Weltwirtschaftsforum in Davos Wie viel besitzen die Reichsten der Welt?

Von Siri Warrlich 

Ein Bus voll Superreicher sei so vermögend wie Milliarden Menschen zusammen – mit dieser These sorgt Oxfam für Gesprächsstoff. Foto: dpa
Ein Bus voll Superreicher sei so vermögend wie Milliarden Menschen zusammen – mit dieser These sorgt Oxfam für Gesprächsstoff.Foto: dpa

62 Menschen haben so viel Vermögen wie 3,6 Milliarden zusammen, sagt die Hilfsorganisation Oxfam. Aber stimmt das wirklich?

Stuttgart - Die These birgt Sprengstoff: Die 62 reichsten Menschen besitzen zusammen mehr als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – also rund 3,6 Milliarden Menschen. Mit dieser Botschaft hat die Hilfsorganisation Oxfam pünktlich zum Start des Weltwirtschaftsforums im Schweizerischen Davos einen Coup gelandet. In den sozialen Netzwerken und in den Medien hat Oxfams These eine breite Debatte entfacht. Von der „Süddeutschen Zeitung“ bis zur „Tagesschau“– viele berichteten über die Oxfam-Studie. Die Behauptung sei aber falsch, sagen Kritiker. Die Hilfsorganisation vergleiche Äpfel mit Birnen. Denn für die Rechnung nutzt Oxfam zwei verschiedene Dokumente: den Vermögensbericht der Bank Credit Suisse und die Reichenliste des US-Wirtschaftsmagazins „Forbes“. Auf der Reichenliste zählt Oxfam das Geld der Spitzenreiter zusammen – bis der Wert erreicht ist, der laut Credit Suisse der Hälfte des weltweiten Vermögens entspricht. Die Angaben auf der Forbes-Reichenliste, so Kritiker, seien aber lediglich Schätzungen. Über ihr Geld sprechen die Superreichen nicht gerne. „Dass wir Äpfel mit Birnen vergleichen, stimmt trotzdem nicht“, entgegnet ein Oxfam-Sprecher im Gespräch mit unserer Zeitung, „denn die Credit Suisse arbeitet selbst mit der Forbes-Liste“. Das stimmt – und wird von der Bank damit begründet, dass solche Listen „die beste vorhandene Quelle“ zum Vermögen der Superreichen seien.

Die Rechenmethode ist nicht der einzige Punkt, um den sich Oxfam und seine Kritiker streiten. Es geht auch um die Frage, ob das Vermögen überhaupt ein guter Messwert für Ungleichheit ist – oder man nicht lieber auf das Einkommen der Menschen blicken sollte. Schließlich ist ein Hausbesitzer in Deutschland, der für die eigenen vier Wände einen Kredit aufgenommen hat, beim Vermögen in Minus. Damit steht er – zumindest dem Vermögen nach – schlechter da als ein unverschuldeter Schuhputzer in Bangladesch. Trotzdem ist letzterer, gemessen an anderen Faktoren wie Lebenserwartung, Bildung und politischer Teilhabe, viel ärmer.

Einkommen statt Vermögen – was ist die bessere Messlatte?

Statt auf das Vermögen zu schauen, sollte deshalb lieber das Einkommen betrachtet werden. fordert etwa das Wirtschaftsmagazin „The Economist“ in Reaktion auf die Oxfam-Kampagne. Und hier haben Schwellenländer wie China, Indonesien oder Indien in den vergangenen Jahrzehnten Verbesserungen verzeichnet. Sie gehören bei der weltweiten Einkommensentwicklung zwischen 1988 und 2008 zu den größten Gewinnern, ermittelte der Wirtschaftswissenschaftler Branko Milanovic dem „Economist“ zufolge. Zu den Verlierern zählt hingegen die Mittelschicht in Industrieländern. Während die Einkommen sich im weltweiten Vergleich annähern, geht die Schere also stattdessen innerhalb vieler Länder auseinander, bilanziert der „Economist“.

Das gilt auch für Deutschland. Seit der Jahrtausendwende sei die Ungleichheit der Einkommen hierzulande stark gewachsen, warnte die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) im Frühjahr 2015. Besonders die Zunahme von Minijobs, Scheinselbstständigkeit und befristeten Stellen trage dazu bei, dass die unteren vierzig Prozent der Haushalte nicht vom Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre profitiert hätten. 2013 arbeiteten in Deutschland rund 40 Prozent aller Beschäftigten in sogenannten atypischen Arbeitsformen – mehr als im Durchschnitt der 34 Länder mit vorwiegend hohem Pro-Kopf-Einkommen, die die OECD bilden.

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