VfB Stuttgart Torhüter – das Kapital des VfB

Von Thomas Näher 

Ausbildung trägt reichlich Früchte: Von den Profis bis zur U 15 durchgängig Nationalkeeper.

 

Stuttgart - Sven Ulreich und Bernd Leno, Sven Ulreich oder Bernd Leno? Das Gerangel um den Posten im Tor des VfB Stuttgart ist im Grunde ein Luxusproblem. Und es ist der ultimative Beleg für die These: Mit ihrer Torwart-Schmiede setzen die Roten bundesweit Maßstäbe.

Am Montagabend hatte Eberhard Trautner mal wieder einen angenehmen Pflichttermin: Da traf sich der Koordinator für alle Jugendtorhüter des VfB mal wieder mit deren jeweiligen Trainern. Der Stammtisch findet monatlich statt, besprochen werden dabei Trainingsformen, -inhalte und -perspektiven der Nachwuchskeeper. Gewöhnlich ist auch Andreas Menger als Chef des gesamten Torwarttrainerteams bei diesem Erfahrungsaustausch dabei.

Dann geht es um alle Torhüter, von Sven Ulreich bei den Profis bis hinunter zum U-15-Bereich: In allen Mannschaften stellen die Roten inzwischen mindestens einen Nationalkeeper, in manchen Teams streiten sich sogar zwei Auswahltorhüterum die Position als Nummer eins. Siehe der ehemalige U-21-Nationalkeeper Sven Ulreich (23) und sein Fernduell mit dem aktuellen U-21-Nationalkeeper Bernd Leno (19), der bis zum Jahresende an Bayer Leverkusen ausgeliehen ist und nach derzeitigem Stand dann auf den Cannstatter Wasen zurückkehrt. „Dann kommt es zu einem direkten Konkurrenzkampf. Der Bessere wird dann spielen“, sagt VfB-Sportdirektor Fredi Bobic. Die Rivalität bei den Profis ist beispielhaft für die gesamte Torhütergilde bei den Roten. Hinter Sven Ulreich hält sich bei den Profis Marc Ziegler (35) als Nummer zwei bereit, von unten drängen Odisseas Vlachodimos (17/U 19) und Jonas Wieszt (19/Nummer zwei beim VfB II) nach. Alle vier wurden in der VfB-Jugend ausgebildet, alle trainieren mehr oder weniger regelmäßig bei den Profis mit. Dazu kam im Sommer André Weis (22/vom TuS Koblenz), der Stammkeeper beim VfB II ist.

Am Dienstagmorgen hatte Eberhard Trautner dann schon den nächsten Termin in Ruit: In der Sportschule beobachtete er die VfB-Talente im Training, demnächst ist er an der Sportschule Kaiserau. „Da kann ich auch gleich die Konkurrenz aus den anderen Vereinen begutachten“, sagt Trautner, der sich auch um die Themenbereiche Schulkooperationen, Talentsichtung und -förderung und Sondertraining kümmert. Dazu hält er Kontakt zu den Trainern der Jugend- und Junioren-Nationalmannschaften, und ganz nebenbei steht der langjährige Profi-Torhüter des VfB täglich auf dem Platz und gibt den jungen Talenten Tipps und Ratschläge: „Ich weiß, worauf es später oben bei den Profis ankommt. Davon profitieren unsere Talente schon in jungen Jahren.“ Ganz wichtig ist ihm aber der ständige Austausch mit den eigenen Trainern: „Nur so kommt jeder in seinem Bereich noch besser voran.“

Anders als mancher Konkurrent setzt der VfB seit rund zwei Jahren bei allen seinen Mannschaften, von den Profis bis zur U 14, auf eigene Torwarttrainer – bevorzugt solche, die selbst einmal zwischen den Pfosten gestanden sind. Dass die Roten so breit aufgestellt sind, hat mehrere Vorteile. „Dem VfB entgeht kein Torwarttalent. Da ist der Verein vorbildlich, und zwar deutschlandweit“, sagt Menger. Zudem sind die Keeper von heute dadurch schon viel früher umfassend ausgebildet, durch Einsätze in der Junioren- Bundesliga und den Nachwuchs-Nationalmannschaften sind sie eher gestählt als ihre Vorgänger. Kein Vergleich zu früher. „Da hatte von den Bundesligavereinen gerade mal die erste Mannschaft einen eigenen Torwarttrainer“, sagt Menger (39), früher selbst Profi beim 1. FC Köln, wo er als Nachfolger von Bodo Illgner 41 seiner 45 Bundesligaspiele bestritt. Beim VfB hat die intensive Torwartschulung allerdings Tradition. „In der Jugend hatte ich schon Günter Sawitzki als Torwarttrainer“, erinnert sich Ebbo Trautner.

Mit Sawitzki startete der VfB 1963 in die neu gegründete Bundesliga, insgesamt bestritt er 146 Bundesligaspiele für die Roten. 1993 bereicherte der damalige Jugendkoordinator Ralf Rangnick das Training der Nachwuchsteams, indem er immer wieder den Profi-Torhüter Trautner dazubat. Auch das Schul-Kooperationstraining begann umdie Jahrtausendwende. „Seit damals hat sich der VfB einen Riesenvorsprung erarbeitet, den man jetzt ausnutzt“, sagt Trautner. Das gilt fürs tägliche Training, das in allen Bereichen ständig verfeinert und „alters- und körpergerecht angepasst“ wurde.

„Der Grundstein wird im Bereich der U 9 und U 10 gelegt. In den jüngeren Jahrgängen legen wir den Schwerpunkt auf die Technik, später wird das mit Dynamik ausgeschmückt“, sagt Trautner. Früher genügte es für einen guten Keeper, wenn er seinen Strafraum beherrschte. „Heute wird der Fußball immer schneller, die Spielsituationen werden immer unübersichtlicher. Deshalb arbeiten wir viel in den Bereichen Torwarttechnik, Distanzgefühl und Stellungsspiel“, ergänzt Menger. Sämtliche Spiele seiner Torleute bis hinunter zur U 15 zeichnet der VfB auf. Die Keeper bekommen die Videos zur Eigenanalyse mit nach Hause, später besprechen die Trainer die Schlüsselszenen mit ihnen. „Früher gab es nicht mal Webcams. Wennes daumdie deutscheMeisterschaft ging, hast du dich schon gefreut, wenn irgendwo fünf Minuten von dem Spiel zu sehen waren“, erinnert sich Trautner. Die finanziellen Investitionen des VfB sind speziell im Torhüterbereich über die Jahre mächtig gestiegen. Dafür ist die Rendite ungleich höher als bei vielen anderen Clubs. So rechnet sich die Sache, wenn alle zwei Jahre ein Torwarttalent zu den Profis stößt. „Bayern München zahlt für einen Manuel Neuer bis zu 25 Millionen Euro“, sagt Trautner, „davon kann unser Torwarttrainerstab lange abbeißen.“

Der VfB macht es lieber umgekehrt: Er bildet seine Schlussleute aus, profitiert selbst von ihrer Qualität oder kassiert bei einem Wechsel eine dicke Ablöse. Siehe Bernd Leno. Leverkusen bietet gut fünf Millionen, der VfB fordert bis zu zehn Millionen Euro. Wahrscheinlich treffen sich beide Vereine irgendwo dazwischen. Nicht schlecht für einen Mann, der aus der dritten Liga kommt.

 

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