Stuttgart - Das milde Klima in den Monaten um den Jahreswechsel setzte den Einzelhändlern zu. Winterartikel lagen wie Blei in den Regalen. Doch seit die Temperaturen unter null gefallen sind, schnellen die Verkaufszahlen nach oben. "Die Stimmung im Einzelhandel ist gut", sagt City-Manager Hans. H. Pfeifer.
Rote Schilder mit Prozentzeichen- und Sale-Aufdrucken pflastern die Schaufenster in der Innenstadt. 30 Prozent, 50 Prozent, 70 Prozent. Wer bietet mehr Preisnachlass im Saisonräumungsverkauf? Die Einzelhändler überbieten sich. An einem Schaufenster in der Königstraße klebt sogar die Aufforderung zur Eile: "Sei schnell, bevor unsere Regale leer geräumt sind!" Manche nennen das Ganze eine "saisonale Preisschlacht". City-Manager Hans H. Pfeifer spricht salopp von einem "Pseudo-Schlussverkauf".
PSV satt WSV (Winterschlussverkauf). Denn offiziell wurde der Schlussverkauf bereits im Jahr 2004 abgeschafft. Doch im achten Jahr nach Einführung des neuen Rabattgesetzes blühen im Sommer und im Winter die sogenannten Sale-Aktionen.
Seit 2004 darf der Handel Preisnachlässe und Sonderverkäufe im Prinzip beliebig oft wiederholen. Aber weil der Mensch bekanntlich Rituale liebt, gibt es traditionell die zwei großen Aktionen im Sommer und im Winter - SSV und WSV.
"Das Zeug muss nun endlich raus"
Doch ganz gleich, wie man das Kind auch nennen mag: Die Rahmenbedingungen müssen in jedem Fall stimmen. Wer Wintersachen verkaufen will, tut sich mit milden Temperaturen schwer. Umso mehr freuen sich die Einzelhändler in der Stadt jetzt über Väterchen Frost. "Die Stimmung ist durch die knackige Kälte im Einzelhandel gut", sagt City-Manager Hans H. Pfeifer. Jetzt beginne das Geschäft, das sich viele schon vor Weihnachten gewünscht haben: "Jetzt gehen die warmen Sachen endlich weg." Der Kaufimpuls sei durch "das Wintergefühl und den harmlosen Schneehauch" beflügelt.
Nachvollziehbar: Die Kälte heizt das Geschäft an. "Erst durch das Winterwetter bekommen die Kunden richtig Lust", ergänzt Sabine Hagmann, Geschäftsführerin des Handelsverbandes Baden-Württemberg: "Das ist bei Wintertextilien und Schuhen auch nötig. Das Zeug muss nun endlich raus."
Nur bei Heinz Reinboth, dem Vorstand der Interessengemeinschaft Königstraße, hält sich die Freude über die Minustemperaturen in Grenzen: "Die Winterperiode kommt zu spät. Wir haben jetzt immerhin schon Februar! Wir können das schlechte Geschäft der Vormonate nicht mehr aufholen. Es sieht gar nicht gut aus." Viele Stuttgarter Einzelhändler hätten einen "schlechten Jahresabschluss" gehabt. "Zudem tun die Reduzierungen um bis zu 70 Prozent weh", sagt Reinboth, "das sind teilweise Preise unter dem Wareneinkaufswert, das ist für viele ein hartes Brot."
Ein Sprecher von Peek und Cloppenburg sieht das etwas differenzierter. "Man muss das jeweilige Segment beurteilen", sagt er. Für Outdoor-Jacken, Stricksachen oder Schals mag diese zurückhaltende Einschätzung der Verkaufsbilanz durchaus zutreffen, "aber insgesamt sind wir bei Peek und Cloppenburg zufrieden und können nicht klagen."
Seit 100 Jahren Schlussverkäufe
Für den Kunden lohnt sich die Sache allemal. "Ich kann jedem nur raten, in die Stadt zu kommen", sagt Hans H. Pfeifer von der City-Initiative Stuttgart. Das Schnäppchen locke. "Der Kunde kann sich wirklich freuen", bestätigt Sabine Hagmann, "denn es sind nicht nur sensationell günstige Einzelstücke dabei - man hat derzeit richtig große Auswahl."
Es gibt also viele gute Gründe, durch die Stadt zu schlendern. Für viele Menschen ist der saisonale Stadtbummel schon zur lieben Gewohnheit geworden. Immerhin haben die Schlussverkäufe eine über 100 Jahre alte Tradition. Im Juni 1909 begann die Geschichte der Schlussverkäufe - und zwar mit einer Reform des Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb (UWG). Damals gab es eine inflationäre Entwicklung der Sonderverkäufe im Textilbereich, so dass der Gesetzgeber reagierte. Man regelte die Zahl und Dauer der Saisonverkäufe neu. Aus demselben Grund wurde jedoch fast ein Jahrhundert später die Abschaffung der Schlussverkäufe beschlossen.
Durch die Rabattitis das ganze Jahr hindurch sei der Verbraucher abgestumpft, lautete damals die Begründung. So kam es 2003/2004 zum letzten offiziellen WSV, den man jetzt auch ganz einfach PSV nennen kann.