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Wie Ameisen eigene Nutztiere halten

"Kornwestheim und Kreis Ludwigsburg", vom 22.11.2010 02:41 Uhr
Kornwestheim Günter Bechly sprach über die Entwicklung der Insekten. Von Mark Schenkel

Wenn ich daran denke, juckt es mich schon überall", scherzte Franz Zauner angesichts der schieren Zahl der Krabbeltiere: 150 Millionen Insekten kommen auf jeden Menschen, wenn man die Zahl der Individuen vergleicht. Zauner ist Vorsitzender der Kornwestheimer Ortsgruppe des Naturschutzbundes und hatte Dr. Günter Bechly zum Vortrag in den Galeriesaal eingeladen.

"Ein Kriterium für den Erfolg der Insekten ist die schiere Zahl oder die riesige Biomasse", so Bechly. "Außerdem bevölkern sie alle Lebensräume auf den Festland, von den Polkappen abgesehen." Mit atemberaubender Spezialisierung besetzen die Insekten kleinste Nischen - oder sie machen den Menschen Konkurrenz bei der Bildung ganzer Staaten: "Bei Ameisen geht das sehr weit. Es gibt in Form von Blattläusen, die gemolken werden, sogar Nutztierhaltung." Manche Ameisenvölker hielten "Sklaven" und nutzten Pilze landwirtschaftlich. Sogar zu organisierten Kriegszügen machten sich Treiberameisen auf.

Doch wie lässt sich die Vielfalt der Insekten erklären? "Die Insekten haben sich in einem Dreisprung von einer unbedeutenden Randerscheinung zur artenreichsten Tiergruppe überhaupt entwickelt", sagt Bechly. Im Erdaltertum hätten die Krabbeltiere keine Rolle gespielt. Ein reichhaltiges Meeresleben stand wenigen einfachen Lebensformen auf dem Festland gegenüber. Etwa vor 420 Millionen Jahren haben die Vorfahren von Biene und Co. den Sprung an Land geschafft. "Daraus haben sich viele Möglichkeiten ergeben. Die Insekten waren aber immer noch äußerst artenarm." Weitgehender war der zweite Sprung vor etwa 350 Millionen Jahren: Die Ausbildung von Flügeln im Zeitalter des Karbon.

"Relativ schnell entwickelten sich gigantische Fluginsekten", erläutert Bechly: "Die Flügel bildeten sich als komplexe Organe heraus." Sie halfen nicht nur beim Fliegen, sondern hatten auch raffinierte Sensoren, etwa zur Messung des Luftstroms. Ein Aufschwung, aber noch nicht der Durchbruch: Der kam erst im Erdmittelalter vor 125 Millionen Jahren: Blütenpflanzen verbreiteten sich über die Erde. Die Insekten profitierten von der reichhaltigen Nahrung und spezialisierten sich auf einzelne Pflanzen. Diese Co-Evolution führte zu einer Explosion der Arten.

Die fossilen Nachweise der ersten Insekten seien nicht zahlreich, so Bechly. Aber schon aus der Zeit von vor etwa 140 Millionen Jahren stehen Wissenschaftlern Bernsteine zur Verfügung. Die Tiere sind in das flüssige Baumharz geraten - nach der Aushärtung kann man ein "eingefrorenes" Bild der fossilen Fliegen, Mücken und ihren Verwandten machen. Eines der Gebiete, mit denen sich der Paläontologe intensiv beschäftigt, sind solche Funde.

Die Arbeit von Dr. Bechly und seinen Kollegen beschränkt sich aber nicht auf die Vergangenheit: "Schätzungen gehen von zwei bis zu acht Millionen nicht bekannten lebenden Insektenarten aus." Erst zwei Millionen Arten seien bekannt. Eine Gefahr sei besonders die Zerstörung des Regenwaldes: "32 000 Hektar Regenwald werden am Tag abgeholzt. Es sind unsere artenreichsten Lebensräume, die da kaputt gemacht werden." Er hoffe nicht, dass Abholzung und Klimaveränderung einen negativen "vierten Sprung" in der Geschichte der Insekten befördern werde.

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