Zazenhausen Stadt bietet im Bauskandal eine Lösung an

Konstantin Schwarz, 24.11.2012 08:00 Uhr
Wenn die Bauherren auf ihre Balkone verzichten, sollen zehn zu groß gebaute Doppelhaushälften in Zazenhausen im Nachhinein genehmigt werden. In zwei Fällen fordert die Stadt aber weiterhin den Teilabriss. Damit droht neuer Streit.

Stuttgart - Der Wirtschaftsausschuss des Stuttgarter Gemeinderats hat sich am Freitag mit dem von unserer Zeitung aufgedeckten Bauskandal im Neubaugebiet Hohlgrabenäcker in Zazenhausen beschäftigt. Dabei bleiben die Türen für die Öffentlichkeit allerdings geschlossen.

Die Stadträte billigten dem Vernehmen nach unisono einen Vorschlag der Verwaltung. Dieser kommt den vom Teilabriss ihrer Rohbauten bedrohten Eigentümern ein Stück entgegen – wenn denn die jeweils angrenzenden Nachbarn mitmachen.

In dem Gebiet sind sieben Häuser höher als erlaubt, zwölf Doppelhaushälften ragen um 80 Zentimeter über die Baugrenze. Die Stadt, die weitere Arbeiten untersagt hat, könnte den Rückbau anordnen. Das wolle man zunächst nicht tun, sagt Baubürgermeister Matthias Hahn (SPD) auf Anfrage. Die Bauherren hätten der Firma PP Bauconsulting GmbH vertraut, die beim Baurechtsamt eine Gebäudelänge von elf Metern angegeben, aber 11,80 Meter gebaut habe. Dennoch seien die Bauherren in der Haftung.

Ehepaar fühlt sich von der Stadt bestraft

Der Kompromiss sieht vor, dass das um 80 Zentimeter zu lange Untergeschoss bleibt, wenn der darauf aufliegende und bis zu einen Meter auskragende Balkon abgebaut wird. „Das Wohngebiet ist eng, der Balkon bedrängt die Nachbarn“, so Hahn. Jeder Bauherr muss nun selbst die Zustimmung des Nachbarn für diese Lösung einholen. Wo das nicht geschieht, droht der Rückbau.

Bei zwei Doppelhaushälften will die Stadt jedoch hart bleiben. Diese Eigentümer müssten die 0,80 Meter im Untergeschoss demnach abreißen lassen. Begründung der Stadt: Weil die beiden Rohbauten nicht so weit gediehen sind wie die übrigen Häuser – bei einer Doppelhaushälfte liegt sogar erst die Bodenplatte – ,sei der Rückbau zumutbar. „Dafür gibt es keine Begründung“, klagt der Bauherr, dessen Haus bereits im Rohbau steht. Das Ehepaar fühlt sich von der Stadt bestraft, weil es sich verbal für alle betroffenen Bauherren starkgemacht hat.

Bürgerverein will über die dubiosen Geschäfte der Projektfirma aufklären

„So, wie die Dinge liegen, werden wir der Entscheidung der Stadt nicht zustimmen“, sagt der Bauherr. Weil die Nachbarn zustimmen müssen, könnte der vom Rückbau bedrohte Bauherr die Lösung des Konflikts erschweren oder unter Umständen sogar unmöglich machen.

Für die sieben um 40 bis 74 Zentimeter zu hohen Häuser will die Stadt eine Befreiung aussprechen. Für die bis zu 1,50 Meter auf den Flachdächern aufragenden Solaranlagen, die den Bauherren eine Zinsverbilligung bringen, soll eine Lösung gefunden werden, die die Nachbarschaft tolerieren kann. Die Lage der Module müsse optimiert werden, sagt Hahn. Insgesamt sei auch beim Thema Höhe das Einverständnis der Angrenzer gefragt, so der Bürgermeister.

Die Probleme im Neubaugebiet treiben auch Reinhold Weible um. Der Vorsitzende des Bürgervereins Zazenhausen will sich dafür einsetzen, dass „die betroffenen Bauherren an einen Tisch“ kommen und zu einer gemeinsamen Position finden. „Wir sind als Bürgerverein bereit, dafür einen Rahmen zu bieten“, sagt Weible am Freitag. Der Bürgerverein wolle auch über die dubiosen Geschäfte der Projektfirma aufklären, die für die Nichteinhaltung des Bebauungsplans verantwortlich war und die Bauherren mutmaßlich betrogen hat. „Wir wollen verhindern, dass die Firma erneut Bauherren schädigt“, sagt Weible.

 
 
Lokale Favoriten - stuttgarter-nachrichten.de
Kommentare (5)
  1. (Logout)
  2. Die Redaktion veröffentlicht ausgewählte Kommentare auch in der gedruckten Ausgabe der Stuttgarter Nachrichten. Voraussetzung ist, dass der Beitrag mit Namen, Postanschrift und E-Mail (Adressen werden nicht veröffentlicht) vorliegt.
Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich.

Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben.

Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.
80cm Ist schon länger als 1 Jahr her
Anscheinend zählen die 80cm mehr, als eine Familie - so ist die familienfreundliche Stadt Stuttgart. Ich kann mich noch an die Werbeslogans erinnern: 'In Stuttgart zählt jeder Quadratmeter. Aber nicht mehr als der Mensch' - war von SPD. Kommt die (Vor-?) Entscheidung über Teilabriss nicht auch von SPD?
Antworten
aktiv Ist schon länger als 1 Jahr her
Wir sind doch in einer Bananenrepublik. Die Finanzwelt geht unter, die Leute werden ihr Jobs verlieren und wir diskutieren über 80 cm Keller.
Antworten
Nicht so fresch Ist schon länger als 1 Jahr her
Soweit ich weiß, hat man am Wochenende die Unterschrifte gesammelt, wer denn für den Rückbau ist. Vermutlich hat man Sie nicht besucht. Denn die alle, wer das Thema schon kennt, hat kein Verständnis für den Rückbau - auch die direkten Nachbarn, wer mit anderen Firmen gebaut hat. Denn ich habe die Liste gesehen und die Betroffenen angesprochen, nach dem die Liste schon voll war. Würde mich interessieren, was den Frech so stört und ob er die Häuser tatsächlich gesehen hat ...
Antworten
Froike Ist schon länger als 1 Jahr her
was der Zazenhaüser da so schreibt. Bei allem Verständnis für den Ärger - schon mal daran gedacht, dass Rückbauten auch mit Kosten verbunden sind? Kosten die man erst vom Unternehmen wieder einklagen (und so lange auslegen) muss. Kosten für etwas, dass man selbst nicht verschuldet hat. Immerhin legt man seine Baupläne vor, übergibt diese der Stadt zur Prüfung und das Bauunternehmen soll diese 1:1 und nicht Pi mal Daumen umsetzen.
Antworten
Zazenhaüser Ist schon länger als 1 Jahr her
Ehrlich gesagt find ich es ziemlich frech und arrogant, den Lösungsvorschlag der Stadt abzulehnen. Bei allem Gemotze über die Bürokratie, was glaubt derjenige eigentlich, wer er ist? Ich hab als direkter NAchbar in diesem Wohngebiet eigentlich keine Lust, das mir meine NAchbarn noch näher auf die Pelle rücken (Privatsphäre), stimme aber selbstverständlich dem Kompromiss zu. Aber dann sollen bitte alle Baugeschädigten zustimmen, auch die, die halt rückbauen müssen. Alle anderen 900 Bewohner mussten auch die Abstände korrekt einhalten
Antworten