Badstuber-Ziehvater Hermann Gerland „Der VfB hat einen Riesenfang gemacht“

Von Heiko Hinrichsen 

Lobt die Verpflichtung seines Ziehsohnes Holger Badstuber: Hermann Gerland Foto: Getty
Lobt die Verpflichtung seines Ziehsohnes Holger Badstuber: Hermann Gerland Foto: Getty

Weltstars wie Toni Kroos, Philipp Lahm oder Thomas Müller sind während ihrer Ausbildung durch die Hände von Hermann Gerland gegangen. Zum VfB-Neuzugang Holger Badstuber hat der 63-jährige Trainer aber ein ganz besonderes Verhältnis.

Stuttgart - Hermann Gerland spricht im Interview über seine besondere Beziehung zu Holger Badstuber, dessen Verletzungspech und den Qualitäten des Spielers.

Herr Gerland, Sie pflegen ja eine ganz besondere Beziehung zu Holger Badstuber, denn sie hatten ihn bereits als Baby im Arm.
Das stimmt. Holgers Vater Hermann Bad­stuber, der leider sehr früh verstorben ist, hat mit mir zusammen 1985 den Fußballlehrer gemacht. Daraus hat sich eine Freundschaft entwickelt. Der Hermann war immer sehr fleißig, wollte immer alles wissen – und Leute, die etwas leisten wollen, die gefallen mir gut. So blieben wir immer in Kontakt.

Und bald hat er Ihnen von den Qualitäten seines Sohnes berichtet.
Zuerst ist Hermanns Tochter Ute geboren. Und als dann der Holger kam, dann hat er mir immer berichtet: ‚Der Kleine ist ein Linksfuß, das ist ja schon mal gut. Er kann so und so viel mal den Ball jonglieren, die Schnelligkeit ist in Ordnung’. Und so weiter und sofort. 2001 habe ich den Holger dann zum FC Bayern geholt. Dort hat er ja auch schnell für viel Furore gesorgt, bis die unvorstellbaren Verletzungen gekommen sind.
Ist es bis heute so, dass Sie weiter mit einem väterlichen Auge über ihn wachen?
Wir haben erst kürzlich telefoniert. Aber ich bin keiner, der sich aufdrängt. Wenn ich angerufen werde, dann bin ich für die Jungs da, die ich betreut habe. Wenn ich für den Holger was machen soll, dann weiß er: das wird gemacht. Ich habe immer gekämpft für meine Jungs, damit die einen Profivertrag kriegen. Allerdings mussten die auch die nötige Qualität haben. Ich bin nie rauf zu den Chefs gegangen, wenn ich von der Qualität eines Spielers nicht überzeugt war. Das war auch beim Holger so.
Wie bewerten Sie die Entscheidung von Holger Badstuber, zum VfB zu wechseln?
Die Bundesliga ist eine erstklassige Liga. Der Holger hat unglaublich viel Verletzungspech gehabt, ist jetzt aber seit mehr als einem Jahr gesund. Und der VfB ist ja nach wie vor eine gute Adresse im deutschen Fußball. Wenn der Holger fit bleibt, dann wird er in Stuttgart auch spielen. Und wenn er regelmäßig aufläuft, dann spricht nichts dagegen, dass er wieder die alte Leistungsfähigkeit bekommt.
Badstuber hatte sehr viele Rückschläge zu verkraften.
Die Verletzungen (zwei Kreuzbandrisse, ein Sehnenriss, ein Muskelriss, ein Sprunggelenksbruch, Anm. d. Red.) sind ja in einer Vielzahl gekommen, wie man sie sich zuvor nicht hatte vorstellen können. Und dann hat er noch das Pech gehabt, dass nicht alle Operationen trotz der besten Ärzte so verlaufen sind, wie man sich das wünschen würde. Als er sich dann gerade wieder auf das alte Niveau hoch gearbeitet hatte, da machte es „Bumm“ – und da war er schon wieder weg. Das war schon tragisch. Vor allem die Länge der Verletzungen.
Wie würden Sie ihn als Spielertypen beschreiben?
Jérôme Boateng, Mats Hummels und der Holger – das war ja dieselbe Leistungskategorie. Das ist ein Top, Top, Top-Niveau, jeder mit seiner individuellen Stärke. Der Holger hat ein brillantes Passspiel. Wenn ich allein zurück denke, wie er den Ball mit links diagonal raus zu Arjen Robben gespielt hat. Der Ball kam wie an der Schnur gezogen. Wer kann so was außer ihm?
Was zeichnet ihn noch aus?
Die Innenverteidiger sind die modernen Spielmacher. Das Spiel von hinten aufbauen, das können sowohl der Mats als auch der Holger. Ich habe ihn bei Bayern II auf der Sechs spielen lassen. Mir war schon klar, dass Holger später mal ein Innenverteidiger wird. Aber im defensiven Mittelfeld, da wurde er von hinten, vorne, links und rechts attackiert. Da konnte er gut lernen. Jetzt ist er stark im Spielaufbau. Der findet von hinten raus immer den freien Mann.
Das klingt gut.
Holger ist schnell, er ist ausdauernd, kopfballstark in Abwehr und Angriff, zweikampfstark und hat eine hohe Passgenauigkeit. Er war schon als Nachwuchsspieler in allen Punkten gut oder sehr gut. Er war sehr früh ein kompletter Spieler.
Besitzt Badstuber auch Schwächen?
Holger muss nach wie vor lernen, dass es keinen Spieler gibt, der keine Fehler macht. Sein Problem war, dass er sich nach einem der wenigen Fehlpässe zu lange damit beschäftigt hat . Er hat sich selbst runter gezogen. Ich habe ihm gesagt: Da musst du einfach drüber stehen. Jeder Weltklassespieler hat schon schlechte Partien gemacht. Der Thomas Müller zum Beispiel war da ganz anders. Der hat einfach gesagt: Diesmal habe ich Scheiße gespielt, Trainer, aber nächste Woche spiele ich wieder überragend.
Wie kommt Holger Badstuber denn mental mit der Berg- und Talfahrt seiner Karriere klar. Heute WM-Dritter wie 2010, Champions-League-Spieler – und morgen im Krankenhaus?
Wenn er das nicht verkraftet hätte, dann wäre er ja längst von der Bildfläche verschwunden. Er hat immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommen. Da hätte er auch sagen können: Ich habe jetzt keine Lust mehr. Aber er hat sich immer wieder aufgerappelt.
Aus Sicht des VfB ist die Verpflichtung von Holger Badstuber ja Chance und Risiko. Wie sehen Sie das?
Es ist vor allem eine Chance, denn ein Verletzungsrisiko haben sie bei jedem Spieler. Wenn der Holger gesund bleibt und an seine Qualitäten anknüpft, woran ich keinen Zweifel habe, dann hat der VfB einen überragenden Spieler verpflichtet, zu dem man ihm nur gratulieren kann. Da haben sie einen Riesenfang gemacht. Und ich gönne den Stuttgartern in diesem Fall was Gutes.
Was wünschen Sie Ihrem Zögling?
Ich wünsche ihm, dass er verletzungsfrei durch das letzte Drittel seiner Karriere kommt. Und dass er noch einmal anknüpfen kann an seine großartige Verfassung, die er zum Anfang seiner Karriere gezeigt hat.

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