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Zum Training bitte an den Bordstein

"Filder-Zeitung", vom 08.02.2012 02:38 Uhr
Serie Bei Parkour sind Bewegungskunst und eine gute Technikgefragt, wie ein Besuch in Vaihingen zeigt. Von Susanne Degel

Es ist nur ein kleiner Moment der Konzentration - dann geht Dimitri Reimer leicht in die Knie, holt mit den Armen Schwung und nimmt die sechs Treppenstufen mit einem Satz. Nach der butterweichen Landung dreht er sofort nach rechts, wo er den kleinen Mauerabsatz mit einem Zwei-Meter-Sprung in die Tiefe überwindet und sich gekonnt mit der Schulter auf dem harten Betonboden abrollt. Es sind fließende und einstudierte Bewegungsabläufe, kein Harakiri. Dimitri Reimer weiß genau, was er tut , zu was er fähig ist und was er sich zumuten kann. Der 26-Jährige ist ein Traceur - einer jener Akteure, die die urbane Sportart Parkour ausüben. Dabei gilt es, den kürzesten und effizientesten Weg zwischen zwei Streckenpunkten zu nehmen, und zwar unter Überwindung aller dabei sich auftuenden Hindernisse: Bänke, Zäune, Mauern, Treppen. Das Gelände der Universität in Vaihingen ist dafür bestens geeignet.

An diesem Samstag, wie jeden ersten Samstag im Monat, bietet der Verein Parkour Stuttgart (www.parkour-stuttgart.de) einen Workshop für Interessierte an. 40 sind gekommen - trotz eisiger Temperaturen von minus zwölf Grad. Dimitri Reimer, der in Esslingen Werbefotografie studiert, hat eine Gruppe übernommen und weist sie nun in die Techniken von Parkour ein. Zwar ist es dem Traceur selbst überlassen, wie er seinen Körper einsetzt, "dennoch gibt es Bewegungsabläufe und bestimmte Techniken, die sich einfach etabliert haben", sagt Gabor Katai, Mitglied im vierköpfigen Vorstand des Vereins. Parkour sei eine Disziplin, die Bewegungskunst und Technik sowie philosophische Elemente verbinde. "Es sind geschmeidige, elegante, flüssige und vor allem effiziente Bewegungen", sagt Katai. Showeffekte für ein Publikum seien nicht vorgesehen, anders als beim Freerunning, einer verwandten Bewegungsform, bei der Mauern schon einmal spektakulär mit einem Salto überwunden werden.

Begründet wurde Parkour vom Franzosen David Belle, dem Sohn eines ehemaligen Vietnamsoldaten. Er übertrug in den 80er Jahren die Méthode Naturelle, eine Bewegungsform durch die Landschaft mit ihren natürlichen Hindernissen, auf die Beton- und Stahllandschaft des Pariser Vororts Lisses. Während die ursprünglichen Parkourgruppen Wettkämpfe ablehnten, gibt es solche mittlerweile durchaus, beispielsweise das Parcouring.

Die Stuttgarter Traceure distanzieren sich von Parkour als Wettkampfsport. "Es geht nicht darum, besser als der andere zu sein. Parkour macht man nur für sich", sagt der 23-jährige Katai, ausgebildeter Tanzlehrer und selbstständiger Internetmarketer. Für den Kollegen Reimer, der früher geturnt hat, ist es gar eine kreative Kunst. "Jeder hat einen eigenen Kopf, einen eigenen Körper und muss seinen eigenen Weg über das Hindernis finden." Sich stetig zu verbessern, seine Grenzen auszutesten und nach oben zu korrigieren - das ist das Ziel. Dazu gehöre ein regelmäßiges hartes körperliches Training und, jawohl, wie bereits angesprochen: die richtige Technik.

Letzteres merken auch schnell die "Parkour-Schnupperer" in Dimitri Reimers Gruppe. Die kleine Mauer erweist sich als hartnäckiges Hindernis. Entweder stimmt das Tempo beim Anlauf nicht, der Fuß wird nicht im richtigen Winkel auf die Wand gesetzt, oder der Schwung wird nicht mitgenommen. "Ihr müsst euch auf die Mauer einlassen und dürft keine Angst vor ihr haben", sagt Reimer - und weiter geht es mit den Versuchen. Irgendwann haben es alle Teilnehmer geschafft. Die einen mit ein bisschen mehr, die anderen mit ein bisschen weniger Kraftaufwand.

"Parkour ist auch ein Kopfsache", sagt Gabor Katai. Erst wenn man sich seiner Sache innerhalb der eigenen gesetzten Grenzen vollkommen sicher sei, könne man den nächsten Schritt wagen. "Was nützt es mir, wenn ich eine Mauer herunterspringe und mir dabei das Bein breche. Das ist nicht effizient", sagt der Traceur aus Weil der Stadt. Jede Technik müsse zu 100 Prozent sitzen. Zum Training reiche da auch schon ein Bordstein, mit dem man sich stundenlang beschäftigen könne. "Je öfter man kleine Sprünge, eine einzelne Grundtechnik oder eine Kombination über einen längeren Zeitraum wiederholt, desto perfekter kann man sie, desto automatisierter ist der Bewegungsablauf", sagt Katai und wendet den Blick. Zack. Dimitri Reimer hat soeben die Treppe genommen. Sechs Stufen in einem Satz. Der Mann weiß halt, wie es geht.

In unserem nächsten Serienteil am kommenden Mittwoch beschäftigen wir uns mit Boule.

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