Es ist wirklich schön geworden", sagt Judith Vowinkel, und die Freude über das neue Sozialkaufhaus steht ihr ins Gesicht geschrieben. Und auch ein wenig Stolz. Schließlich hat sich der Traum, den die Stadträtin zusammen mit der Diakonieschwester Erika Schittenhelm vor einem halben Jahr noch geträumt hat, nun in Realität verwandelt. "Das ist ein wunderbares Gefühl." Ursprünglich hatten die beiden Stammheimerinnen sich zum Ziel gesetzt, einen Tafelladen in den Stadtbezirk zu holen. "Aber von der Idee mussten wir abkommen, da der Konkurrenzkampf inzwischen enorm ist und auch die Discounter ihre Waren reduziert vermarkten", sagt sie. Inzwischen ist die Stadträtin davon überzeugt, dass ein Sozialkaufhaus dafür einen anderen Vorteil birgt: "Hier können alle Stammheimer einkaufen und nicht nur Bedürftigte. Es findet keine Ausgrenzung und Stigmatisierung statt."
Mit Unterstützung des Sozialunternehmens Neue Arbeit hat die Initiativgruppe "Stammheimer Laden", die sich seit vergangenem Herbst um Vowinkel und Schittenhelm formiert hat, das "Kleine Kaufhaus" aufgebaut. Es ist das sechste seiner Art, das die Neue Arbeit in Stuttgart betreibt. Die Ziele, die damit verfolgt werden, sind ganz unterschiedlicher Natur: Zum einen sollen die Einwohner des Stadtbezirks dadurch die Möglichkeit haben, preisgünstig einkaufen zu können. "Stammheim ist ein noch junger Stadtteil mit der niedrigsten Kaufkraft, da hier viele Kinder leben", sagt Vowinkel. Sozial schwachen Menschen ermöglicht daher eine Vorteilskarte 30 Prozent Nachlass auf die ohnehin schon günstigen Preise. "Aber es kann jeder einkaufen, der Zugang ist nicht limitiert", betont Christian Elser von der Neuen Arbeit. Das Sortiment könnte kaum vielfältiger sein: neben Pfannen stapelt sich buntes Geschirr, Bücher sind im Regal aufgereiht, weiter geht es mit Socken, Kerzen, Toaster bis hin zu Espresso-Maschinen. "Schau mal, wie geschickt, hier gibt es Kutterschaufeln mit langen Stielen, bei denen man sich nicht bücken muss", sagt eine ältere Dame entzückt zu ihrem Mann bei einem ersten Bummel durch die Ladenfläche.
Über den Verkauf von Neu- und Gebrauchtwaren hinaus soll in der neuen Lokalität auch die Begegnung der Stammheimer Bürger gefördert werden. "Das Stehcafé ist als Kommunikationspunkt gedacht", erklärt Elser. Ferner solle die Verkaufsfläche Jugendlichen sowie Langzeitarbeitslosen die Möglichkeit bieten, Arbeitserfahrung zu sammeln. "Das kleine Kaufhaus bietet Raum dafür, dass sich benachteiligte Menschen beruflich qualifizieren und damit ihre Vermittlungschancen auf den ersten Arbeitsmarkt erhöhen können", sagt Ralf Ehring von der Neuen Arbeit, der stellvertretend für den Projektleiter Rolf Kaltenberger sprach. Dieser steckte aufgrund des lahmgelegten Luftverkehrs in Übersee fest.
Vowinkel hofft, dass sich darüber hinaus weitere unterschiedliche Projekte in den neuen Räumlichkeiten verwirklichen lassen. Kleinere kulturelle Veranstaltungen seien denkbar, eine Tätigkeitsbörse oder gemeinsame Projekte mit der Schule. Dafür sollten möglichst viele Bürger gewonnen werden. "Ich bin sehr optimistisch, dass die Stammheimer das Projekt mit tragen werden und dafür sorgen, bedürftige Menschen mitzunehmen. Der Schlüssel zur Integration liegt in Bildung, sozialer Teilhabe und in der Gemeinschaft. Dieses Projekt ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung."