Werk in Pforzheim Amazon: Auf Kosten der Mitarbeiter

Daniel Gräfe, 28.12.2012 09:58 Uhr

Pforzheim - Die Maschinerie läuft auf Hochtouren. Rund zwei Millionen Päckchen verschickt Amazon derzeit in die deutschen Haushalte – täglich. Mehr als 600 Lastwagen setzen sich dafür Tag für Tag in Bewegung. Bei den Kunden steht der weltgrößte Online-Händler hoch im Kurs: Angebot, Lieferservice und Preis gelten als vorbildlich.

Auch in Pforzheim. Hier hat Amazon im September ein neues Logistikzentrum in Betrieb genommen, in Deutschland ist es die Nummer 8: 17 Fußballfelder misst es, nahe der Autobahn gelegen. Von der lokalen Politik wurde die Ansiedlung gefeiert. Schließlich hat Amazon versprochen, binnen drei Jahren 1000 unbefristete und saisonbedingt bis zu 2000 befristete Stellen zu schaffen. Mehr noch: Der Konzern wirbt damit, den regional üblichen Lohn zu zahlen. Doch werden die Versprechungen gehalten?

Die Lohn-Frage

Amazon selbst schweigt zur Höhe des Lohns. Laut der Gewerkschaft Verdi zahlt Amazon für eine Tätigkeit im Pforzheimer Lager 9,65 Euro die Stunde bei einer 38,75-Stunden-Woche. Der Tariflohn für Einzel- und Versandhändler betrage in Baden-Württemberg für eine vergleichbare Tätigkeit zwölf Euro die Stunde bei einer 37,5-Stunden-Woche, dazu kämen Urlaubs- und Weihnachtsgeld und Zuschläge für Schichtdienste und Überstunden. Verdi befürchtet, dass die Versandhändler in der Region, die nach Tarif bezahlen, benachteiligt sind. Weil hohe Mitarbeiterzahlen in der Branche üblich sind, wird der Preiskampf stark über die Lohnkosten ausgetragen.

Amazon bekräftigt auf Nachfrage, dass man die für die Region typischen Löhne zahle. Im Stundensatz seien nicht der Bonus und die Mitarbeiteraktien eingerechnet. Wie viel dieses Plus im Schnitt ausmache, könne man nicht sagen. Laut Verdi liegt trotz dieser Leistungen das Gesamteinkommen deutlich unter dem örtlichen Schnitt.

Die Stellen-Frage

Verdi kritisiert auch, dass Amazon unverhältnismäßig viele befristete Stellen anbiete. „Der Druck auf die Mitarbeiter, die sich eine feste Stelle wünschen, ist zu groß“, sagt Gewerkschafter Heiner Reimann. In Pforzheim nahm Amazon nach eigenen Angaben mit 100 festen Mitarbeitern im September den Betrieb auf. Wie viele Mitarbeiter in der Vorweihnachtszeit noch angestellt wurden und wie viele davon befristete Stellen erhielten, teilt der Versandhändler nicht mit. Verdi spricht von rund 2300 Stellen und beruft sich dabei auf eine Quelle im Unternehmen. 2000 davon seien befristet. Nur rund 150 unbefristete Jobs gebe es, weitere 150 seien Leiharbeitnehmer.

„Der Leistungsdruck in Pforzheim ist dadurch sehr groß“, sagt Ralf Müller, der seinen wahren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Im Oktober heuerte er befristet an und lagerte mit Hilfe eines Gabelstaplers die eingehende Ware ein. 20 Paletten pro Stunde seien die Vorgabe gewesen. „Wer das nicht schaffte, der musste mit Konsequenzen rechnen.“ Im November kündigte er.

Auch in den Internetforen zu Amazon werden die Arbeitsbedingungen und Vorgaben in den acht Standorten kritisiert. „Am Metalldetektor wirst du als Frau von ­Männern abgetastet wie ein Schwerverbrecher“, schreibt eine Frau. Während der Arbeitszeit dürfe man sich nicht einmal kurz setzen. Doch es gibt auch Gegenstimmen: Die Kritiker sollten sich nicht so anstellen und froh sein, überhaupt einen Job zu haben, heißt es.

Auf die Frage, ob es Maßzahlen gebe, wie viele Pakete zum Beispiel in einer Stunde verpackt werden müssen, weicht Amazon aus: „Um sicherzustellen, dass wir das erwartete Bestellvolumen bewältigen können, arbeiten wir mit Planzahlen, die die jeweiligen Teams erfahrungsgemäß bearbeiten“, heißt es.

Die Arbeitslosen-Frage

Amazon, die Jobmaschine. Darauf baut Pforzheims Oberbürgermeister Gert Hager. Die Arbeitslosenquote in der Stadt beträgt knapp acht Prozent. Weil Amazon innerhalb der nächsten drei Jahre 1000 unbefristete und saisonbedingt bis zu 2000 befristete Stellen versprach, machte Hager die ­folgende Rechnung auf: Mit Hilfe des weltgrößten Versandhändlers sollte die Arbeitslosenquote um ein Prozent sinken. Vor allem Langzeitarbeitslose – die meisten von ihnen ungelernt – sollten vermittelt werden. Rund 5000 der 120 000 Pforzheimer fallen in diese Kategorie.

520 Langzeitarbeitslose hat das Jobcenter Pforzheim für befristete Stellen an Amazon vermittelt. Das Jobcenter im benachbarten Enzkreis brachte rund 150 kurzfristig unter Vertrag. Doch zum Jahresende laufen die Verträge aus, ob sie verlängert werden, ist ungewiss. In den acht deutschen Standorten wurden für die Weihnachtssaison 10 000 Mitarbeiter befristet eingestellt – jeder fünfte davon solle weiterbeschäftigt werden, heißt es bei Amazon. Wie viele es in Pforzheim sind, sagt man nicht.

Zumindest beim Jobcenter im Enzkreis übt man bereits eine neue Bescheidenheit. „Es wäre schon schön, wenn ich dauerhaft 50 bis 70 Arbeitslose unterbringen könnte“, sagt Leiter Hartmut Schölch. „Aber im Grunde bin ich über jeden froh, den ich in Arbeit bringen kann.“

 
 
Kommentare (9)
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JAN
07
Wikileaks Lej1, 23:27 Uhr

Performancetest

In einem Mitarbeitergespräch wegen schlechter Arbeitsleistung wurden gut ein Dutzend Mitarbeiter im Pick im Sommer letzten Jahres in Leipzig einer Art Performancetest unterzogen. Zum Schichtstart stand auf der Abhakliste 'bitte beim Leadplatz melden' und wir wurden in einer Gruppe von einem Lead, einem PG und 2 Areamanager in einem Gespräch auf schärfste für unsere mangelnde Leistung 'verurteilt'. Danach haben wir bis zur ersten Pause Multibatches bekommen wo wir nur laufen durften, also ausschliesslich schlechte Batches ohne gute Wege und dementsprechend geringe Stückzahlen pro Stunde. Nach der Pause folgte ein kurzes Meeting wo uns Lautstark gesagt wurde, dass die Stückzahlen nicht stimmen und dass es bis zur zweiten Pause mehr sein müssen (mind. 100). Also wurden uns weiter Multibatches auf den Scanner gepackt aber mit merkbar besseren Wegen sprich Pick. Nach der zweiten Pause erfolgte erneut ein Meeting wo uns wieder unüberhörbar eingedrescht wurde, dass die Zahlen nicht stimmen, wir nicht in der nicht in der Lage, sprich zu lahm sind und dass uns Amazon ja jeden Monat pünktlich unser Lohn überweise und dementsprechend Leistung erwartet wird. Toller Umgang mit seinen eingenen Mitarbeitern - oder?

JAN
06
Herms, 01:37 Uhr

Entlassungen Amazon Fra 1 Pforzheim

Es war schlimm, die ersten wurden am 21.12. entlassen in Gruppen abggeführt ins Personalbüro . Schokoladenzimmer oder das mit Kegelschreiber, so hast du schnell bemerkt was Sache ist. Kurze Abschiedsrede und Schuhe ausziehen Amazonkleidung und du wurdest aus dem Gebäude geführt. Am 28. 12. das selbige nur wenige unbefristeter Verträge oft Leute die gerade mal 3 Wochen dabei sind und unter 35 Jahren überwiegend weibliche... Männer bekamen meist nur 2 Monate befristet.und waren stinke sauer...bei den 2 Monaten befristeten Verträgen die haben das zittern noch mal vor sich am ende Februar meist 2 Tage vor ende des Monats. Du wartest Stundenlang auf deinen Rausschmiss und mußt sofort gehen. Viele hoffen auf Weiterbeschäftigung, das arbeiten je nach dem was man macht kann sehr anstrengend sein. Bestimmen tun die Manager und Lead was du tust und wie. Ich habe Hunderte eingelernt , durch meine Arbeit war der garant für reibungslosen Betrieb , ich war CO WORKER und es nütze nix. Auch ich wurde entlassen, die Manager wissen genau mit wem sie weiter arbeiten wollen. Die unbequemen werden beseitigt, egal wie gut du bist oder warst...weiteres auf anfrage von mir...

DEZ
29
Olaf Olafson, 02:37 Uhr

Ex-Amazonler

Ich kann euch ziemlich genaue Zahlen nennen, die in der Stunde gebracht werden mussten, meistens unerreichbar. Ich selbst habe im 'Receive' gearbeitet, wir mussten dort 227 Einheiten in der Stunde bearbeiten, eine Zahl weit entfernt von der Realität. Wer diese Zahlen schaffen will, durfte nicht trinken nicht reden nicht auf die Toilette gehen, nur Arbeiten und hoffen das er 'gute' ware bekommt, also kleine Artikel wie Kalender etc. . War dies nicht der Fall und man fiel unter den Toleranzbereich (ca. ~95 %) kam sofort ein 'Lead' oder 'Manager' und hat gefragt ob man überhaupt Lust hätte hier zu arbeiten. Krankheitstage wurden bei 90% der Mitarbeiter von denen ich das mitbekommen habe, mit dem Vertragsende belohnt.... Amazon handelt mit den Städten und die Ware sind die Arbeitslosen, dafür lässt sich Amazon sogar noch bezahlen...

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