VfB Stuttgart „Wir haben uns viel Respekt erarbeitet“

Von Gunter Barner 

Robin Dutt: „Wir sind noch keine Spitzenmannschaft“ Foto: Getty
Robin Dutt: „Wir sind noch keine Spitzenmannschaft“Foto: Getty

Dem VfB steht gegen Hertha BSC an diesem Samstag (15.30 Uhr/Sky) der nächste Härtetest bevor. Der Sportvorstand denkt derweil schon an die kommende Saison. Ist Daniel Didavi vielleicht doch zu halten?

Stuttgart - Herr Dutt, wie halten Sie sich fit für die Belastungen Ihrer Arbeit?
Ich gehe ganz gern joggen. Wenn es die Zeit erlaubt, setze ich mich auch mal aufs Mountainbike.
Ex-VfB-Coach Huub Stevens musste in Hoffenheim wegen Herzproblemen zurücktreten.
Das ist sehr bitter. Ich habe ihm per SMS gute Besserung gewünscht.
Ihr Puls dürfte sich nach den Erfolgen der jüngsten Zeit ein wenig beruhigt haben.
(Lacht) Ja, natürlich. Es geht uns hier allen im Moment wieder etwas besser. Aber ganz klar ist: Der größte Druck lastet immer auf dem Trainer. Er steht Woche für Woche im Fokus. Der psychische Druck ist schon brutal.
Welche Lehren ziehen Sie aus der Pokalniederlage gegen Borussia Dortmund?
Wir sind noch keine Spitzenmannschaft. Da fehlen schon noch viele Schritte. Dortmund ist uns ein paar Jahre voraus. Andererseits sind wir aber nicht so weit weg, dass 16 Tabellenplätze dazwischen liegen müssten – so wie es in dieser Saison schon gewesen ist. Wenn wir weiter nach vorn aufschließen wollen, müssen wir unsere Leistung noch konstanter zeigen – über die 90 Minuten im Spiel und über möglichst viele Spieltage hinweg.
An diesem Samstag steht der nächste Härtetest bevor: Hertha BSC.
Respekt vor der Leistung in dieser Saison. Aber wir wollen den Weg von Hertha BSC nicht gehen. Sie mussten zweimal in die zweite Liga, um dort hinzukommen, wo sie jetzt stehen. Hertha hat sich vor der Saison prima verstärkt. Vladimir Darida ist für mich der Königstransfer.
Und Vedad Ibisevic?
Er spielt in Berlin wieder so, wie man ihn aus seinen besten Zeiten beim VfB kennt.
Dann war es ein Fehler, ihn ziehen zu lassen?
Nein. Als ich zum VfB kam, war er außen vor. Es gab zu dieser Zeit auch keinen Club, der Interesse an ihm hatte. Und die beiden Trainer, die ich bis dato hier erlebt hatte, sahen für ihn keine Perspektive. Wir mussten im beiderseitigen Interesse eine Lösung finden.
Und jetzt schießt er womöglich Hertha zum Sieg beim VfB.
Das werden wir mit allen Mittel verhindern. So ist es eben in diesem Geschäft. Bei uns gibt es auch Spieler, für die es bei ihrem ehemaligen Arbeitgeber keine Perspektive mehr gab und die ihm jetzt wehtun könnten. Lukas Rupp saß im entscheidenden Spiel um den Klassenverbleib gegen uns beim SC Paderborn nur auf der Bank. Der FC Basel hatte Serey Dié aussortiert, Atlético Madrid hatte für Emiliano Insua keine Verwendung mehr. Wir profitieren ja auch von solchen Situationen.
Wie weit reicht Ihre Zuversicht vor dem Duell gegen den Tabellendritten?
Die Hertha ist ohne Zweifel ein starker Gegner. Aber wir haben uns viel Respekt erarbeitet. Und wir spielen zu Hause. Wir werden unsere Chancen haben.
Jürgen Kramny wird derzeit mit Lob überschüttet? Was prägt ihn und seine Arbeit?
Die Teamarbeit. Er stellt sich selbst nicht so sehr in den Vordergrund, das hebt die Wertschätzung für die Arbeit der anderen. Er arbeitet und analysiert sehr detailliert und bringt die Ergebnisse ohne große rhetorische Schnörkel auf den Punkt. Und obwohl er in der Bundesliga ein Neuling ist, tritt er sehr souverän auf.
Wie groß ist der Einfluss von Co-Trainer Kai Oswald?
Kai Oswald, Matthias Schiffers, Chima Onyeike, Marco Langner und Jürgen Kramny funktionieren als Team richtig gut. Kai hat eine emotionale Art, die bei den Spielern sehr gut ankommt. Zusammen strahlen sie eine gelungene Mischung von Professionalität und Lockerheit auf die Mannschaft aus. Ich habe manchmal den Eindruck, die haben sich gesucht und gefunden.
Wie stabil ist das mentale Gerüst der Mannschaft inzwischen?
Das kann ich beantworten, wenn es mal zwei Niederlagen am Stück setzen sollte. Ich hoffe allerdings sehr, dass wir das so schnell nicht erleben werden. Ich denke schon, dass sich die Arbeit unseres Sportpsychologen Philipp Laux beim einen oder anderen Spieler positiv auswirkt. Es wäre aber vermessen, jetzt davon auszugehen, das alles gut und immer stabil sein wird.
Nicht nur die Mannschaft hat stürmische Zeiten hinter sich, auch die Chefetage. Wie hoch ist der Wellengang?
Darauf haben wir in der Geschäftsleitung ja nur geringen Einfluss. Das hängt sehr vom sportlichen Abschneiden ab. Ich kann aber sagen, dass auf der Vorstandsebene auch in schwierigen Phasen kein Blatt zwischen die handelnden Personen passt.
War der sportliche Berater Karl Allgöwer schon mit am Ball?
Ja, dieser Tage nahm er an zwei Sitzungen teil. Einmal bei einem Treffen mit all unseren Trainern, einmal bei einer Analyse unserer Mannschaft.
Und?
Ich habe ein gutes Gefühl, dass er dabei ist. Karl sieht die Spieler ja auch. Er hat seine Meinungen dazu beigetragen. Und genauso haben wir uns das vorgestellt.
Aktuell arbeiten Sie am Kader der nächsten Saison. Das Geld ist knapp, haben Sie Ihren Banküberfall gut vorbereitet?
Viel Spielraum haben wir in der Tat nicht. Aber wir haben ja schon etwas vorgesorgt. Wir haben in Kevin Großkreutz, Artem Kravets und Federico Barba ja schon Spieler im Vorgriff auf die nächste Saison geholt. Lukas Rupp hat sich prima entwickelt, mit Alexandru Maxim haben wir verlängert. Wenn jetzt noch weitere Spieler dazukommen, die ihre auslaufenden Verträge mit uns verlängern, dann ist das unser Kader. Mehr geht nicht.
Martin Harnik scheint noch unentschlossen zu sein, bei Daniel Ginczek hängt es vom Verlauf der restlichen Saison ab. Filip Kostic und Daniel Didavi sind wohl nicht zu halten.
Wenn jemand geht, muss er ersetzt werden. Aber gerade der Fall Kostic zeigt: Wenn wir neue Spieler dazu holen, muss man ihnen eine gewisse Eingewöhnungszeit zugestehen. Er hat acht Monate gebraucht, ehe er eine Stütze der Mannschaft wurde, bei Lukas Rupp ging es ein bisschen schneller. Aber auch er brauchte seine Zeit.
Ist Timo Werner eine Alternative auf der linken Außenbahn?
Er hat ein riesiges Potenzial, er kann innen und außen spielen.
Gibt es den Hauch einer Chance, mit Didavi doch noch zu verlängern?
Wir sind in einem guten Austausch. Ich kenne jeden Gedankengang von ihm. Aber wir haben das nicht in der Hand. Wichtig ist: Er haut sich voll für den VfB rein.
Wann entscheidet AS Rom, ob man die Kaufoption für Antonio Rüdiger zieht?
Es gibt da einen Stichtag Anfang Juni.
Und wenn er zurückkommt?
Dann haben wir vier Millionen Euro Leihgebühr bekommen und einen guten Innenverteidiger, der noch zwei Jahre an uns gebunden ist . . .
. . . und sich einen Verein in England sucht.
In diesem Fall bekommen wir die Ablöse.
Welche Typologie soll die Mannschaft der Zukunft denn haben?
Wir sind schon nah an dem, was wir uns vorstellen. Wenn wir uns noch eine Persönlichkeit reindenken, ganz unabhängig von der Position, haben wir eine Achse geschaffen, die ganz gut aussieht. In allen Mannschaftsteilen haben wir Spieler, die für eine sehr gute Mentalität stehen. Diese Mentalität überträgt sich emotional auch auf die anderen Spieler und deren Aktivität auf dem Platz.
Wo braucht der Kader noch Verstärkung?
Wir halten die Augen in allen Mannschaftsteilen offen. Man weiß nie, was noch passiert.
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VfB Stuttgart Ein Schritt vor und zwei zurück

Von 24. Mai 2016 - 17:30 Uhr

Der VfB Stuttgart dreht sich im Kreis: Er braucht eine neue Mannschaft, einen neuen Sportchef, einen neuen Präsidenten und wenn möglich auch noch eine neue Philosophie. Es gibt einfachere Unterfangen für einen Absteiger.