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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 02.06.2004

Harry Potter und der Gefangene von Askaban

Die Kamera im Uhrwerk holt die Zeit ins Bild

Die Potter-Saga geht auch im Kino weiter
 

Was zu viel ist, ist zu viel. Nicht nur, dass die fiesen Dursleys Harry behandeln wie einen ungeliebten Dienstboten, jetzt beleidigt eine Tante auf Besuch auch noch seine Eltern. Zur Belohnung bläst er sie mittels Magie zum Ballon auf und lässt sie überm Wohngebiet schweben. Das Tischtuch ist damit endgültig zerschnitten - Harry muss den Koffer packen und das Haus der gastunfreundlichen Verwandten verlassen.

Zum Glück gibt’s in Alfonso Cuaróns Verfilmung von J. K. Rowlings drittem Harry-Potter-Roman einen ominösen Bus, der heimatlose Zauberer von der Straße aufsammelt. Für normal Sterbliche unsichtbar rast er in irrem Tempo durch Gassen und über Brücken, und wenn zwei Doppeldecker entgegenkommen, macht er sich ganz schlank, um zwischen ihnen durchzupassen.

Auch sonst erweist sich der Mexikaner Cuarón als Mann fürs Visuelle, der komische, Furcht einflößende und makabre Szenen mit spielerischer Leichtigkeit inszeniert. Das kennt man von ihm: Sein vorangegangener Film "Y tu mama tambien" erzählt auf ganz unkomplizierte Art eine komplizierte Dreiecksgeschichte zwischen einer verheirateten Endzwanzigerin und zwei Siebzehnjährigen. Mit derselben Selbstverständlichkeit illustriert er Rowlings Fantasiewelt an der Zauberschule Hogwarts, wo diesmal die Angst vor einem mysteriösen Mann namens Sirius Black umgeht, der aus dem Gefängnis Askaban entflohen ist.

Die schrecklichen Dementoren, die Black auf den Fersen sind, zeigt Cuarón als geräuschlos schwebende Leichentücher mit runden Mündern unter den Kapuzen, durch die sie ihren Opfern die Seele aussaugen. Und wenn Harry und seine Freundin Hermione, gerade durch die Zeit gereist, hinauseilen, fährt die Kamera durchs riesige Werk der Schuluhr nach draußen, um sie dort wieder zu treffen. So sieht großes Kino aus.

Der zum Professor ernannte Monsterspezialist Hagrid führt einen Hippogreif namens Seidenschnabel vor, eine überdimensionale Mischung aus Pferd und Adler, und der Lehrer Lupin unterweist die Schüler im Umgang mit einem Irrwicht, einem Wesen, das sein Gegenüber mit dessen größter Angst konfrontiert. Die Lösung: den Irrwicht der Lächerlichkeit preisgeben. Eine Riesenspinne wird zur Witzfigur, wenn Ron Weasley ihr geistesgegenwärtig an jedes ihrer Beine einen Rollschuh zaubert.

Emma Thompson beweist ihr komödiantisches Talent, wenn sie als schrille Hellseherin Trelawney keinerlei Taktgefühl kennt und die schlimmsten Vorhersagen einfach herausposaunt. Und Michael Gambon hat als Schulleiter Albus Dumbledore erneut einen wunderbaren Auftritt als großer Philosoph, der genau weiß, dass er aller Magie zum Trotz gegen vieles machtlos ist, dass ein gewisser Witz und der Mut, eherne Prinzipien anzuzweifeln, dennoch zum Erfolg führen können.

Nur die dunklen Charaktere finden in diesem Film keine rechte Bindung: Die üblichen Störmanöver des notorischen Stinkstiefels Malfoy wirken konstruiert, und Professor Snapes ominöse Auftritte, etwa sein abruptes Auftauchen und wieder Verschwinden während des Showdowns, wirken unmotiviert und werden nicht vernünftig aufgelöst. Sie finden ausschließlich statt, weil die Handlung der späteren Potter-Bände das fordert. Eine Romanreihe kann das aushalten; ein Spielfilm aber steht immer auch für sich alleine, so komplex, ausgefuchst und verschlungen die literarische Vorlage auch sein mag.

Die Metaebenen des Buches schließlich treten vollkommen hinter dem ebenso turbulenten wie höchst spannenden Treiben an der Oberfläche zurück. Von wegen Pubertät - die erblühende Emma Watson verleiht ihrer Hermione immerhin erste Anzeichen weiblicher Eitelkeit, wenn sie als Zeitreisende sich selbst erblickt und erschrickt, wie ihre Frisur von hinten aussieht. Rupert Grints Ron Weasley bleibt ein schussliger Kindskopf und Daniel Radcliffe wirkt als Harry weiterhin wie ein linkisches Bürschchen, Stimmbruch hin oder her. Selbst nachts zu zweit im Wald, wenn die Gelegenheit günstig wäre, emotionale Signale auszusenden, bleibt Harry ganz Kind und erzählt Hermione lieber von seinem Vater.

Auch dem anderen Schlüsselthema weicht der Film konsequent aus. Hinter die gruslige Geisterbahngeschichte um Askaban, wie sie im Film erscheint, hat Rowling nämlich die Frage nach der Verfasstheit ihres Fantasiereiches gestellt. Wer herrscht, wer spricht die Urteile, wer gebietet über die Dementoren, denen selbst ein Dumbledore nichts zu verbieten hat? Der Roman beschwört hier eine dunkle Parabel auf einen autoritären Staat und die unkontrollierte Willkür seiner Gewalt herauf, dem drei tapfere Kinder die Stirn bieten.

Cuarón hat ein buntes, humorvolles, mit Knalleffekten gespicktes Horror-Spektakel geschaffen. Entweder hat er nicht mehr gewollt, oder jemand in Hollywood hat in Sorge um die Belastbarkeit der Zielgruppe gesagt: Was zu viel ist, ist zu viel.
 

Bernd Haasis

02.06.2004 - aktualisiert: 02.06.2004 11:13 Uhr

 



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