Stuttgart - Das Feuerwerk kam ebenso heftig wie unerwartet. Beim DFB-Pokalspiel gegen den Hamburger SV brannte Ende Dezember plötzlich die Cannstatter Kurve. Hinter der Bande hatten Anhänger der Roten Bengalos angezündet. Erst fünf, dann zehn, dann 30 – am Ende zischte und brannte und rauchte es breitflächig. „Wir sehen den Einsatz von Pyrotechnik als Stilmittel, um eine besondere Atmosphäre zu schaffen. Der Drang, Pyros zu zünden, ist latent vorhanden“, behauptet Oliver Schaal, der Sprecher der Ultra-Fangruppierung Commando Cannstatt. Dass der VfB für den Flächenbrand 15 000 Euro Strafe zahlen muss, nahmen die Zündler billigend in Kauf. „Die Faszination ist so groß, dass man Pyros nicht dauerhaft verbannen kann“, sagt Schaal.
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) sehen das komplett anders. Nach Gesprächen über eine mögliche Lockerung des Pyro-Verbots vertritt der Verband nach Prüfung juristischer Fragen nun eine strikte Null-Toleranz-Politik. Das Versammlungsstättenrecht, das Sprengstoffrecht und europarechtliche Vorschriften ließen nichts anderes zu. „Es gibt da eine Geisterdebatte, dass DFB und DFL die Pyros legalisieren könnten. Schon die Gesetzeslage verbietet das“, bekräftigt DFL-Chef Reinhard Rauball. Der DFB-Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert stellt klar: „Höchster Sicherheitsanspruch und der Einsatz von Pyrotechnik im Stadion sind nicht vereinbar. Da gibt es keinen Spielraum.“
Fans erbost über Kehrtwende des DFB
Die Pyro-Befürworter fühlen sich vom DFB getäuscht. Noch Mitte 2011 hatte der damalige DFB-Sicherheitschef Helmut Spahn eine begrenzte Freigabe der Pyrotechnik in Aussicht gestellt. Vor Spielbeginn, vor dem Anpfiff zur zweiten Halbzeit oder nach dem Spiel sollte ein Abbrand in eigens ausgewiesenen Pyrozonen ermöglicht werden. Die Fans jubelten – umso erboster reagieren sie auf die Kehrtwende. „Der Zeitpunkt, die Gespräche fortzuführen und zu einem vernünftigen Konsens zu kommen, wurde verpasst“, sagt Matthias Huber, der beim VfB für Organisation, Verwaltung und Sicherheit zuständig ist. Ähnlich äußern sich Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und Manager Christian Heidel vom FSV Mainz 05. Zudem moniert Huber, dass die Vereine nicht in die Gespräche zwischen DFB, DFL und Fans eingebunden waren.
Nach der Aufkündigung des Dialogs lodert der Streit nun mal mehr, mal weniger heftig weiter. Dass die mehr als 1000 Grad heißen Mini-Fackeln, die kaum größer als ein Kugelschreiber sind, zur Gefahr für andere Fans werden können, liegt auf der Hand. Eine lückenlose Eingangskontrolle hält Matthias Huber für illusorisch: „Um Kontrollen wie am Flughafen durchzuführen, müssten wir am Freitag anfangen, damit bis zum Anpfiff am Samstag alle im Stadion sind.“ Ohnehin ist eine einheitliche Lockerung des Verbots nicht möglich, weil jedes Bundesland eigene polizeiliche Bestimmungen hat.
VfB hat Verständnis für Fans
Dennoch geben die Fan-Gruppierungen nicht auf. Sie wehren sich dagegen, in die Nähe gewaltbereiter Chaoten gerückt zu werden, und finden in begrenztem Maße Verständnis beim VfB. „Die Befürworter sehen Pyrotechnik als Ausdruck ihrer Emotionen und wollen keine Gewalt ausüben oder anderen Besuchern schaden“, sagt der Fanbeauftragte Christian Schmidt. Deshalb stößt der Wunsch des Commando Cannstatt, der VfB möge seine Stimme in den Gremien bei DFB und DFL nutzen, bei den Roten nicht auf taube Ohren. Im Fanausschuss halten VfB-Anhänger und Vereinsvertreter den Dialog aufrecht. Allerdings sagt Matthias Huber klipp und klar: „Wir werden uns weiter mit dem Thema befassen müssen, aber wir müssen uns an die rechtlichen Richtlinien halten. Solange die Pyrotechnik verboten ist, müssen wir Verstöße verfolgen und ahnden.“
Für die Zündler im Spiel gegen den HSV bedeutet das: Sollte die Polizei die Täter ermitteln, wird der VfB Stadionverbote gegen sie verhängen und die 15 000 Euro einklagen.
Der VfB gehört zu den besten zehn Fußball-Vereinen in Europa – was die Zuschauerzahlen betrifft.