Zum Tod von Glenn Frey Als hätte er alles spontan erfunden

Von Bernd Haasis 

Sänger, Gitarrist und Songwriter im kongenialen Duo mit Don Henley: Glenn Frey Foto: AP
Sänger, Gitarrist und Songwriter im kongenialen Duo mit Don Henley: Glenn FreyFoto: AP

Ein Goldkehlchen und Perfektionist: Glenn Frey, Sänger, Gitarrist und Komponist der Eagles, ist im Alter von 67 Jahren gestorben.

Seit John Lennon und Paul McCartney, die gemeinsam die meisten großen Hits der Beatles schrieben, wirken kongeniale Songwriter-Duos als Keimzelle großer Popmusik. Eines davon bildete Glenn Frey, Gitarrist und Sänger aus Michigan, mit dem Texaner Don Henley, Schlagzeuger und Sänger: Aus ihrer Feder stammen fast alle großen Hits der Eagles, „Tequila Sunrise“, „Lyin’ Eyes“, One Of These Nights“, „Desperado“.

Die beiden Zuwanderer transformierten das kalifornische Lebensgefühl in eine sanfte, Folk-Pop-orientierte Blaupause des Westcoast-Rock, die Eagles wurden zu einer der erfolgreichsten US-Bands aller Zeiten sind die Eagles mit rund 150 Millionen verkauften Alben, davon 42 Million mal allein „Their Greatest Hits (1971–1975)“ und 32 Millionen mal „Hotel California“ (1976).

Nun ist Glenn Frey im Alter von 67 Jahren in New York gestorben und die ­Musikwelt trauert, allen voran Don Henley. Frey zu ­begegnen, habe sein Leben für immer verändert, teilte er im Netz mit. „Er war wie ein Bruder für mich, wir waren eine Familie, und wie bei den meisten Familien gab es einige Störungen. Aber der Bund, den wir vor 45 Jahren schmiedeten, ist nie gebrochen, nicht einmal während der 14 Jahre, die die Eagles getrennt waren.“ Glenn habe alles ins Rollen gebracht, er sei der sprühende Funke und „derjenige mit dem Plan“ gewesen. „Er ­hatte ein enzyklopädisches Wissen von Popmusik und eine Arbeitsmoral, die niemals endete.“

 

Die prefekten Songs der Eagles klingen, als hätte jemand sie aus einem Impuls heraus spontan erfunden

 

Tatsächlich haftet den Eagles der Ruf an, ihre beiden Köpfe seien gnadenlose Perfektionisten gewesen: Jede Note, jeder Beckenschlag, ­jede Textsilbe sitzt präzise genau dort, wo sie hingehören. Freys und Henleys große Kunst bestand freilich darin, dass die mit üppigem Satzgesang ausgestatteten Songs trotzdem so klangen, als hätte ­jemand sie aus einem Impuls heraus spontan erfunden. Auch bei ihren makellosen Live-Darbietungen konnte die Band diese ­Illusion erzeugen – keinerlei Routine war da zu ­spüren, nur pure Leidenschaft vom ersten bis zum letzten Ton, auch bei den unzählige Male gespielten Hits.

Goldkehlchen Frey trug Beobachtungen über die Liebe und das Leben vor, die wohl ­Bestand haben, solange es Menschen gibt. „Take It Easy“ (1972), der allererste Eagles-Hit und mitverfasst vom kalifornischen Songwriter Jackson Browne, handelt von einem, der ewig ­davonläuft vor sich und dem Leben. „Peaceful ­Easy Feeling“ (1972) ­erzählt vom Schwebe­zustand des Verliebtseins, „Tequila Sunrise“ (1973) von der ­Erdenschwere des Liebeskummers.

Wie Lennon und McCartney teilten Frey und Henley sich den Gesang, noch mehr als bei den Beatles aber tragen alle Stücke beider Handschrift. In „One Of These Nights“ (1975) singt Henley von der Suche nach der Heiligen und der Hure in Personalunion, in „Desperado“ (1973) von alternden Herumtreibern, die rechtzeitig zur Besinnung kommen mögen, und „Hotel California“, bei dem die Musik von Gitarrist Don Felder stammt, beschreibt die schillernden Verheißungen und dunklen Abgründen des vermeintlichen Paradieses Kalifornien.

Die Eagles waren ­immer rastlos auf der Jagd nach Erlösung

 

Mit geschmeidiger Stimme erzählte Frey in der kunstvollen Schnulze „New Kid In Town“ (1976) von der universellen Erfahrung junger Männer, deren Freundin sie für einen ­anderen verlassen hat. Darin steckt eine Zeile für die Ewigkeit, die einer Charakterisierung der Eagles als Band sehr nahe kommen könnte: „Hopeless romantics, here we go again.“

„Ich hasse die verdammten Eagles“, sagt der bärtige „Dude“ in der Filmsatire „The Big Lebowski“ (1998) – er hört Creedence Clearwater Revival. Kein Wunder: Der „Dude­“ ist der Prototyp des abgehalfterten Lebenskünstlers, der verpflichtungs- und erwartungslos in den Tag lebt; die Eagles aber, hoffnungslose Romantiker, waren ­immer rastlos auf der Jagd nach Erlösung.

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