"Die unmenschliche Selektion gehört abgeschafft"

Von "Fellbach und Rems-Murr-Kreis" 

Schorndorf Die Barbara-Künkelin-Preisträgerin Enja Riegel fordert für die Schulen und ihre Lehrpläne einschneidende Veränderungen.

Schorndorf Die Barbara-Künkelin-Preisträgerin Enja Riegel fordert für die Schulen und ihre Lehrpläne einschneidende Veränderungen.

Am Sonntag wird die frühere Schulrektorin und couragierte Reformerin Enja Riegel in Schorndorf den Barbara Künkelin-Preis ausgezeichnet. Im Gespräch erzählt sie von ihren pädagogischen Grundsätzen und den Neuerungen, die sie in Deutschland für notwendig hält.

Frau Riegel, das Bildungssystem in Deutschland gilt als eine große Baustelle. Von der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, an der Sie früher Rektorin waren, hört man, eine Ihrer ersten Idee sei gewesen, Wände heraus zu reißen. Was waren Ihre Beweggründe?

Wir hatten damals den Eindruck, dass diese Schule nicht mehr zeitgemäß ist, dass wir anders unterrichten müssen und die Lehrer eine andere Form der Zusammenarbeit brauchen. Es reicht nicht, Lehrpläne zu ändern, man muss die Schule insgesamt reformieren. Wir hatten die Vorstellung, dass der Raum der dritte Lehrer ist, und wir die Räume verändern müssen. Es gab aber noch viele andere Neuerungen. Wir haben die Schule umgewandelt von einem Gymnasium in eine radikale Reform-Gesamtschule. Wir wollten weg von der Selektion der Kinder, wir wollten, dass alle Kinder bis zur Klasse 10 gemeinsam unterrichtet werden.

Das bedeutet, dass sich auch die Arbeitsweise der Lehrkräfte ändern musste?

Nicht nur die Schüler auch die Lehrer sollten mit Freude in der Schule arbeiten, deshalb haben wir Lehrerteams mit acht Lehrern je Jahrgang gebildet. Und diese Lehrer haben die Schüler von Klasse fünf bis zehn begleitet. Sie haben fächerübergreifenden Unterricht organisiert, kannten ihre Schüler gut, und haben intensiv zusammen gearbeitet. Das geht nicht bei der 45-Minuten-Stunde und dem Einsatz des Lehrers in lediglich zwei Fächern, denn sonst bleibt es bei dem üblichen Frontalunterricht und der Stoffhuberei. Aber diese Methoden lernt man nicht an der Universität.

Trotz all dieser Änderungen bleiben in Deutschland Lehrpläne verbindlich. Welche Freiheiten sollten Schulen hier ihrer Meinung nach haben?

Wichtig ist nicht die Erfüllung des Lehrplans, sondern dass die Kinder etwas lernen. Häufig sind die Lehrpläne viel zu voll gestopft mit Stoff und sollten radikal entrümpelt werden. Natürlich muss es Mindeststandards geben, die bis zum Ende der Sekundarstufe Eins zu erreichen sind. Darüber hinaus sollten die Lehrer große Freiheit haben, mit welchen Methoden und Themen ihnen das gelingt. In der Helene-Lange- Schule gab es jedes Halbjahr ein sechs Wochen dauerndes fächerübergreifendes Projekt mit Präsentation. Und alle Neuner-Klassen haben fünf Wochen lang nur Theater gespielt. Wir waren der Meinung, dass es neben dem kleinschrittigen Üben herausfordernde Forschungsthemen geben muss, bei denen die Schüler lernen, wie man selbständig forscht.

Sie haben ja eine schillernde Karriere hinter sich, vom antiautoritären Kinderladen über die Grundschule bis zum Gymnasium. Mussten Sie einen so weiten Weg gehen, um erfolgreiche Pädagogin zu werden?

Als ich Ende der sechziger Jahre angefangen habe, gab es keine Vorbilder, an denen ich mich hätte orientieren können. Ich bin nach Frankreich gereist und habe Freinet entdeckt, und das richtige Lehrerhandwerk habe ich in der Grundschule gelernt. Heute dagegen gibt es eine Reihe von Schulen, die beim Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurden und an denen man sich vieles abschauen kann. Trotzdem braucht es im pädagogischen Bereich immer noch eine gehörige Portion Stehvermögen und Mut. Das gilt besonders für Schulleiter. Wenn der sich nur an Erlasse und an Lehrpläne hält, wird keine gute Schule daraus.

Auch nach Ihrer Pensionierung sind Sie weiterhin aktiv. Sie sind Buchautorin Mitbegründerin eines Schul-Campus und beraten Bildungseinrichtungen.. Warum können Sie vom Thema Bildung nicht lassen?

Es ist mein Lebensthema. Ich finde es so unbedingt notwendig, dass Kinder heutzutage einen guten Ort zum Aufwachsen haben. Viele Kinder finden das weder zu Hause noch in der Schule. Ich kann an einem solchen Missstand nicht einfach vorbeigehen. Für mich ist Arbeit eben ein Lebenselixier, so wie das Klavierspielen für den Pianisten.

Wird denn der Tag kommen, an dem die Baustelle Bildung abgeschlossen sein wird?

Nein, nie! So, wie sich die Gesellschaft verändert, müssen sich die Bildungseinrichtungen verändern. Wir haben in Deutschland einen so riesigen Nachholbedarf im Vergleich zu allen anderen Ländern in Europa. Vor allem brauchen wir die Gemeinschaftsschule von Klasse 1 bis 9, damit alle Kinder in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit in Ruhe gemeinsam und voneinander lernen können. Die unmenschliche Selektion nach Klasse 4 gehört endgültig abgeschafft, nicht nur aus pädagogischen sondern auch aus ökonomischen Gründen. Das wird schwer, wie sich jetzt in Hamburg zeigt. Aber die Zeit arbeitet für uns.

Das Gespräch führte Oliver Hillinger

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