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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 07.10.2004

Terminal

Eine Heimat am Unort

Zu den Orten, an denen längeres Verweilen nicht vorgesehen ist, gehören Flughäfen. Schon eine Nacht dort im Wartestand ist ein Horror. Trotzdem bleibt Victor Navorski gleich neun Monate am John-F.-Kennedy-Airport in New York - der harmlose Mann strandet unverschuldet in einer Zivilisationslücke: Während er im Flieger sitzt, sorgt ein Putsch in seinem Heimatland dafür, dass sein Pass und sein Visum ungültig werden. Er darf weder in die USA hinein noch hinaus. Also muss er in der internationalen Transit-Lounge bleiben. Navorski richtet sich an einem unbenutzten Gate ein, lernt Flughafenpersonal kennen und gewinnt die Zuneigung einer Flugbegleiterin. Doch der manische Sicherheitschef des Flughafens macht ihm das Leben schwer.

So unwahrscheinlich das alles klingt: Die Geschichte basiert auf Tatsachen. Sir Alfred Mehran, gebürtiger Iraner, lebt seit 16 Jahren am Pariser Flughafen Charles de Gaulle. Steven Spielberg hat das Thema amerikanisiert, eine Kaukasus-Republik als Herkunftsland erfunden und Tom Hanks die Hauptrolle angetragen. Die kulturelle Aneignung ist geglückt, und nicht nur das: Der Altmeister, zuletzt mit dem halbherzigen Komödien-Drama "Catch Me If You Can" und der unreflektierten Thriller-Oberfläche "Minority Report" unter Form, hat alte Tugenden wiederentdeckt.

Er taucht mit seinem Protagonisten Zug um Zug in das Geheimnis Flughafen ein, und bald sind Orte und Menschen den Zuschauern so vertraut, als würden sie selbst dort wohnen. Präzise entwickelt Spielberg die Nebenrollen: die Frau von der Einwanderungsbehörde, die dem freundlichen, aber beharrlichen Victor jeden Tag einen Ablehnungsstempel auf sein Einreiseformular geben muss, den kauzigen indischen Putzmann, der seine Selbstverachtung auf andere projiziert, den Essenfahrer, der Mittagstisch gegen Kupplerdienste tauscht. Und Stanley Tucci als sturen Sicherheitschef, der es nicht ertragen kann, dass der Gestrandete ihn menschlich überragt.

Die exzellent getimten Gags hätten leicht auf Kosten des ahnungslosen Fremden gehen können; doch Tom Hanks in der Hauptrolle - wir erinnern uns gern an "Forrest Gump" - gelingt es, den Zuschauer auf die Seite seiner eigenwilligen, nur scheinbar naiven Figur zu ziehen. Über diesen Mann lacht man nicht - mit ihm umso lieber.

Catherine Zeta-Jones als Angebetete des Antihelden schließlich zügelt ihr einnehmendes Naturell und bekommt am Ende einen wirklich rührenden Grund, Victor ins Herz zu schließen, was die Zuschauer zu diesem Zeitpunkt längst getan haben. Denn er demonstriert allen, die sich jemals irgendwo fremd gefühlt haben, wie aus Optimismus und Menschenliebe selbst am Unort eine Heimat erwachsen kann.
 

Bernd Haasis

07.10.2004 - aktualisiert: 07.10.2004 11:39 Uhr

 



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