Winfried Kretschmann "Christen sind wichtige Impulsgeber"

Von Jan Sellner 

Kirchentagsteilnehmer und -mitwirkender: Ministerpräsident Winfried Kretschmann Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Kirchentagsteilnehmer und -mitwirkender: Ministerpräsident Winfried KretschmannFoto: Lichtgut/Max Kovalenko

Winfried Kretschmann (Grüne) ist Dauerteilnehmer und Dauerbeschäftigter beim Stuttgarter Kirchentag: Im Kalender des baden-württembergischen Ministerpräsidenten stehen mehr als 30 Termine – darunter ein Interviewtermin mit den StN, bei dem er über Schutzengel, die Ökumene und das strittige Thema Homo-Ehe spricht.

Herr Kretschmann, Kirchentage rühren immer an sehr persönliche Themen. Auf Ihrem Schreibtisch steht ein Schutzengel. Glauben Sie an Engel?
An Engel in einem konkreten Sinn, dass unsichtbare Wesen mit Flügeln herumfliegen würden, glaube ich nicht. Ein Engel ist für mich erst mal ein Symbol dafür, dass man unter dem Schutz des Höchsten steht, oder wie Dietrich Bonhoeffer gedichtet hat, ich „von guten Mächten treu und still umgeben“ bin. Der Schutzengel auf meinem Schreibtisch drückt für mich aus, dass man sich neben allen Gefahren, die das Leben bringt, auch aufgehoben weiß – egal, was einem passiert.
Wie wichtig ist Ihnen der Glaube?
Wenn man glaubt, ist einem das ganz automatisch wichtig. Glaube ist etwas Existenzielles. Da ich aber zu den Glaubenszweiflern gehöre, ist es auch immer etwas, was mich umtreibt. Glaube ist nicht etwas, was ich habe, sondern das ich mir immer wieder erringen muss. Ich tröste mich da immer mit dem Propheten Jeremia, bei dem es heißt: Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen. Ich gehöre zu den Suchern – das ist meine Glaubensspur.
Beten Sie?
Ja, ich bete.
Gehen Sie häufig in die Kirche?
Ja. Soweit es geht, regelmäßig seit meiner Kindheit – mit Unterbrechung, als ich den Glauben mal verloren hab’ . . .
. . . und Sie wieder in die Kirche eingetreten sind (nachdem Kretsch­mann in den siebziger Jahren einer kommunistischen Gruppe angehört hatte, d. Redaktion).
Ja!
Selten wird Christsein so öffentlich wie auf Kirchentagen mit Zehntausenden Teilnehmern. Wie stehen Sie zu solchen Massenveranstaltungen?
Das Christentum ist wie jede konkrete Religion eine Gemeinschaftsreligion. Diese Gemeinschaft zu feiern und sich mit anderen zu treffen und zusammen zu beten, zu singen, sich in die Bibel zu vertiefen und miteinander zu diskutieren, das gehört elementar dazu. Insofern sind Kirchentage einfach lebendige Glaubensfeste. Den Gläubigen dienen sie dazu, ihren Glauben zu festigen, für die anderen sind sie ein niederschwelliges Angebot, sich mit Gott und der Welt zu beschäftigen. Natürlich passen Kirchentage auch gut in die moderne Event-Kultur.
So christlich wie heute war unsere Gesellschaft noch nie – trotz der vielen Kirchenaustritte – , haben Sie unlängst erklärt. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?
Die ganzen Anliegen des Christentums, angefangen vom Hauptgebot der Nächstenliebe, werden heute in einem Maß verwirklicht wie noch nie in der Geschichte der Menschheit: Das Sozialstaatsgebot steht in unserer Verfassung. Unsere gesamte Verfassungsordnung baut ja auf der Menschenwürde auf. Sie ist unantastbar. Unantastbar ist ein profanes Wort für heilig. In demokratischen Staaten wird das heute geachtet wie noch nie. Man muss auch mal sehen, wie unsere Gesellschaft mit Flüchtlingen umgeht – nämlich ganz im Sinne des Christentums, wo auch der Fremde der Nächste ist. Das meine ich damit, dass wir so christlich sind wie noch nie. Die Grundwerte des Christentums sind Bestandteil unserer Gesellschaftsordnung geworden.
Flüchtlinge – eines der großen Themen auf dem Kirchentag. Welche Impulse sollten von dem Christentreffen ausgehen?
Dass wir darin bestärkt werden, unsere christliche Verantwortung und humanitäre Verpflichtung wahrzunehmen, obwohl das auch mit Stress verbunden ist. Christlicher Glaube soll nach der Bibel ja auch so etwas wie ein Sauerteig sein, der die Gesellschaft durchdringt. Ich hoffe, dass das gerade bei diesem Thema der Fall ist. Dazu passt auch das Kirchentagsmotto „damit wir klug werden“. Ich sehe darin einen Auftrag zum Handeln. Das heißt, dass man über die Verhältnisse nicht jammert und klagt, sondern sich engagiert.
Sie sind Katholik. Was kann der Evangelische Kirchentag für die Ökumene bewirken?
Ich hoffe, es kommt auch mal bald die Zeit, in der es nur noch ökumenische Kirchentage gibt (bisher fanden zwei gemeinsame Kirchentage statt, d. Redaktion). Wenn ich mal vom Ritus des Gottesdiensts absehe, kann ich keine Unterschied zwischen Katholikentagen und Evangelischen Kirchentagen feststellen. Wir sollten das grundsätzlich gemeinsam machen.
Wie zufrieden sind Sie mit dem Stand der Ökumene heute?
Die Ökumene in Baden-Württemberg lebt; sie wird von unseren Ortskirchen, den beiden Landeskirchen und den beiden Diözesen vorangetrieben, soweit das möglich ist. Insgesamt wünsche ich mir mehr Einheit – keinen Einheitsbrei, aber eine Einheit in ­versöhnter Verschiedenheit. Ich bin davon überzeugt: Wenn das zusammenkäme, was die großen christlichen Kirchen jeweils stark macht – die Universalität der Katholiken, die Freiheit des Christenmenschen bei den Protestanten und die Spiritualität der Orthodoxie –, dann würde etwas entstehen, das man neudeutsch Synergieeffekt nennt – nämlich mehr als die Summe der Teile. Eine solche mutige Ökumene würde die Christenheit wieder attraktiver machen und sie stärken.
Sie sagten mal, in den Kirchen regiere zu viel Angst. Wie meinen Sie das?
Erst mal bin ich mit den Kirchen sehr zufrieden – sie sind aus dem Leben in Baden-Württemberg nicht wegzudenken. Sie sorgen mit für eine gute soziale Temperatur, sind die stabilsten Säulen unserer Zivilgesellschaft, und sie schaffen die Voraussetzung, ohne die auch der moderne Staat nicht leben kann – nämlich dass man Ideale hat, dass man an etwas glaubt und sich dann auch engagiert. Einen solchen Kirchentag vorzubereiten erfordert zudem einen ungeheuren Aufwand an geistiger und spiritueller Kraft. Das zeigt, wie lebendig unsere Kirchen sind. Das ist mir wichtig zu betonen. Unabhängig davon stelle ich für meine Kirche fest: Sie ist mir zu kulturpessimistisch. Mit dem evangelischen Theologen Eberhard Jüngel würde ich sagen: Wir sollten nicht beleidigt sein, wenn unsere christlichen Werte auch im säkularen Gewand auftreten.
Wie politisch sollte der Kirchentag sein?
Sehr politisch. Es wird nur dann unsinnig, wenn man einen verengten Blick des Politischen hat. Man kann nicht die Bibel aufschlagen, wenn man die Erbschaftsteuerreform richtig machen will. Das wird einem in diesem Fall sehr wenig helfen. Es geht vielmehr um einen weiten Begriff des Politischen, um existenzielle Fragen wie Toleranz und gegenseitigen Respekt vor der Verschiedenheit der Menschen. Es geht um die ungleiche globale Verteilung von Reichtum und darum, wie wir mit unserer gefährdeten Schöpfung umgehen. In diesem Sinne muss der Kirchentag politisch sein. Christen sind da wichtige Impulsgeber für das Engagement für andere Menschen. Das heißt allerdings nicht, dass Menschen, die nicht glauben, aber humanistische Werte leben, weniger wichtig wären.
Ist es in Ordnung, wenn der Staat den Evangelischen Kirchentag subventioniert – in diesem Fall mit fünf Millionen Euro aus dem Landeshaushalt? Stuttgart steuert weitere 3,2 Millionen Euro bei.
Selbstverständlich. Wir unterstützen wirtschaftliche, sportliche und soziale Aktivitäten aller Art. Da wäre es doch höchst verwunderlich, wenn wir Kirchen als wichtige und beständige Motoren der Zivilgesellschaft nicht unterstützen würden.
Sie sind selbst Mitwirkender auf dem Stuttgarter Kirchentag. Was unterscheidet Ihre Bibelarbeit von den Reden, die Sie sonst halten?
Das ist eine ganz andere Ebene, da kommt ja Gott direkt ins Spiel. Das ist immer eine große Herausforderung für mich, ich bin ja kein Theologe. Ich finde es höchst spannend und tue es ausgesprochen gern, auch wenn es viele Stunden kostet. Schriftauslegung durch Laien ist eine urevangelische Angelegenheit, und das gefällt mir gut . . .
Die Vielfalt von Lebensformen nimmt einen großen Raum auf dem Kirchentag ein. Ein besonders strittiges Thema ist die Homo-Ehe. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Da habe ich eine ganz klare Meinung. Schon vor zwölf Jahren hab’ ich dem damaligen Kardinal Ratzinger geschrieben: Jesus hat Menschen immer vom Rand der Gesellschaft in die Mitte genommen – das ist offenbar eine Verpflichtung des Christentums. In unserer Verfassung steht: Jeder hat das Recht auf die Entfaltung seiner Persönlichkeit, solange er nicht in die Rechte anderer eingreift und nicht gegen das Sittengesetz verstößt – das ist hier beides nicht der Fall. Das heißt: Es steht dem liberalen Verfassungsstaat überhaupt nicht zu, Bürgern eine bestimmte Lebensgestaltung zu verweigern. Was immer jemand auch persönlich davon hält, es ist nicht Aufgabe des Staates, den Menschen ihre persönliche Lebensführung vorzuschreiben. Auch als Christ muss ich ganz klar sagen: So wie Gott die Menschen geschaffen hat, so haben wir sie in ihrer Verschiedenheit auch anzunehmen.

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