VfB Stuttgart Kevin Großkreutz – der Mann mit zwei Gesichtern

Von Thomas Näher 

Kevin Großkreutz freut sich auf seine neue Aufgabe beim VfB Foto: Baumann
Kevin Großkreutz freut sich auf seine neue Aufgabe beim VfBFoto: Baumann

Sportvorstand Robin Dutt gratuliert dem VfB Stuttgart (und sich selbst) zu „einem besonderen Spieler“. Tatsächlich ist Kevin Großkreutz anders – vor allem anders als das Klischee über ihn.

Belek - Es ist alles angerichtet. Vier Fernsehteams haben ihre Kameras in Stellung gebracht, was bei VfB-Neuzugängen der jüngeren Vergangenheit längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist, zehn Print-Journalisten haben Block und Kuli gezückt – und als Kevin Großkreutz (27) dann in das Sofa im Hotel „Titanic“ in Belek sinkt, sitzt da ein junger Mann, der den Eindruck macht, als könne er kein Wässerchen trüben.

Großkreutz zupft sich nervös am Ärmel, ab und zu huscht ein scheues Lächeln über sein Gesicht, seine Antworten auf die drängenden Fragen sind vergleichbar mit der Liste der VfB-Erfolge in den letzten Jahren: kurz und bündig. Das also soll Kevin Großkreutz sein?

Dieser Großkreutz, der auf dem Platz für die großen Emotionen steht? Der immer mal wieder durch Eskapaden wie die Pinkel-Affäre (in einer Berliner Hotellobby) oder die Dönerwurf-Affäre (vor einem Kölner Imbiss) auffällt? Oder durch Äußerungen wie jene, die der Ur-Dortmunder vor Jahren über den BVB-Erzrivalen Schalke 04 machte: „Ich hasse Schalke. Wenn mein Sohn Schalke-Fan wird, kommt er ins Heim“?

Das, bitte schön, kann doch nicht ein und derselbe Kevin Großkreutz sein!

Er ist es aber doch. Er ist – der Mann mit den zwei Gesichtern.

Auf jeden Fall: „Ein besonderer Spieler.“

Vertrag bis 2018

So nennt Robin Dutt den Mittelfeldmann und mag dessen Unterschrift unter den bis 2018 befristeten Vertrag noch immer selbst kaum glauben. Schließlich sei dessen Erfolgsliste als Weltmeister, DFB-Pokalsieger, zweimaliger deutscher Meister und Champions-League-Finalist einzigartig. „Und das ist nicht zehn Jahre her, sondern alles in der jüngeren Vergangenheit passiert“, sagt Dutt. In der noch viel mehr passiert ist.

Nach einem Muskelbündelriss und einer Knieoperation fand er beim BVB nicht mehr den Anschluss, wechselte vergangenen Sommer zu Galatasaray Istanbul und war dort der Dumme, bevor er das erste Mal gegen den Ball getreten hatte: Der Club hatte einige Dokumente ohne Unterschrift und mit Verspätung an den Weltverband Fifa geschickt, der ihn deshalb bis zum Jahresende sperrte. „Das war bitter“, sagt Großkreutz, „Galatasaray ist immer sehr fair mit mir umgegangen. Ich hatte mir die Zeit dort einfacher vorgestellt, aber das halbe Jahr hat mich reifer gemacht.“

Dennoch schmerzen ihn die Reaktionen vieler Gala-Fans, die in ihm einen Absahner wähnen, der die Ehre des Clubs in den Schmutz gezogen hat – nur so sind deren Beleidigungen der übelsten Art in den sozialen Netzwerken seit seinem Wechsel zum VfB zu erklären. Die türkischen Medien dagegen reißen sich um ihn: Sie schicken jede Menge Interviewanfragen nach Stuttgart, reagieren dann aber ebenfalls gereizt bis aggressiv, weil der VfB bisher alle ablehnt.

Ihn reizt der Kampf gegen den Abstieg

Dabei will Kevin Großkreutz nur eines – spielen. Nun also beim VfB, der mitten im Kampf gegen den Abstieg steckt. „Das“, sagt er, „hat mich bei meinem Wechsel gereizt. Ich bin optimistisch, dass wir das packen werden.“ Was im Sinne seines Weltmeisterkollegen Bastian Schweinsteiger wäre: „Er hat mir per SMS alles Gute gewünscht.“

Das ist Labsal für ihn, im Grunde sind es auch die freundlichen Grenzpolizisten am Stuttgarter Flughafen, die ihn vor dem Abflug nach Belek zum gemeinsamen Foto baten. Wobei – ein wenig unwohl sei ihm dabei schon gewesen: „Auch wenn ich Weltmeister bin: Ich fühle mich überhaupt nicht als Star, sondern als Kevin Großkreutz. Ich bin, wie ich bin – ein ganz normaler Mensch.“

Aber halt auch einer, der polarisiert.

Dortmunds Fans lieben ihn für seine Identifikation mit dem BVB, für seine Leidenschaft und Emotionalität auf dem Platz, ­deshalb feiern sie in den Netzwerken seine Rückkehr in die Bundesliga. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass er sich in den Trainingseinheiten des VfB mit Serey Dié auf Anhieb versteht – auch so ein Kampf-Tier. „Die Mentalität war wichtig“, sagt Robin Dutt, „als wir gehört haben, dass Kevin zu haben ist, haben wir alles darangesetzt.“ Und 2,2 Millionen Euro investiert, wie Galatasaray kundgetan hat. Mit dem VfB trifft er am 9. Februar im DFB-Pokal auf den BVB. „Das“, sagt er, „wird ein geiles Spiel. Als VfB-Gegner war es immer schwer, in Stuttgart zu spielen. Das war immer Kampf pur mit super Fans und einer tollen Stimmung.“

Bis dahin will er hart arbeiten: „Ich muss meinen Spielrhythmus finden.“ Beim 2:1 gegen Antalyaspor fiel er kaum auf, „aber er wird schnell seine maximale Leistungs­fähigkeit erlangen“, wie Dutt hofft. Damit er mit dem VfB das Schlimmste verhindern kann, den Abstieg. „Mein Vertrag gilt auch für die zweite Liga“, sagt Großkreutz auf Nachfrage – und geht selbstredend davon aus, dass es so weit nie kommen wird.

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