VfB Stuttgart Wer ist dieser Jürgen Kramny?

Von Gregor Preiss 

Auch wenn er als VfB-Urgestein gilt, mit den Roten 1992 Meister wurde und seit langem die zweite Mannschaft trainiert, fragen sich weite Teile des weiß-roten Anhangs: Wer ist dieser Jürgen Kramny?

Stuttgart - Jürgen Kramny trägt sein Herz auf der Zunge. Daran hat auch seine Beförderung zum Interimstrainer der Bundesligamannschaft des VfB Stuttgart nichts geändert. Nach dem Training plaudert er drauflos, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Da fallen dann auch ein paar Worte, die man in der Entourage der Profiabteilung nicht mehr so gerne hört, seit sich Vorgänger Alexander Zorniger mit diversen Kraftausdrücken in die Nesseln gesetzt hat. Ein dezenter Hinweis, und der 44-Jährige hat begriffen.

Verbiegen muss sich der Ludwigsburger deshalb noch lange nicht. „Jürgen ist für mich der Inbegriff eines aufrichtigen und geradlinigen Typen“, sagt Daniel Vier. Der Abwehrspieler der zweiten Mannschaft hat lange unter Kramny trainiert und kennt ihn daher gut – als Trainer und als Mensch. Der Deutsch-Brasilianer erinnert sich noch gut, wie er einst in den Heimaturlaub geschickt wurde, um eine Rückenverletzung auszukurieren. Wo andere einen speziellen Reha-Plan erstellt hätten, befahl Kramny nur: Ab zur Familie nach Brasilien! Vier kehrte putzmunter zurück. „Er entscheidet viel aus dem Bauch heraus, er lebt auch von seinen Gefühlen“, sagt Vier über Kramny. Der Generation Laptop-Trainer gehört der 44-Jährige nicht an, auch wenn er altersmäßig in die Riege derer passt, die dem Fußball gern eine wissenschaftliche Note verleihen.

Das hat mit Kramnys fußballerischem Werdegang, mehr noch, mit seiner Herkunft zu tun. In Bad Cannstatt geboren und im Ludwigsburger Westen aufgewachsen, verbringt der junge Kramny viel Zeit seiner Jugend auf Bolzplätzen. Sein Vater schafft bei Thyssen-Krupp, dem Sohn gelingt mit 19 Jahren der Sprung in den Profikader des VfB. Sein früherer Mitspieler Maurizio Gaudino erinnert sich: „Damals mussten sich die Jungen schön hinten anstellen. So habe ich ihn auch wahrgenommen – als anständigen Jungen und akribischen Arbeiter.“

Glückwunsch-SMS von Jürgen Klopp

Kramny ist der Gegenentwurf zum leichtlebigen Mauri, auf dem Platz und außerhalb. Mit mäßigem Talent ausgestattet, wurstelt sich Kramny durch, als es nach der Meisterschaft 1992 für ihn auf dem Wasen nicht weitergeht. Nürnberg, Saarbrücken, Mainz, Darmstadt – zwischendurch kickt der Defensivspezialist in der Regionalliga, ehe er zum Ende seiner Karriere in Mainz noch mal aufblüht.

Jürgen Klopp befördert ihn zum U-19-Coach, nachdem sein Spielervertrag nicht verlängert worden ist. Es ist der Beginn von Kramnys Trainerlaufbahn, wofür der zweifache Familienvater seinem Kumpel bis heute dankbar ist. Vor seinem Profidebüt in Dortmund schickte Kloppo Kramny eine SMS und wünschte viel Glück.

Die alte Mainzer Bande besteht auch zu BVB-Trainer Thomas Tuchel. Nach dem 4:1 am Sonntag lobte Tuchel die Arbeit Kramnys in Mainz und beim VfB II und gab ihm folgende Wünsche auf den Weg: „Ab jetzt kann er es gerne packen!“

Ob ihm dies gelingt, hängt freilich von vielen Faktoren ab. Am Sonntag (15.30 Uhr/Sky) ist Werder Bremen zu Gast. Es wird die große Bewährungschance für den Interimstrainer. Überzeugt sein Team, erhöht dies die Chance auf Weiterbeschäftigung – und mindert den Druck bei der Trainersuche.

Thomas Schaaf ist kein Thema

Der ist nach Ansicht von Bernd Wahler schon jetzt hoch. „Wir wissen, dass wir einen Treffer landen müssen“, sagt der Präsident. Der Volltreffer hieße Lucien Favre, doch der Schweizer hat das Flehen der VfB-Clubbosse noch immer nicht erhört. Am Mittwoch geisterte der Name Thomas Schaaf durch ­diverse Internetforen. Angeblich hat sich die Führungsmannschaft der Roten auf das Werder-Urgestein intern bereits festgelegt. Nach Informationen unserer Zeitung ist an den Gerüchten aber nichts dran. Es überwiegen die Zweifel, ob Schaaf mit seiner norddeutsch-herben Mentalität nach Stuttgart passen würde.

So ist man im roten Haus fürs Erste froh über Kramny. „Nach der Trennung von Alex Zorniger benötigten wir eine Lösung, die schnell zur Verfügung stand“, begründet Sportvorstand Robin Dutt die Beförderung. Dabei hätte vor einem Jahr nicht viel gefehlt, und Kramny hätte sich vom Hof gemacht. Bei der Vertragsverlängerung gab es Bedenken, ehe sich der damalige Sportdirektor ­Jochen Schneider für ihn starkmachte.

„Ich denke, es war im Wesentlichen sein Verdienst, dass er die zweite Mannschaft stets in der dritten Liga gehalten hat“, urteilt der frühere VfB-Jugendleiter Frieder Schrof, der Kramny seit der C-Jugend kennt. Neben Attributen wie fleißig, zuverlässig und akribisch fällt dem heutigen Leipziger zu Kramny folgender Satz ein: „Viele in der Branche schwätzen erst und denken dann. Andere schwätzen nur. Jürgen formuliert stets überlegt.“ Auch wenn das – siehe oben – nicht immer zutrifft. Kramny muss sich an die verbalen Gepflogenheiten der Bundesliga eben erst noch gewöhnen.

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