Wegen Stuttgart 21 Bundestag befürchtet steigende Ticketpreise

dpa/lsw, 14.12.2012 14:56 Uhr

Berlin - SPD und Grüne schließen höhere Ticketpreise bei der Bahn wegen der enormen Mehrkosten beim unterirdischen Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 nicht aus. „Irgendwo muss das Geld ja herkommen, es fällt schließlich nicht vom Himmel“, sagte der Vorsitzende des Bundestags-Verkehrsausschusses, Toni Hofreiter (Grüne), am Freitag der Deutschen Presse-Agentur dpa nach einer Sondersitzung des Gremiums.

Ramsauer soll Ausstiegsszenario für Stuttgart 21 durchrechnen

Auch SPD-Fraktionsvize Florian Pronold betonte: „Natürlich fehlt diese Milliarde zusätzlich“. Bahn-Vorstand Volker Kefer habe gesagt, der Schuldenabbau solle in den nächsten Jahren um 100 Millionen Euro pro Jahr geringer ausfallen, um Mehrkosten von Stuttgart 21 zu kompensieren. „Das ist ein durchschaubarer Taschenspielertrick“, sagte Pronold. Er forderte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) auf, ein Ausstiegsszenario für Stuttgart 21 durchzurechnen.

Ein Bahn-Sprecher betonte hingegen: „Die Fahrpreise werden zur Finanzierung dieser Mehrkosten definitiv nicht angehoben, noch werden andere Projekte dafür gestrichen“. Alle gegenteiligen Behauptungen seien reine Spekulation. Der FDP-Verkehrsexperte Oliver Luksic sagte der dpa nach der Sitzung: „Mein Vertrauen in die Bahn ist nicht gerade gestärkt worden.“ Er würde nicht darauf wetten, dass dies das Ende der Fahnenstange bei den Kosten sei, betonte Luksic. Auch Hofreiter sagte, er rechne mit noch weit höheren Mehrkosten.

Kefer sagt erst ab, erscheint dann aber doch

Kefer hatte zunächst aus terminlichen Gründen seine Teilnahme an der Sondersitzung absagen lassen, erschien dann aber doch. Kefer habe Zweifel geäußert, ob die Bahn aus heutiger Sicht unter Berücksichtigung der neuen Fakten Stuttgart 21 auf den Weg gebracht hätte, sagte Pronold. Erstaunen herrschte bei Ausschussmitgliedern darüber, dass die Bahn erst jetzt festgestellt habe, dass Leitungen im Untergrund ein Problem darstellen, das hohe Mehrkosten verursacht. „Das ist natürlich ganz erstaunlich, dass unter einer Großstadt Leitungen liegen“, übte sich Hofreiter in Galgenhumor.

Die Bahn hatte am Mittwoch von der Kostenexplosion bei dem Projekt berichtet: Im ungünstigsten Fall könne die neue Strecke inklusive Tunnelbahnhof in Stuttgart 6,8 Milliarden Euro kosten. Bisher galten 4,5 Milliarden Euro als Maximum.

Scharf kritisierte Verkehrsexperte Pronold, dass Ramsauer nicht zur Sitzung erschienen sei. „Ramsauer duckt sich mal wieder weg, dabei ist der Bund Eigentümer der Bahn“. Der Parlamentarische Verkehrs-Staatssekretär Enak Ferlemann (CDU) habe noch nicht einmal darlegen können, wie viele Mitarbeiter beim Eisenbahn-Bundesamt mit Stuttgart 21 beschäftigt seien. Kefer habe betont, es seien fünf.

 
 
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Kommentare (30)
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DEZ
19
Alexander Jung, 01:32 Uhr

Unnötig, teuer, eng, schief und schlecht: 15 gute Gründe für den Ausstieg

Bürger und Parlamente über Kosten getäuscht. Taktfahrplan für BaWü unmöglich gemacht. Sicherheitsbestimmungen durch Ausnahmeregelungen umgangen. Neuer Engpass ohne verkehrstechnischen Nutzen. Finanzierung verfassungswidrig. Bahnanschlüsse in der Region zerstört. Schlossgarten ruiniert. Stresstest manipuliert. Bahn-Großprojekte im Schnitt am Ende 2,5mal so teuer wie geplant. Gefährlich enge und steile Bahnsteige. „Problem Kopfbahnhof“ bereits in den 1950er Jahren durch Erfindung von Wendezügen gelöst. Verspätungen durch zu knapp bemessene Gleisanlagen. Mineralwasservorkommen gefährdet. Magistrale Paris-Bratislava Erfindung der EU-Bürokratie. Bei Kostensteigerungen Risiko einer Bauruine im Herzen von Stuttgart. Das sind 15 gute Gründe, um dieses DÜMMSTE GROSSPROJEKT ALLER ZEITEN sofort abzubrechen.

DEZ
18
Hans König, 08:37 Uhr

Ingrao, 15:12 Uhr: Dieses Schönrechnen findet man aber noch extremer bei den Erklärungen zu K 21.

Frau Leidig erklärte letzten Freitag im Bundestag, dies würde vielleicht eine (knappe) Mrd € kosten. --- Vieregg / Rössler wollten eine Magnetschwebebahn von Stuttgart nach Tübingen für 0,6 Mrd € bauen, also mit einem Viertel !!!! der km-Kosten der im Billiglohnland China (Shanghai) gebauten Strecke. Diese sollte dann im 12 -min-Takt fahren (weshalb auch immer). Differenzierung @Lucidus. Danke für die differenzierte, sachliche Antwort. Ich kann sogar mit Ihrer Argumentation in der Sache mitgehen. Sie haben vollkommen Recht damit, wenn Sie mich kritisieren, dass ich hinter Bahnvorstand Kefer zurückfalle. Mein politisches Urteil ist zweifach, einerseits halte ich in der Tat die Vorgänge um Stuttgart 21 für typisch und 'normal' und eher (!) harmlos. Andererseits halte ich sie in der Tat für Zeichen einer skandalösen Politik, typisch und verantwortungslos - an der sich außerdem alle Parteien beteiligen. Hier würde ich die Wortwahl von Kefer voll unterstützen. Das möchte ich präzisieren: Stuttgart 21 ist ein normaler Vorgang, weil die Vorgänge dort auf nahezu alle öffentlichen Bauprojekte zutreffen: es ist derselbe Vorgang von Elbphilharmonie heute bis zum Fernsehturm damals, von den Stuttgarter Kliniken bis zum Albaufstieg A8, von der Rheintalstrecke bis zur S-Bahn im Breisgau, von der neuen S60 bis zum Berliner Bahnhof, immer wird mit viel zu geringen Kosten gerechnet, um über wahre Kosten hinweg zu täuschen, die wohl keiner politisch verantworten möchte. Ob es Selbsttäuschung der Politik ist oder Wählertäuschung, ich weiß es nicht. Vermutlich beides. Dieses Vorgehen kritisiert Dr. Kefer übrigens ebenfalls grundsätzlich, nicht nur für Stuttgart 21 - und er will bekanntlich dieses m.E. politisch gewollte Schönrechnen auf allen Feldern stoppen. Das hat ihn sofort politischen Ärger eingebracht, damit werden nämlich viele Projekte sterben, die die Politiker gerne hätten, aber nicht ehrlich bezahlen wollen. Ich dagegen bin Bahn-Fan und wünsche mir den extensiven Ausbau der Bahn, damit sie konkurrenzfähig wird und bleibt gegen Auto und LKW, auch wenn das dem Steuerzahler teuer zu stehen kommt. So viel Ehrlichkeit muss sein: Bahn gibt es nicht zum Sonderangebot. Auch keine Alternativen zu Stuttgart 21. Aber am Ende rechnet es sich mit mehr Freizeit, also Lebenszeit, und mit mehr Ökologie und für Stuttgart 21 städtebaulich (Bahn in den Tunnel, oben bauen und und leben). Bei allen Gegensätzen in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen könnten wir uns eventuell darin treffen: in Zukunft ALLE Bauvorhaben realistisch rechnen, Bahnprojekte nicht nur nach dem betriebswirtschaflichen Renditen rechnen, sondern auch den ökologischen Effekt einbeziehen und den Effekt auf mehr Lebensqualität - und das notwendige Geld bereit stellen, dass die Bahn ihr Netz wirklich modernisieren kann und sogar ausbauen. Den Weg im einzelnen können wir dabei unterschiedlich beurteilen, denn intensive Auseinandersetzung macht Projekte besser, nicht schlechter.

DEZ
18
Realist, 08:37 Uhr

Kaschieren der Wahrheit

Die Wahrheit ist, dass die Bahnpreise massiv steigen werden wegen der ENERGIEpreise, auch wegen der Energiewende, aber nicht nur. Hier trägt die Politik große Verantwortung - und schiebt sie leichthin auf die Deutsche Bahn. Und das ist viel mehr als ein einzelenes Bauprojekt - angesichts des immensen Energiebedarfs der Bahnen, es betrifft ja nicht nur die Deutsche Bahn, sondern auch die Privatbahnen, die mit Stuttgart 21 gar nichts zu tun haben! Nein, steigende Ticketpreise wegen Stuttgart 21 zu unterstellen ist eine politische Fiesigkeit ersten Ranges, unfair und scheinheilig. Es kaschiert die einfache Wahrheit, was wirklich für höhere Ticketpreise verantwortlich ist.

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