Kinder sind viel vernünftiger als Erwachsene", sagt Dr. Peter Münst, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie lachend. In seinem Fachgebiet bekommt er alle Arten von Verletzungen und Knochenbrüchen zu sehen, die Kinder sich so zuziehen können. "Meist muss man vor allem die Eltern beruhigen", schmunzelt der vierfache Vater. "Bei Platz-, Schnitt- und Schürfwunden ist viel Blut zu sehen, das wirkt viel dramatischer als ein Bruch."
Für ihn als Mediziner ist es genau umgekehrt: Diese Verletzungen sind eher unbedenklich, ein Bruch bedarf dagegen schon sehr viel Erfahrung. "Das Thema ist sehr komplex. Man muss einschätzen, was der Körper, der noch im Wachstum begriffen ist, selbst regeln kann und muss, und wo er Hilfe benötigt." Im Heilungsprozess dann kann man Kinder sich selbst überlassen; sie wissen instinktiv, was gut für sie ist und was nicht. "Sie treiben sich selbst nicht an, um zu funktionieren, wie wir Erwachsenen aus Pflichtbewusstsein glauben, es tun zu müssen. Sie bewegen sich viel, aber so, dass es nicht weh tut und genau das unterstützt den Heilungsprozess. Deshalb benötigen Kinder auch nur sehr selten Krankengymnastik. Sie machen das von ganz alleine."
Bei Kindern gilt, so wenig wie möglich zu tun. "Es muss nicht alles exakt geschient und gerichtet werden", erklärt der Unfallchirurg. "Im Alter zwischen drei und zwölf Jahren müssen wir anhand der Wachstumsfugen, die ein Kind noch aufweist, einschätzen, inwieweit das Korrekturpotenzial des Körpers noch ausgeprägt ist. Das bestimmt die Vorgehensweise." So werden Brüche in der Regel konservativ behandelt, also vor allem noch mit Gips ruhig gestellt.
Bei schweren Verletzungen hingegen muss auf Fehlwachstum geachtet werden. Nicht immer ist das zu vermeiden. Manchmal wächst der Knochen an der verletzten Stelle ungleichmäßig oder der junge Körper stellt an der verletzten Stelle das Wachstum ganz ein. In solchen Fällen sind Korrekturoperationen unumgänglich.
Werden Implantate benötigt, um die Knochen zu richten, werden dafür ganz besondere, für den kindlichen Körper extra entwickelte Modelle verwendet. "Die Implantate müssen bei Kindern dann aber auch viel früher wieder entfernt werden, als bei Erwachsenen", klärt Dr. Münst auf. "Bei Erwachsenen ist das nach circa einem Jahr der Fall, bei Kindern schon nach wenigen Wochen. Die Behandlung verläuft also nach völlig anderen Prinzipien. Wir nehmen uns für die Eltern Zeit, um ihnen die Situation zu erläutern. Die Kinder selbst sind erstaunlich hart im Nehmen", erläutert der Chefarzt. "Die Eltern aber machen sich große Sorgen, wenn ihrem Kind etwas passiert und das macht sie übervorsichtig."
Für die Kinder sei vor allem wichtig, schmerzfrei zu sein, und darauf achtet der Chefarzt Peter Münst mit seinem Team. Die Nähe der Eltern hilft dabei. In seiner Klinik in Leonberg ist man darauf eingerichtet, auch einem Elternteil ein Bett im Zimmer ihres Kindes zur Verfügung zu stellen, wenn die Kinder ein paar Tage im Krankenhaus bleiben müssen. "Bei Unfällen ist nicht die Kinderklinik, sondern die Unfallchirurgie die richtige Anlaufstelle", stellt er klar. "Wir sind auf unsere kleinen Patienten eingestellt!"