwischen bekannt. Immer wieder korrigiert sich Oskar Schlemmer. Vor­ ­allem eines beschäftigt ihn: „Ich kann mich“, schreibt er am 9. Februar in seinem Tagebuch, „der Tatsache nicht entziehen, dass die Auftraggeber ein Kind erwarten und in dieser jungen Ehe sich alles um dieses Ereignis bewegt.“ Und weiter: „Kann also ein Wandbild, das zudem zu demselben Zeitpunkt entstehen wird wie die Geburt des Kindes, sich diesem Geschehnis gegenüber verschließen?“ Schlemmers Entscheidung: Er reduziert seine Szenerie, andererseits rückt eine Kindergestalt in die Mitte. Schlemmer, der als Künstler höchst ungern Werke betitelt, verstärkt das Thema „Familie“ auf seine Weise.

Das Wandbild

Schlemmer arbeitet mit Wachsfarben, Sand und Goldbronze auf einer kreidegrundierten Nesselleinwand. Diese wird zwischen dem 19. Juli und 24. Juli 1940 auf einer Gipswand aufgebracht. Zwei Halbfiguren begrenzen die 2,55 ­Meter hohe und 4,15 Meter breite Szene. Rechts zu sehen ist „das Schicksal, wie es uns anschaut“ (Martha Schlemmer), links tritt eine ­Figur aus der Szenerie – ein Hinweis auf die Einberufung Dieter Kellers zum Kriegseinsatz.

Zentral zu sehen sind drei Figuren: eine Frau vor einem hellblauen Kreis, ein Mann vor einer hellroten Raute und, in der Mitte auf rotem Dreieck, ein Kind. Verbunden sind die Figuren durch ein hellgelbes Quadrat. Der Schlemmer-Kenner Wulf Herzogenrath sieht hier „Familien-Glück und Kriegs-Trauer zu einem über­persönlichen Symbol-Bild verdichtet“.

Der Ausbau

55 Jahre bleibt Oskar Schlemmers „Familie“ im Haus Keller in Stuttgart-Vaihingen. Anfang der 1960er Jahre, das von Schlemmer gezeigte Paar ist geschieden, lässt Dieter Keller das Wandbild abdecken. 1963 wird das Haus verkauft, der neue Eigentümer legt das Wandbild frei und lässt es teilweise mit ­Dispersionsfarbe überstreichen. 1965 wird das Haus erneut verkauft, die Eigentümer suchen Kontakt mit der Staatsgalerie Stuttgart. Ziel ist der Ausbau des Wandbildes. Durch eine Initiative der führenden Schlemmer-Expertin und stellvertretenden Staatsgaleriedirektorin Karin von Maur wird das Werk 1975 unter ­besonderen Schutz gestellt.

1991 beginnt – ohne Information der Denkmalpflege – ein neuer Anlauf für den Ausbau. 1993 stellt die Eigentümerin Christa Kassuba einen Abbruch- und Ausbauantrag. Landesdenkmalamt und Regierungspräsidium Stuttgart lehnen ab. Im Dezember 1994 untersuchen italienische Restauratoren das Wandbild, im Januar 1995 stoppt die untere Denkmalschutzbehörde in Stuttgart die Maßnahmen, das Landesdenkmalamt wird eingeschaltet. Das vorgesetzte Regierungspräsidium hebt den Baustopp auf, Restaurierung und Ausbauvorbereitung gehen weiter.

Der Stuttgarter ­Galerist Freerk Valentien schaltet den Schweizer Restaurator Oskar Emmenegger ein. Der Ausbau gelingt, Valentien kann am 13. Oktober 1995 Schlemmers „Familie“ in seiner Galerie zeigen. Die Freude ist kurz – der Unterlassungsantrag eines Schlemmer-Erbes verlangt die Verhüllung. 1997 ist das Wandbild in Berlin zu sehen, dann verschwindet Schlemmers „Familie“ in die Schweiz. Nicht von ungefähr: Miterbe ­Raman C. Schlemmer sieht durch den Ausbau eine „Zerstörung“, und die Verfälschung eines Kunstwerkes fällt unter den Urhebergesetz-Paragrafen 14. 70 Jahre nach dem Tod eines Künstlers läuft die Schutzfrist aus – für Schlemmer im Jahr 2013. Erst da ist der Weg für eine öffentliche Bühne frei .

Die Rückkehr

Im November 2014 eröffnet die Staatsgalerie die Große Landesausstellung „Oskar Schlemmer – Visionen einer neuen Welt“. Das Wandbild „Familie“ bildet das Finale. Die Präsentation ist auch ein Schaulaufen – für 1,95 Millionen Euro wird das Bild von einer Familienstiftung in der Schweiz der Staatsgalerie angeboten. Jürgen Hubbert, Vorsitzender des Vorstandes der Freunde der Staatsgalerie, gibt die Richtung vor: „Schlemmers ,Familie‘“, sagt Hubbert seinerzeit, „ist das hoffnungsvolle Vermächtnis dieses Künstlers, geschaffen in einer Phase größter Verfolgung und Erniedrigung. Dieses Werk gehört nach Stuttgart.“

Der Ankauf

Die Museumsstiftung Baden-Württemberg und die Kulturstiftung der Länder sagen erhebliche Summen zu. Doch nur im Schulterschluss mit privaten Stiftern kann der Ankauf gelingen. Staatsgaleriedirektorin Christiane Lange geht in die Offensive. Mit Kleinbeträgen folgen unzählige Besucher dem seinerzeit von unserer Zeitung veröffentlichten ­Spendenaufruf der Staatsgalerie, 250 ­namentlich bekannte Gönner führen die ­Initiative zum Erfolg. Am kommenden Dienstag wird ­Oskar ­Schlemmers gemalter Freiheitsruf in einem Festakt offiziell der Staatsgalerie Stuttgart übergeben. Zu sehen ist das Wandbild „Familie“ schon jetzt – im Erdgeschoss des Altbaus.

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