Welttuberkulosetag Gefährliche Flecken auf der Lunge

Von red/dpa 

Der Arzt Maximilian Pelzer (links) untersucht in Berlin in einer Flüchtlingsnotunterkunft im ehemaligen Flughafen Tempelhof im Medical Center ein Flüchtlingskind aus Mazedonien auf dem Arm des Vaters. Foto: dpa
Der Arzt Maximilian Pelzer (links) untersucht in Berlin in einer Flüchtlingsnotunterkunft im ehemaligen Flughafen Tempelhof im Medical Center ein Flüchtlingskind aus Mazedonien auf dem Arm des Vaters.Foto: dpa

Alte Krankheit, neue Risiken: Die Zahl der Tuberkulosefälle in Deutschland steigt. Migration spielt eine Rolle. Ein Besuch bei Ärzten im Dauerstress.

Berlin - Der Weg zu Frank Kunitz führt über blau-melierte Linoleumstufen in die erste Etage. Mehr als hundert Syrer, Afghanen, Albaner - Männer, Frauen und Kinder - steigen hier an manchen Tagen hoch. Sie haben einen Pflichttermin. Bei einer Außenstelle des Gesundheitsamts. An der weißen Metalltür mit Milchglasscheibe hängt ein Zettel „Bitte ziehen“. Daneben schimmert das Röntgenbild einer Lunge durchs Glas. Zeichensprache für alle, die kein Deutsch können. Drinnen sitzt Kunitz am Schreibtisch. Auf dem Bildschirm leuchtet eine ähnliche Röntgenaufnahme wie an der Tür. „Wir haben hier letzte Woche sechs Menschen rausgezogen“, sagt der Berliner Arzt. Sechs Mal Tuberkulose-Verdacht. Sechs Mal sofort Krankenhaus und Quarantäne.

So wie Kunitz im Tuberkulosezentrum in Berlin-Lichtenberg durchleuchten Mediziner in vielen Städten und Kommunen im Akkord Flüchtlinge. Das Infektionsschutzgesetz schreibt die Massenkontrolle der Asylbewerber vor.

Die Ärzte sollen alle rausfischen, deren Lungenbild auffällige Flecken zeigt. Oder bei denen andere Anzeichen der Infektion auffallen wie blutiger Husten, Fieber und Schweiß. Und zwar vor oder „unverzüglich nach ihrer Aufnahme“ in Flüchtlingsunterkünfte. So das Gesetz.

Die Krankheit, die früher Schwindsucht hieß und fast vergessen schien, verlangt wieder mehr Aufmerksamkeit. Weltweit tötet sie rund 1,5 Millionen Menschen pro Jahr (2014). Zum Vergleich: An der Ebola-Epidemie starben in Westafrika 2014/15 mehr als 11 000 Menschen.

In manchen armen Ländern in Asien, Afrika und Osteuropa schlägt der stäbchenförmige Erreger namens Mycobacterium tuberculosis besonders heftig zu. Darunter in Afghanistan, Eritrea, der Ukraine. Ein Teil der Menschen aus dieser fernen, armen Welt hat sich zu uns auf den Weg gemacht. Einige bringen die heimtückische Infektion mit. Wir müssen uns also wieder mehr kümmern. Oder genauer: Die rund 400 Gesundheitsämter bundesweit müssen sich kümmern.

Die erste Folge ist ein außergewöhnlicher Kraftakt. Rund eine Million Geflüchtete seit 2015 bedeuten für die Ärzte im staatlichen Gesundheitsdienst: Sie sorgen für Hunderttausende Röntgenaufnahmen von Migranten ab 15 Jahren. „Aktive Fallfindung“ heißt der Check im Behörden-Deutsch. Bei Kindern suchen die Ärzte oft mit Blut- und Hauttests nach Tuberkulose.

Mehr Tests

Die zweite Folge von mehr Zuwanderern und mehr Tests schlägt jetzt voll durch. Die Zahl der Tuberkulosefälle sprang innerhalb eines Jahres um rund 30 Prozent nach oben: von gut 4500 (2014) auf über 5850.

Wohlstand, Hygiene, gesundes Essen und Antibiotika haben die Infektion bei uns zum Randgruppen-Phänomen gemacht. Befallen werden häufig Obdachlose, Drogenkranke und HIV-Infizierte, auch ältere Menschen mit schwacher Immunabwehr. Und nun zunehmend Geflüchtete. Der „langjährig rückläufige Trend“ insgesamt ist beendet, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) bereits im Oktober festhielt. Besonders stark wuchs 2015 die Zahl der Fälle, die durch Aufnahmeuntersuchungen bei Flüchtlingen ans Licht kam: auf mehr als 1250. Doch auch insgesamt ging der Anteil der im Ausland geborenen Tuberkulosekranken schon 2014 hoch. Etwa bei Menschen aus Somalia, Rumänien, Eritrea.

Lena Fiebig, Expertin am RKI, warnt vor Panikmache. Ihr Institut mit Sicherheitslabors und schickem Foyer in Berlin-Wedding trägt bundesweit Daten zusammen. Zu Tuberkulose ebenso wie zu anderen meldepflichtigen Krankheiten wie Masern und Hepatitis. Das RKI schätzt Risiken ab und berät die Politik. Äußerungen zu angstbesetzten Krankheiten werden dort vorsichtig abgewogen. Gerade bei einem Thema wie Tuberkulose und Asyl, das auch rechte Hetzer auf den Plan rufen kann.

„Beim verstärkten Einsatz aktiver Fallfindungsmaßnahmen wie der Röntgenuntersuchung von Asylsuchenden vor Aufnahme in Gemeinschaftsunterkünfte sind steigende Fallzahlen nicht überraschend“, formuliert Fiebig im Amtsjargon. Und: „Wir wollen ja infektiöse Tuberkulosen finden, sie sollen nicht unentdeckt bleiben.“

Weiterhin seltene Krankheit

Das Deutsche Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK) in Berlin rechnet ebenfalls nicht mit neuen Alltagsgefahren. Weder in der S-Bahn noch im Büro. „Tuberkulose bleibt in Deutschland weiterhin eine seltene Krankheit“, sagt DZK-Mitarbeiter Karl Schenkel. Der Expertenzusammenschluss berät Ärzte und Laien. Zumal: Einmal anhusten, schon krank - das gilt für Tuberkulose kaum. In der Regel wird der Erreger anders übertragen. Etwa, wenn jemand viele Stunden in einem ungelüfteten Raum mit einem Kranken verbringt. Das trifft auf Flüchtlinge zu, die gedrängt in engen Quartieren leben. Migranten gefährden Migranten.

Entwarnung geben das DZK und andere Fachleute aber nicht. Zum einen waren die Reihen-Kontrollen nicht immer „unverzüglich“ - also innerhalb weniger Tage - zu schaffen. Die Zeitverzögerung erhöht das Risiko. Der Erreger kann an Mitbewohner weitergegeben werden.

Ein zweiter Knackpunkt: Die Eingangsuntersuchungen bleiben Momentaufnahmen. Tuberkulose ist aber eine Krankheit, die länger im Körper schlummern kann. Manchmal sieht die Lunge selbst bei Kranken noch normal aus. Ein paar Wochen oder Monate später klappt der Mensch dann zusammen.

Um gegenzusteuern, könnten die Zugewanderten intensiv aufgeklärt oder zu einem späteren Zeitpunkt erneut ärztlich betreut werden, rät das DZK. Auf jeden Fall hieße das neue Arbeit. Außerdem bräuchten die Behörden teils auch zuverlässigere Daten, wer sich wann und wo aufhält. Und wie lange jemand schon im Land ist. Daran fehlt es im Flüchtlingschaos ohnehin oft.

Ein drittes Problem ist die Ahnungslosigkeit: Ohne eigene Erfahrung sei das Wissen zurückgegangen - sogar unter Ärzten, sagt Karl Schenkel vom Tuberkulose-Zentralkomitee. „Die Wahrscheinlichkeit, dass zum Beispiel ein Landarzt mit der Krankheit konfrontiert wird, war in den letzten Jahren gering.“ Und die, die sich auskennen? Die Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst? Da wurde lange gespart, klagt Schenkel. Die Gesundheitsämter seien „nicht besonders luxuriös ausgestattet“.

Kein Luxus in den Flüchtlingsquartieren

Luxus ist in den Flüchtlingsquartieren, in Kasernen, Turnhallen und Gewerbegebäuden von München bis Kiel selten ein Thema. Frische Luft dagegen schon, nicht nur zur Tuberkulose-Abwehr. Zum Beispiel in den 20 Meter hohen Hallen des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Gerade kommen in Berlin nicht mehr so viele Menschen an wie im Herbst. Dennoch leben in der größten Flüchtlingsunterkunft der Hauptstadt 2000 Leute.

Für ihre Versorgung im „Medical Center“ in Hangar 1 ist Peter Albers (62) mitverantwortlich. Ein Machertyp in schwarzer Lederjacke und gelber Signalweste. Eigentlich ist er Ärztlicher Direktor am Wenckebach-Klinikum, das zum großen kommunalen Vivantes-Konzern gehört. Gerade wird ein drei Monates altes Mädchen aus Mazedonien an der Lunge abgehört. Es hustet.

Die Eltern sind besorgt. Die Ärzte auch. Die Kleine mit der rosa Mütze soll in die Klinik - zur Kontrolle. Keine Tuberkulose, ein „Atemwegsinfekt“, sagt Matthias Vetter, im Hauptberuf Krankenpfleger am nahen St. Joseph Krankenhaus. Er und das Team müssen 30 Minuten telefonieren. Dann erst finden sie einen Krankenwagen mit Babysitz. Und wenn es doch mal Tuberkulose wäre?

„Dann kommt der Patient sofort ins Krankenhaus. Und der Gesundheitsdienst wird informiert“, sagt Albers. Kontaktpersonen müssen zum Test. Es wäre ein Einzelfall. Der macht ihm wenig Kopfzerbrechen. Dafür existierten Notfallpläne, sagt er. Doch beim großen Ganzen, so die Sorge des Chefarztes, fehle der Steuermann. Jemand, der die gesamte Flüchtlingsversorgung so fest in die Hand nimmt und „so entscheidungsfreudig ist, wie es unser verstorbener Altbundeskanzler Helmut Schmidt war“.

Entscheiden, bewerten, Krankenhausbetten suchen. Das muss Lungenarzt Kunitz in Berlin-Lichtenberg in schneller Folge. Seine Anlaufstelle im Osten der Stadt betreut alle Tuberkulose-Kranken der Millionenmetropole. Eigentlich habe er nicht viel Zeit zum Erzählen, sagt er. Der 40-Jährige in Jeans und blauem Hemd guckt durch seine randlose Brille kurz in Richtung Fenster. Dann scheint es ihn doch zu drängen, mehr zu berichten. Davon, wie er und andere Ärzte mit viel Improvisation daran arbeiten, die Krise ein wenig zu entschärfen.

„Wir können hier in 21 Sprachen sagen: Einatmen. Und ausatmen“, beschreibt Kunitz die Untersuchungen. Der Syrer Omar, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, wartet mit Sohn, Tochter und Frau auf den Tuberkulose-Check. Englisch und Deutsch versteht Omar fast nicht. Er zeigt auf dem Handy Fotos seiner Heimat. Übersetzer fordere er nur ausnahmsweise an, sagt Kunitz. Manchmal helfe eine Info-App für Tuberkulose auf dem Mobiltelefon - vielsprachig.

Lücke zwischen Ankunft und Tuberkulosekontrolle

Rund 100 Aufnahmen schafft das Team mit fünf Ärzten am Tag. Plus bis zu 60 Kinder, die meist mit einem Hauttest untersucht werden. 2015 war das Limit erreicht. Zeitweise strömten täglich mehrere Hundert Flüchtlinge in die Hauptstadt. Die zeitliche Lücke zwischen ihrer Ankunft und der Tuberkulose-Kontrolle wuchs. Das Land Berlin mietete für eine halbe Million Euro im Jahr einen Röntgenbus. Der steht seit Juli an der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber - kurz Lageso - im Stadtteil Moabit. Er schleust weitere 100 Menschen täglich durch.

Kreativität war im Chaosjahr 2015 auch mehrere Autostunden nördlich, in Schleswig-Holstein, gefragt: Im nordfriesischen Seeth zogen Flüchtlinge in eine Kaserne. „Dort konnte anfangs nicht geröntgt werden. Jeden Tag kam deshalb ein Reisebus mit rund 50 Leuten ins 130 Kilometer entfernte Borstel“, berichtet Prof. Christoph Lange. Er arbeitet in Borstel im Kreis Segeberg am Forschungszentrum mit Lungen-Fachklinik. „Das war eine Fahrt rund drei Stunden hin und zurück.“ Jetzt ist die Fahrerei vorbei. Auch in Seeth wird geröntgt.

Andere Risiken sieht der Tuberkuloseforscher gerade erst im Anzug: „Es gibt eine Gesundheitsmigration“, berichtet er. „Sie entsteht, weil die Tuberkulose in anderen Teilen der Welt noch ganz andere Dimensionen besitzt. Einige wenige erkrankte Menschen, besonders junge Männer aus Osteuropa, kratzen alles Geld zusammen und kommen nach Westeuropa.“ Zu Hause, etwa in der Ukraine, hätten sie kaum eine Chance auf Heilung, sagt Lange.

Denn in manchen Regionen der Erde sorgt die Ausbreitung sogenannter multiresistenter Erreger für Riesenprobleme. Nach Jahrzehnten der Antibiotika-Therapie reagieren Bakterien dann nicht mehr auf wichtige Medikamente. Die Weltgesundheitsorganisation ist alarmiert. „Wir hatten kürzlich drei Patienten mit multiresistenter Tuberkulose aus Georgien, die zuvor für die Behandlung nach Frankreich gereist waren“, erzählt Lange. Dort gab es Schwierigkeiten. Sie fuhren nach Nordrhein-Westfalen. Von da wurden sie zur Spezialtherapie nach Borstel dirigiert. „Es gibt sogar Schlepper, die bringen solche Menschen bis kurz vor die Krankenhäuser“, sagt Lange.

Infektion verliert ihre Ansteckungskraft

Auch Kunitz kennt das Thema aus Berlin. Aber solche Fälle seien selten. Der Berufsalltag des 40-Jährigen wird, außer vom Röntgen, eher durch die normale Tuberkulose geprägt: Erst liegen Patienten zwei, drei Wochen in der Klinik. Die Infektion verliert ihre Ansteckungskraft. Die Kranken dürfen heim. Der Gesundheitsdienst muss dann rund sechs Monate weiter aufpassen, dass der Antibiotika-Cocktail genommen wird.

Aller Routine zum Trotz erlebt Frank Kunitz bei seinen Tuberkulosekontrollen immer wieder besondere Momente. Etwa, wenn Patienten aus der Ferne seelische und körperliche Wunden mitbringen. „Ich habe mal einen Vater mit seinem kleinen Sohn untersucht. Der Vater nahm meine Hand und strich damit über den Kopf des Jungen“, erzählt der Arzt und blickt auf seine Finger. „Da konnte ich es fühlen: Dort war ein Geschoss-Splitter im Kopf des Jungen unter der Haut.“ Sein Team hat das Kind zu einem anderen Arzt geschickt. Mehr weiß Kunitz nicht - leider.

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