Wahlkampf der FDP in Ludwigsburg Christian Lindner und der Populismus der Mitte

Von Rafael Binkowski 

Vor vier Jahren wurden die Liberalen im Wahlkampf noch ausgelacht. Jetzt herrscht Euphorie, wie beim Wahlkampfauftritt von Christian Lindner in Ludwigsburg erkennbar ist.

Ludwigsburg - Was für ein Unterschied. Vor vier Jahren hätte die FDP ihre zentrale Wahlkampfveranstaltung in Ludwigsburg noch  in einer Telefonzelle abhalten können. Naja, fast. Jetzt gibt es keine Sitzplätze mehr, junge Menschen stehen am Balkon im Urban Harbour des Werkzentrums West. Das neue FDP-Gefühl: Vor der Wahl keine Sitzplätze statt nach der Wahl keine Plätze im Parlament. Der umtriebige Unternehmer Max Maier hat die Liberalen eingeladen – wo sonst als in der Dependance für Bosch und Porsche könnte die FDP zeigen, wie hipp und modern sie ist. Die Reanimation der Freidemokraten zeigt am besten die Biografie der beiden Wahlkreiskandidaten.

„Ich habe noch nie vor so vielen Menschen gesprochen“, bekennt die Ludwigsburger Bewerberin Stefanie Knecht, die am Abend der Wahlniederlage 2013 in die Partei eingetreten ist. Marcel Distl, der Kandidat für den Wahlkreis Neckar-Zaber, hat sogar erst 2015 ein erstes Praktikum bei der FDP gemacht – und sieht fast so aus, als wäre das immer noch so. Beide halten aber passable Reden als Präludium für den Shootingstar, der auf den Großplakaten überall in der Stadt und im ganzen Land wie ein Herrenmode-Model posiert.

Das alte FDP-Personal wirkt wie aus der Zeit gefallen

Wie groß der rhetorische Unterschied von Lindner zum üblichen FDP-Personal ist, zeigt die zweite Vorrede des Landeschefs Michael Theurer. Engagiert zwar, aber als dieser voller Begeisterung erzählt, dass der Schweizer Gotthard-Basistunnel im Kostenrahmen gebaut wurde, gibt es doch einige Längen.

Wie aus der Zeit gefallen wirken da die Elder Statesmen Wolfgang Weng und Ex-Justizminister Ulrich Goll, sie stehen für die behäbige und biedere FDP von Klaus Kinkel oder Walter Döring der 90er Jahre. Vielleicht kein Zufall, dass Christian Lindner später in seiner Rede ein paar kleine Scherze auf ihre Kosten einbaut. Dann ist es so weit: Ohne Pomp und martialische Einlaufmusik marschiert Lindner ein, im blauen, maßgeschneiderten Anzug, braun gebrannt und mit offenem Hemdkragen. Und setzt sich einfach in die erste Reihe. Als er spricht, verlässt er schnell die Treppe in der Mitte des Atriums und marschiert munter durchs Publikum. Der Politiker zum Anfassen, soll die Botschaft.

Jede Geste wirkt perfekt abgestimmt, Linder agiert auf Augenhöhe, nimmt Fragen selbst entgegen und läuft ohne Kontaktscheu zum Fragesteller. Das schafft Nähe und passt zum schnörkellosen Redestil: Man hört Lindner gerne zu und verzeiht ihm sogar einen Patzer wie gleich zu Beginn, als er Ludwigsburg als „ländlichen Raum“ bezeichnet. Da atmet die Smart City hörbar laut ein, um dann doch an den Lippen des FDP-Chefs zu hängen, der komplett frei spricht. Solch rhetorisches Talent haben zuvor allenfalls Gregor Gysi oder Joschka Fischer in der deutschen Politik gehabt – was einiges vom Aufstieg der FDP erklärt.

Lindner und die liberale Erzählung

Beim französischen Präsidenten Emmanuel Macron, den Lindner zitiert, wurde vom Populismus der Mitte gesprochen – den zelebriert Lindner nun, als er Macrons Video-Rede zum amerikanischen Ausstieg aus dem Weltklima-Abkommen erwähnt: „Warum kann Deutschland nicht einmal so cool sein?“ Ob die Anschläge in Barcelona, Donald Trump oder Dieselskandal: Er wirbt für Vernunft und moderate Positionen. Er erklärt, was er zu Beginn die „liberale Haltung“ genannt hat. Auch bei der Nachfrage nach seiner umstrittenen Position zur Krim-Annektion.

Die Zuschauer freuen sich, dass es nach Guido Westerwelles inhaltsleerem Spaßwahlkampf wieder eine freidemokratische Erzählung gibt. Ein Mittfünfziger zeichnet sogar Lindners komplette Rede mit dem Handy auf. So viel Euphorie gab es selten bei den Liberalen. „Vor vier Jahren wurde ich noch beschimpft und ausgelacht“, sagt der Wahlkreiskandidat Marcel Distl. Jetzt wähnt man sich obenauf, ein Zuhörer fragt den FDP-Vorsitzenden schon, welche Ministerien er denn nach der Wahl für die FDP beanspruche.

Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft

Nur einmal treffen wohlklingende Parolen und die Wirklichkeit schroff aufeinander. Der srilankische Cricket-Abteilungsleiter Ruwantha de Silva vom TV Pflugfelden, der mit Flüchtlingen spielt und diesen eine neue Heimat bietet, fragt Lindner: „Welche Perspektive können Sie ihnen bieten?“ Es droht die Abschiebung. Lindner läuft auf ihn – und spricht dann abstrakt über ein neues Einwanderungsrecht, das die FDP fordert. Die kurze Episode zeigt: Ganz so einfach wie in Linders Rede ist Politik dann doch nicht.

Lesen Sie jetzt