Vorschlag der Grünen Ältere Lehrer sollen wieder mehr unterrichten

Frank Krause und Rainer Wehaus, 06.02.2013 18:33 Uhr

Stuttgart - Die Grünen um Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann wollen nach Informationen der Stuttgarter Nachrichten älteren Lehrern die Altersermäßigung streichen. Es mache keinen Sinn, dass Lehrer zum Teil schon ab 55 Jahren eine Stunde weniger unterrichten dürften, heißt es in Regierungskreisen. Am Freitag soll der Vorschlag der Grünen bei einem Spargipfel der Regierung diskutiert werden. Der Koalitionspartner SPD lehnt ihn bislang vehement ab.

Nach Informationen der Stuttgarter Nachrichten konnte sich Stoch mit seinem Vorstoß, die Streichung von 500 Lehrerstellen aufs nächste Jahr zu verschieben, regierungsintern nicht durchsetzen. Bereits am Dienstag, bei einem Vorbereitungstreffen für den nächsten Spar-Gipfel der Regierung am Freitag, hat es nach Angaben von Teilnehmern Kritik an der Forderung gegeben, die das Land rund 25 Millionen Euro kosten würde. Am Mittwochmorgen, als unsere Zeitung den Vorgang publik machte, glühten dann zudem dem Vernehmen nach die Drähte zwischen Regierungszentrale und Kultusministerium. Dabei soll das Staatsministerium Stochs Ressort unmissverständlich klargemacht haben, dass am beschlossenen Sparplan festgehalten werde – allein schon deshalb, weil andernfalls bereits im Frühjahr ein Nachtragshaushalt notwendig würde, den auch andere Ressorts dazu nutzen könnten, Mehrausgaben zu fordern. Dies wolle Ministerpräsident Winfried Kretsch­mann (Grüne) auf jeden Fall verhindern, hieß es am Mittwoch.

Zufall oder nicht – offenbar nach der Intervention des Staatsministeriums dementierte ein Sprecher des Kultusministers das interne Aufbegehren seines Chefs. „Wir sind auf einem guten Weg, das vorgesehene Einsparziel von 1000 Stellen für 2013 zu erreichen und gleichzeitig die Qualität der Bildung und die Unterrichtsversorgung nicht zu verschlechtern“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Stochs Ressort behauptet dem Vernehmen nach seit Wochen, es könne die 1000 Stellen in diesem Jahr nicht streichen, ohne dass sich die Unterrichtsversorgung vom kommenden Schuljahr an verschlechtere. Zu spüren bekämen Schüler und Eltern dies ab September – ein politisch denkbar ungünstiger Zeitpunkt, denn am 22. September ist Bundestagswahl. Die Beamten des Finanzministeriums wiederum haben ihren Kollegen aus dem Bildungsressort vorgerechnet, dass angesichts rückläufiger Schülerzahlen theoretisch sogar rund 3000 Lehrstellen in diesem Jahr gestrichen werden könnten – das Kultusministerium müsse dafür nur ein paar nette, aber verzichtbare Maßnahmen beenden. Welche Maßnahmen nun kommen werden, ist noch unklar. Im Gespräch sind unter anderem Einsparungen beim Projekt „Schulreifes Kind“ sowie bei der Reserve für Krankheitsvertretungen.

Entweder ein Lehrer könne seinen Job machen oder nicht.

Sehr viel bringen würde eine Maßnahme, auf die die Grünen drängen: den Wegfall der Altersermäßigung. Ab dem 55. Lebensjahr müssen Lehrer an Gymnasien und beruflichen Schulen eine Stunde weniger unterrichten, ab dem 58. Lebensjahr kommen die Lehrkräfte aller Schularten in den Genuss dieser Regelung. Ab dem 60. Lebensjahr dürfen sogar teilzeitbeschäftigte Lehrer eine Stunde kürzertreten – alle anderen dann zwei Stunden. Ministerpräsident Kretschmann sieht dem Vernehmen nach in der Altersermäßigung „keinen Sinn“, wie es aus dem Umfeld der Grünen-Landtagsfraktion heißt. Entweder ein Lehrer könne seinen Job machen oder nicht. Die Gewerkschaften hingegen, die den Rabatt in den zurückliegenden Jahren erkämpft haben, halten das Ganze für eine Arbeitsschutzmaßnahme, die dafür sorge, dass mehr Lehrer auch tatsächlich bis zur Ruhestandsgrenze arbeiten und nicht krank und ausgebrannt frühzeitig in Pension gehen.

Am kommenden Freitag, wenn die Haushaltsstrukturkommission der Regierung unter Vorsitz von Kretschmann tagt, soll der Sparvorschlag der Grünen diskutiert werden. Eine Streichung der Altersermäßigung würde eine Einsparung im Wert von mehreren Hundert Lehrerstellen bringen. Der Koalitionspartner SPD lehnt dies aber bislang vehement ab, weil er Angst hat vor der Reaktion der Lehrergewerkschaften.

Die grün-rote Landesregierung will zur Sanierung des Landeshaushalts bis 2020 insgesamt 11600 Lehrerstellen streichen – davon 1000 in diesem und 1200 im nächsten Jahr. Für seinen Akt des Widerstands erntete Stoch am Mittwoch Zustimmung aus den Reihen der Opposition. Dass der Minister die pauschale Streichung von 1000 Stellen infrage stelle, sei „grundsätzlich zu begrüßen“, erklärte der bildungspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Georg Wacker. Er mahnte zugleich eine Erhebung an, wie groß der Bedarf an Lehrerstellen tatsächlich ist. Auch der Verband der Berufsschullehrer stärkte Stoch den Rücken. Es gebe eine „Überstundenbugwelle“ von 2000 Deputaten sowie ein „strukturelles Unterrichtsdefizit von 2,7 Prozent“, erklärte Margarete Schäfer. Solange dies so sei, könnten keine Lehrerstellen gestrichen werden.

 
 
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FEB
08
Bürgerin S., 11:02 Uhr

Lehrerstellen abbauen, aber personalintensive Schulformen vorantreiben...

...geht einfach nicht zusammen!! Ganztagesgrundschule, Schülerhäuser, Gemeinschaftsschulen - all das bedeutet ein Mehr-Bedarf an motivierten (!) Lehrern, die hinter diesen Schulformen stehen, wenn's gelingen soll, der Großversuch, der ohne gesellschaftliche Debatte durchgezogen wird. - Wenn wir immer weniger Kinder haben, verstehe ich nicht, warum dieser Staat dann nicht mehr Geld pro Kind in die Hand nimmt!! Unwürdig ist dieses Geschachere um eine Stunde in der Woche. Unwürdig der Umgang mit Lehrern, Erziehern, Eltern und Kindern in diesem Staat!

FEB
07
Albert Seitzer, 18:52 Uhr

zu Michael Gomolzig

Die Wertschätzung der Arbeit der Lehrer erfolgt garantiert nicht über die 90 Altersermäßigungsminuten. Das ist mal wieder die typische Lehrerverbandsrethorik. Die Arbeitsbedingungen für Schüler und Lehrer sind katastrophal, krankmachender Disstress anstatt gesunder Eustress. Damals nach dem ersten Pisaschock sind reihenweise Politiker nach Finnland geflogen um das System des Pisasiegers anzuschauen. Sie kamen zurück und meinten, es sei bei uns nicht möglich, zu teuer. Nein, unser System hier ist viel zu teuer! Es macht Schüler und Lehrer krank. Die Kosten dafür sind weit höher, mal ganz abgesehen von dem Leid der erkrankten Schüler und Lehrer und deren Angehörigen. Kernpunkt des finnländischen Systems ist, wenn ein Schüler Defizite zeigt wird er individuell extra gefördert zum Beispiel in Mathematik, bis er wieder Anschluss in der Klasse findet. Natürlich sind die Klassen viel kleiner. Neurologische Forschungen ergaben als Maximum für eine effektive Gruppengröße 12 Personen. In Finnland ist in dieser überschaubaren Klasse neben dem Lehrer noch Lehrerstudenten und andere Hilfskräfte tätig. Aber wem erzähl ich das? Die Lehrerausbildung ist dort entsprechend Praxis bezogen. Bereits die Vorgängerregierung hat damit begonnen die Lehrer nun auch noch sinnlos zusätzlich zu beschäftigen. Dieses System kommt aus der schweizer Industrie und ist dort bereits längst wieder abgeschafft worden, die Evaluation! Ein Regelkreis, wie man sie für eine Heizungsanlage verwendet, sollte die Schule verbessern! Nun der jetzige Kultusminister hat alle seine Kinder auf die Waldorfschule geschickt, aus gutem Grund. Ich wünsche mir, dass für alle Kinder bessere Bedingungen geschaffen werden! Das lohnt sich für unser Land und kostet unterm Strich weit weniger als bisher!

FEB
07
Humanist, 15:22 Uhr

Grüne Milchmädchenrechnung

Eine Streichung der Altersermäßigung würde eine Einsparung im Wert von mehreren hundert Lehrerstellen bringen. Im Gegenzug bräuchte man dann mehrere hundert Vertretungslehrer für diejenigen aus Gesundheitsgründen reihenweise ausfallenden älteren Lehrer, welche die Frechheit besitzen, mit zunehmendem Alter einfach nicht jünger zu werden.

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