Zum Tod von Lemmy Das Leben feiern, so lange und so laut es geht

Von Michael Setzer 

Lemmy Kilmister im Jahr 2009 in für ihn typischer Pose. Foto: Martin Häusler
Lemmy Kilmister im Jahr 2009 in für ihn typischer Pose.Foto: Martin Häusler

Als ob er sich wenigstens das noch gönnen wollte: Vier Tage nach seinem 70. Geburtstag verstarb Ian Fraser Kilmister – besser bekannt als Lemmy von Motörhead. Eine Name, der sowohl Statement als auch Gütesiegel ist, wenn’s um Lautstärke, Dickschädel und Rock’n’Roll geht.

Stuttgart - Die größten Mathematiker der Welt konnten das Problem nicht lösen und endeten seit Jahrzehnten mit dieser einen Feststellung: Rock’n’Roll ist Lemmy. So einfach ist das. Mit Dickschädel, Lautstärke, Alkoholmischgetränken und Amphetaminen definierte die britische Urgewalt Motörhead seit 1975 die Eckpfeiler des Rock’n’Roll. Das­ ­beruhte auf einem simplen Rezept: kein Schnickschnack und pure Energie.

Die ersten Experteneinschätzungen ­waren ebenfalls vergleichsweise knapp ­gehalten. So attestierte die britische Musikpresse kurz nach der Gründung von Motörhead: „Die schlechteste Band der Welt.“ Lemmy war zuvor bei der Spacerock-Truppe Hawkwind gefeuert worden, sprach er doch für deren Verhältnisse den falschen Drogen zu: Amphetamine. „Motorhead“ stand im damaligen Straßen-Slang für einen, der auf Speed war. Zuzüglich des Umlautes, ­geschuldet Lemmys Faszination für Mazi-Reich, waren Motörhead geboren.

Fast aus Versehen legte Lemmy mit dieser kompromisslosen, ruppigen und pfeilschnellen Musik den Grundstein für Heavy Metal, wirklich harten Punkrock und Thrash Metal – Metallica oder Slayer wären ohne sein Zutun niemals entstanden und Punkrock so viel langweiliger geblieben. Doch anstatt sich dafür selbst auf die Schulter zu klopfen, hielt Kilmister stets seine Helden hoch: Little Richard, Chuck Berry und die Beatles.

Motörhead verweigerten sich jeglichen Trends

Natürlich sind es auch die Geschichten von Lemmy, dem Roadie und Drogenbeschaffer von Jimi Hendrix und dem Mann, der Sid Vicious von den Sex Pistols zeigte, wie man wenigstens ein bisschen Bass spielt. Oder von Lemmy, dem herzlichen Casanova, der Frauen so sehr liebt, dass er am liebsten mit allen schlafen möchte. Es ist auch die Geschichte des Mannes, der Whiskey anbietet und seinen Gästen dann jeweils eine ­Flasche davon reicht. Das ist die Romantik – und das ist auch das Klischee.

Irgendwann verschwamm sogar die Wahrnehmung, ob amtliche Rock’n’Roll-Insignien wie beispielsweise das Pik-Ass („Ace Of Spades“), das Eiserne Kreuz, Vodka-Orange, Jack Daniel’s oder ausladende ­Totenschädel in Wahrheit nicht lediglich Lemmys private Schrullen und Vorlieben waren. Wahrscheinlich wird sich auch nie klären lassen, ob es Weitsicht, Dickschädel oder altersbedingte Störrigkeit waren, mit der Motörhead sich jeglichen Trends verweigerten. Sie taten es einfach.

Doch die wahre Kraft von Motörhead lag nicht nur im Rock’n’Roll-Quatsch: Lemmy analysierte zumeist sehr treffend komplexe Sachverhalte – ohne jegliche Romantik oder falsche Nostalgie. Er sprach sich wortgewandt gegen Krieg, Rassismus, Religion und andere Dummheiten aus. Wer eine echte und streitbare Meinung einholen wollte, fragte Lemmy, der in einer Mischung aus Kneipen-, Straßen- und Lebenserfahrung bereitwillig Auskunft erteilte – und dennoch jedem Menschen genügend Verantwortung zugestand, den wirklichen Mist selbst auszufiltern.

Lemmy stand vielen als imaginärer Freund zur Seite

Wer keinen großen Bruder oder keine Identifikationsfigur hatte, dem stand Lemmy als imaginärer Freund zur Seite, und sei es nur durch anhaltendes Ohrenpfeifen nach Motörhead-Konzerten. Und die waren wirklich laut. Das besondere daran: Motörhead beschallten dabei nicht nur ihr Publikum mit einem ohrenbetäubendem Gewitter, sondern auch sich selbst auf der Bühne. Das gehörte ebenso dazu, wie der fast allabendliche Verweis: „We are Motörhead and we play Rock’n’Roll.

In den vergangenen Jahren gerieten ­Motörhead-Konzerte immer mehr zum Schaulaufen für Nostalgiker, die das noch einmal sehen wollten – „wer weiß, wie lange Lemmy das noch macht“. Kilmister, gebeutelt von Alter, Diabetes und Herzschrittmacher, ereilte plötzlich Mitleid, um das er nie gebeten hatte. Denn wenn Motörhead eines war, dann immer das bedingungslose Feiern des Lebens – so lange und so laut es geht.

70 Jahre lang war Weihnachten der Tag, an dem Lemmy ein Jahr älter wurde. Diesmal leider zum letzten Mal. Zwei Tage nach seinem 70. Geburtstag wurde bei Kilmister eine aggressive Form von Krebs diagnostiziert. Am 28. Dezember verstarb er.

Als stünde man inmitten eines gewaltigen Sandsturms

Jarvis Cocker, Sänger der Britpop-Band Pulp schaffte es als einer der wenigen, ­Motörhead zumindest annähernd in Worte zu fassen: Als würde man inmitten eines gewaltigen Standsturmes in der Wüste stehen. Möge der Sandsturm ewig andauern.

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