VfB Stuttgart Wolfs wilde Wechselspiele

Von Carlos Ubina 

Wohin denn nun? Beim VfB stellen sich Co-Trainer Miguel Moreira, Chefcoach Hannes Wolf und Abwehrspieler Timo Baumgartl (von links) wichtige Fragen. Foto: Baumann
Wohin denn nun? Beim VfB stellen sich Co-Trainer Miguel Moreira, Chefcoach Hannes Wolf und Abwehrspieler Timo Baumgartl (von links) wichtige Fragen.Foto: Baumann

Der Trainer des VfB Stuttgart verändert in Fürth vieles, doch für die enttäuschende 0:1-Niederlage des Tabellenführers in der zweiten Fußball-Bundesliga macht er einen anderen Kernpunkt aus.

Fürth - Es lief die 83. Minute, als die Verzweiflung um sich griff. Hannes Wolf sprang die Außenlinie entlang, er ruderte mit den Armen und rief immer wieder auf den Platz. Schließlich kam die Trainerbotschaft bei Marcin Kaminski an. Der lange Innenverteidiger wurde nach vorne beordert. Für eine letzte Aktion. Einen Kopfball, der dem VfB Stuttgart in Fürth wenigstens noch einen Punkt rettet.

Die Chance kam auch, aber Kaminski brachte keinen Druck hinter den Ball. Also blieb es bei der 0:1-Niederlage und wer die Partie nur in der Schlussphase gesehen hatte, musste sich denken: alles versucht. Selbst mit Plan B wie Brechstange. Doch wer von Anfang dabei gewesen war, konnte sich nicht mehr sicher sein, ob es mittlerweile Plan C, D oder X gewesen war.

Schafft der VfB nach dieser Niederlage trotzdem den Aufstieg? Dazu hat sich StuggiTV in der Stuttgarter Innenstadt umgehört:

Zu oft hatte Wolf an diesem Samstagnachmittag etwas an seiner Elf verändert. Das Personal, das System, die Taktik. Hin und her ging es zwischen Dreier- und Viererkette. Denn nach dem Gegentor von Veton Berisha (9.) stellte der Trainer sofort um. Nur um die Abwehr nach der nächsten Großchance von Berisha zehn Minuten später zurück zu wechseln. „Wir wollten die rechte Abwehrseite mit einem zweiten Mann verstärken“, sagt Wolf, „da aber Fürth gleich darauf reagiert hat, haben wir wieder umgestellt.“

Das böse Wort „vercoacht“ macht die Runde

So funktioniert der moderne Trainerjob heute. Ständig werden neue Pläne geboren, wie man dem Gegner optimal begegnen kann. Und jederzeit werden sie umgeworfen, weil man noch frischere Gedanken entwickelt, wie man dem Gegner in voller Überzeugung ein noch größeres Rätsel stellen kann. Das Problem gegen die SpVgg Greuther Fürth war nur, dass auf dem Rasen des Ronhofs eine Reihe von verwirrten VfB-Spielern zu stehen schienen. Obwohl sie den Plan schon länger kannten, und obwohl sie entsprechend trainiert und in dieser Art auch schon erfolgreich gespielt hatten.

Deshalb machte bereits während der Begegnung das böse Wort „vercoacht“ die Runde. Und hinterher musste Wolf seine Wechselspiele, die experimentell und wild angemutet hatten, erklären. Denn er hatte ja nicht nur die Abwehr neu formiert, sondern ebenso das Mittelfeld und den Angriff umbesetzt. Mit Matthias Zimmermann und Christian Gentner in der Zentrale sowie erstmals mit dem lange verletzten Daniel Ginczek in der Startelf. Damit veränderten sich jedoch auch die Struktur im Spiel und die Statik im Team – was in der Summe wohl zu viel war.

Die zweite Wahrheit

Aber hinterher ist man ja immer schlauer. Wer hatte vor dem Anpfiff schon wissen können, dass Zimmermann und Gentner nur rastlos zwischen den Fürthern pendeln würden. Und wer hatte vorher schon ahnen können, dass Kaminski und Ginczek vor allem ihre Schwächen an den Tag legen würden.

Im Grunde keiner. Weshalb die Niederlage in Fürth eine zweite Wahrheit beinhaltet. Weg von der Taktikfrage führt diese – und hin zur Einstellungsfrage. Nicht grundsätzlich, aber speziell zu diesem Spiel. Denn der VfB traf auf einen Gegner, der ebenfalls einen spielerischen Ansatz pflegt – und er fand seinerseits selbst keine spielerischen Lösungen. Der VfB ließ aber auch nicht erkennen, dass er gewillt war, den schleichenden Abwärtstrend (erst ein starkes 1:1 in Braunschweig, dann ein schwaches 1:1 gegen Bochum nach zuvor fünf Siegen) mit aller Macht umkehren zu wollen.

Trainer und Manager sehen kein Systemproblem

„Wenn die Bereitschaft fehlt, Zweikämpfe anzunehmen und zu gewinnen, dann spielt die Systematik keine Rolle“, sagt der Manager Jan Schindelmeiser. Vor allem in der Anfangsphase ließen die Gäste das Feuer vermissen, das Wolf so gerne entfacht und gesehen hätte. „Ich tue mich schwer damit, die Gründe für unsere Niederlage in der Taktik zu suchen, wenn wir ständig den Ball verlieren“, sagt Wolf, „zumal wir wieder eine erste Hälfte gespielt haben, die uns in Schwierigkeiten gebracht hat.“ Das treibt ihn um, denn zum einen ist das lange untypisch für den Schnellstarter VfB gewesen. Zum anderen ist es aber zum zweiten Mal nacheinander passiert.

Deshalb grummelt es auch bei Kapitän Gentner: „Es haben sich in den letzten Wochen einige Dinge eingeschlichen, die nicht gut sind. Das müssen wir aber intern besprechen.“ Ob sich daraus ein strukturelles Problem ergibt, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch, dass die Stuttgarter eine Debatte in die Länderspielpause nehmen, die sie sich am liebsten erspart hätten. Die Zweifel sind zurück. Am mutigen Jungtrainer, der in einer Stadt coacht, für die nur der Aufstieg zählt. Am Team, das zwar vorne steht, aber viele Spiele nur knapp gewonnen hat.

Jetzt gab es die erste Niederlage in 2017 und mit ihr ist auch das Momentum verloren gegangen. Dieses hat nun Union Berlin. Weshalb es passieren kann, dass die VfB-Profis vor dem nächsten Zubettgehen nicht mehr Tabellenführer sind. „Wir haben aber weiterhin eine sehr gute Ausgangsposition“, sagt Schindelmeiser vor der Woche der Wahrheit (Spiele gegen Dresden, München und Karlsruhe in sieben Tagen), die als nächstes kommt und alles andere als wechselhaft verlaufen soll.

VfB Stuttgart - 2. Bundesliga

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