Selten sieht man so viele erwachsene Menschen, die sich die Ohren zuhalten und dabei selig strahlen: Einen ganz schönen Krach machen manche der liebevoll gepflegten Kulturgüter, sprich klassischen Zweiräder, die im Kornwestheimer Kreidler-Gebiet ihre Runden drehen. Ein Geruch, der Führerscheinneulingen unbekannt sein dürfte, liegt in der Luft. Er verrät den erfahrenen Nasen unmissverständlich, was hier abläuft: Ein Zweitakter-Treffen mit unzähligen alten Mofas, Mokicks und Motorrädern. Beim Betrieb dieser Oldtimer-Motoren wird ein Benzin-Öl-Gemisch verbrannt, das sorgt für den besonderen Duft.
Der Veranstaltungsort ist mit Bedacht gewählt: Hier stand die Wiege so legendärer Zweiräder wie dem Kreidler Florett oder dem Mofa Flory. Seit damals ist Kornwestheim untrennbar mit dem Namen Kreidler verbunden. Das Unternehmen ging Anfang der 1980er Jahre in die Insolvenz, und die Fabrik in Kornwestheim wurde dichtgemacht.
Doch immer noch wirkt der Name wie ein Magnet auf die Szene. Rund 1200 Maschinen sind am Samstag in Kornwestheim zu bewundern. Alles, was die Kreidler-Werke einst ausspuckten, ist an den historischen Ort zurückgekehrt, von der Mustang Cross bis zur K50 in Dreirad-Ausführung. Klassiker anderer Hersteller komplettieren das Schaulaufen: Motorräder von MZ, Mopeds von Simson, Hercules-Maschinen und natürlich die Räder vom Kreidler-Konkurrenten Zündapp sind zu sehen. Sogar Veteranen von NSU knattern über den abgesperrten Kurs. Auf der Strecke werden die Fahrzeuge stolz präsentiert, am Straßenrand sind die Mopeds und Motorräder aufgereiht, und es kann nach Herzenslust gefachsimpelt werden: Schließlich will man seinen Schatz nicht nur zeigen, sondern ist zugleich immer auf der Suche nach Ersatzteilen.
Der Ansturm von Teilnehmern und Zuschauern sorgt für zufriedene Gesichter bei den Veranstaltern vom Motorsport Club (MSC) Ludwigsburg. Überrascht sind die Macher vom großen Interesse aber nicht: "Kreidler ist eine Legende, und die Szene ist sehr mobil", so der MSC-Vorsitzende Ozren Kuzmanovic. "Unsere einzige Sorge waren die kurze Vorlaufzeit und die Sommerferien." In knapp zwei Monaten hat der Verein aus der Nachbarstadt das Treffen auf die Beine gestellt, die nötigen Genehmigungen für den abgesperrten Rundkurs eingeholt und die Werbetrommel gerührt. "Als Verein arbeiten wir da schon am Anschlag, wir brauchen für so ein Ereignis jedes Mitglied als Streckenposten oder bei der Vorbereitung. Da darf niemand ausfallen", sagt Kuzmanovic. "Wir hoffen auch, dass wir ein bisschen Eigenwerbung betreiben konnten und vielleicht das eine oder andere Neumitglied gewinnen können."
Vielleicht wäre Bürgermeister Michael Köpple ein passender Anwärter: Köpple zeigt sich in seinem Grußwort bei der Eröffnung jedenfalls begeistert von dem Zweiradtreffen: "Kreidler war für unsere Stadt immer etwas Besonderes. Und das nicht nur, weil viele Kornwestheimer dort ihr Brot verdient haben." Angesichts der "Gäste aus dem In- und Ausland" hoffte der Bürgermeister, dass die Veranstalter das Treffen möglichst bald wiederholen mögen.
Einzelne Maschinen werden auf der Bühne von einem Moderator vorgestellt, die Besitzer erzählen die Geschichte dazu. "Ich bin froh, dass ich meine Flory hier fahren darf, ohne dass die Polizei schimpft", berichtet einer. "Als Jugendlicher hatte ich immer wieder Probleme, weil ich sie frisiert hatte." Und welchem Zweck dient der Sportauspuff? "Dem Fahrspaß, weil es einfach brutal laut ist." Doch nicht alle Fahrer sind Veteranen, die dem Moped einfach nie entwachsen sind.
Auch die nächste Generation der Fans steht in den Startlöchern. Der 19-jährige Kornwestheimer Michael Tonn trägt stolz ein Kreidler-T-Shirt. Er hat eine Florett RMC gemeinsam mit seinem Vater restauriert: "Ich finde es einfach toll, so ein altes Fahrzeug wiederherzustellen."
Auch der 20-jährige Sebastian Hermann aus Brackenheim begeistert sich für die Zweiräder aus Kornwestheim und ist Mitglied in einem Verein für Kreidler-Freunde: "Wenn man eine zerlegte Flory vor sich liegen hat, dann freue ich mich richtig auf die Aufgabe. Alles richtig zusammenzubauen und das Mofa auch fahrbereit zu halten. Dann hat man auch abends nach der Arbeit immer etwas Sinnvolles zu tun."