Zum Tod von George A. Romero Die neue Form des Jüngsten Gerichts

Von Thomas Klingenmaier 

Die Zombies belagern die Lebenden in „The Night of the living Dead“ aus dem Jahr 1968. Foto: Splendid Film
Die Zombies belagern die Lebenden in „The Night of the living Dead“ aus dem Jahr 1968. Foto: Splendid Film

Als die Hippies 1968 von der Liebes- und Friedens-Ära träumten, ließ der Filmemacher George A. Romero die Zombies los und veränderte die Popkultur. Im Alter von 77 Jahren ist er nun gestorben. Er hinterlässt vitale Untote.

Stuttgart - Dürfen die Toten ruhen? Nicht mehr in der Popkultur. Hordenweise müssen sie allüberall gegen die Welt der Lebenden anstürmen, im Kino, im Fernsehen, in Comics, Romanen und Computerspielen. Die Zombieseuche, die das Weltende bringen soll, ist der letzte Boommarkt, hier herrscht Vollbeschäftigung. Wer immer stirbt, wird sofort eingereiht in die Armee der Untoten. Es sei denn, er wird vorher aufgefressen. Mit den Zombies hat unsere zynische Postmoderne ihre Untergangsgewissheit, die bei allem ironischen Getue letztlich so fest verankert ist wie die Jüngste-Gerichts-Furcht im Mittelalter. Keiner kommt hier lebend raus, denken wir längst über das Anthropozän, die Herrschaftsepoche des Menschen auf der Erde.

Der Mann, dem wir diese Schockbilder einer an ihrer eigenen sinnlosen Wut und Gier zugrunde gehenden menschlichen Zivilisation zu verdanken haben, der amerikanische Filmemacher George A. Romero, ist am Sonntag nun selbst im Alter von 77 Jahren gestorben. Er muss vorerst aber nicht zum Wiedergänger werden. Er bleibt in seinen Filmen präsent.

Gamechanger lautet der schöne englische Ausdruck für einen, der auf irgendeinem Feld der Gesellschaft oder Kultur den Spielverlauf drastisch ändert, vielleicht sogar die Spielregeln. Romero war ein Gamechanger, auch wenn das 1968 zu Beginn seines mit wenig Geld in Schwarz-Weiß gedrehten Debüts „The Night of the living Dead“, das Kino und Popkultur verändern sollte, noch nicht so ganz ersichtlich war.

Ein seltsamer Friedhofsgärtner

Das Geschwisterpaar Barbara und Johnny absolviert hier den jährlichen Besuch am Grab des Vaters. Die beiden bringen wie immer einen Kranz, und Johnny argwöhnt, die Friedhofsgärtner würden den alsbald wieder abräumen, frisch aufputzen und ihnen im nächsten Jahr erneut verkaufen. Diese Stichelei gegen das Pietätsgewerbe passt wohl noch ins bürgerliche Kino. Der seltsame Mann, der bald heranwankt, obwohl er längst unter der Erde sein sollte, schon nicht mehr. Aber auch dieses untote Ungeheuer ist noch nicht die Revolution, nur ein Atömchen von ihr.

Denn was Romero in diesem Film, in dem eine kleine Gruppe Menschen in einem Farmhaus von Zombies belagert wird, ins Werk setzt, ist der Aufstand der gesichtslosen Masse. Die gab es auch zuvor im Horrorkino, aber es gab zentrale Bösewichte, die solche Hilfstruppen steuerten. Das Monster war noch ein klares Gegenüber, mit dem man sprechen konnte – wie Graf Dracula – oder das zumindest gern gesprochen hätte, wie Frankensteins Kreatur. Oft war das Ungeheuer sogar durch seine Einzelstellung, seine deformierte Individualität gekennzeichnet, wie das Phantom der Oper.

Aber bei Romero ist am einzelnen Zombie nichts Individuelles, er ist nur Teil einer Horde. Und diese Horde ist weder ansprechbar noch kann man hinter ihre Stirnen Gedanken projizieren. Diese Zombies wollen nur mit der sturen, geistlosen Zielfixierung, mit dem sich Unkraut durch Asphalt stemmt, dass alles andere so wird wie sie oder ganz zu existieren aufhört.

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