VfB Stuttgart II droht Abstieg Bricht der Unterbau weg?

Von Thomas Näher 

Verzweiflung bei Matthias Zimmerman: VfB II in Not Foto: Baumann
Verzweiflung bei Matthias Zimmerman: VfB II in NotFoto: Baumann

Dem einen fehlt es an der Einstellung, der andere hinkt in seiner Entwicklung hinterher. So oder so: Der VfB Stuttgart II muss rasch die Kurve kriegen, um den Sturz aus der dritten Liga abzuwenden.

Stuttgart - Unterschiedlicher könnte die Situation vor dem direkten Duell kaum sein. Der Hallesche FC reist mit dickem Selbstbewusstsein an – ein Punkt gegen Spitzenreiter Dynamo Dresden und Siege in Münster (1:0) und gegen Großaspach (4:1) hat die Mannschaft von Trainer Stefan Böger auf Platz sieben der dritten Liga katapultiert. Anders der VfB II: Seit Jahresbeginn gab es in fünf Partien vier Niederlagen und ein Unentschieden. Macht 22 Punkte aus 26 Spielen und Tabellenplatz 20 – Letzter mit bereits fünf Punkten Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz. „Uns hilft nur ein Sieg“, sagt VfB-Nachwuchschef Rainer Adrion (62) vor dem Heimspiel gegen Halle an diesem Freitag (19 Uhr/Gazistadion).

Vergangene Saison kämpften die Profis ums sportliche Überleben. Jetzt läuft es in der Bundesliga ganz flott, dafür steht die zweite Mannschaft mit dem Rücken zur Wand. „Wir erleben jedes Jahr eine Gratwanderung“, sagt Adrion, „aber bisher ist es uns in der Rückrunde jeweils gelungen, den Abstieg abzuwenden und parallel unsere Talente auszubilden.“ Diesmal geht es nur um den Klassenverbleib – für den auch Robin Dutt die Daumen drückt. „Wir machen uns Sorgen“, sagt der Sportvorstand, „wir hoffen, dass es die Mannschaft schafft. Aber dafür braucht es mal zwei, drei Siege in Folge.“

Die Gründe für die anhaltende Talfahrt sind vielfältig. Von Saisonbeginn an lief der VfB II der Musik hinterher, nach der Beförderung von Jürgen Kramny zum Chefcoach der Profis rückte sein Assistent Walter Thomae (49) bei der Zweiten auf, die Vorbereitung im Winter fruchtete bisher nicht, und der vermeintliche Retter Cacau hat auch noch nicht eingeschlagen. Bisher – denn Adrion hofft: „Mit seiner Persönlichkeit kann er der Mannschaft helfen. Er kann noch seine Wirkung erzielen.“

Die dritte Liga ist das ideale Sprungbrett für eine Bundesligakarriere

Die ganze Saison sei für den VfB II – siehe oben – schon unruhig verlaufen, zudem schnupperten etliche Talente bei den Profis rein, die dann beim VfB II fehlten: „Die Kontinuität im Aufbau hat ein bisschen gefehlt.“ Das soll sich nun ändern. Denn ein Abstieg hätte fatale Folgen für den VfB, für den die zweite Mannschaft nahezu ein Alleinstellungsmerkmal darstellt: Bis auf den FSV Mainz 05 und Werder Bremen stellt kein anderer Bundesliga-Verein ein Team in der dritten Liga, die dem VfB als Ausbildungswerkstatt für seine aufstrebenden Nachwuchskräfte dient. Bei einem Absturz in die viertklassige Regionalliga wäre für sie der Weg nach oben ungleich weiter und anstrengender, was sich auch negativ auf den Profikader auswirken würde. Für das eine oder andere Talent würde der VfB unweigerlich an Attraktivität verlieren – bevor er befürchten muss, er werde den Sprung nicht schaffen, könnte ein Umweg über die zweite Liga für ihn verlockender sein. Zudem müsste der VfB sein Nachwuchskonzept überdenken. „Es gibt auch in der Regionalliga gute Konzepte, um Spieler auszubilden“, sagt Robin Dutt. „Doch ideal ist dafür die dritte Liga“, weiß Rainer Adrion. Zumal die Rückkehr aus der Regionalliga kein Kinderspiel ist: Der FC Bayern München versucht sich daran schon seit dem Abstieg 2011 vergebens.

Also heißt es: Alle Kräfte bündeln – wobei der flammende Appell, den Trainer Thomae zuletzt an die Mannschaft richtete, nichts Gutes verheißt: „Ich kann nicht verstehen, wenn man nicht alle Möglichkeiten abruft, die einem zur Verfügung stehen.“ Im einen oder anderen Fall mangelt es an der nötigen Einstellung, weshalb auch Rainer Adrion fordert: „Wenn einem das Herzblut fehlt, ist er bei uns fehl am Platz. Jeder hat die Pflicht, sich reinzuhauen.“ Die Annahme, die aktuellen ­Talente seien besser, als es dem Tabellenplatz entspricht, ist in einzelnen Fällen ein Trugschluss. „Mancher ist in ­seiner Entwicklung noch nicht so weit, wie wir gedacht und gehofft hatten.“ Wieder andere hemmt der Druck im Kampf gegen den Abstieg. „Doch den müssen sie aushalten, wenn sie eines Tages Profis sein wollen“, findet Adrion.

Was also tun? Seit gut zwei Wochen sind Mart Ristl, Arianit Ferati, Stephen Sama und Marvin Wanitzek (22) wieder konstant zum Training und zu den Spielen des VfB II abkommandiert. Gegen Halle soll Linksverteidiger Philip Heise aushelfen, der bei den Profis hinter Emiliano Insua nicht zum Zuge kommt. Wobei sich da die Altersfrage stellt. Heise ist 24, bei Spielen der dritten Liga dürfen aber höchstens drei Akteure über 23 Jahren im Kader stehen – in Kapitän Tobias Rathgeb (33), Daniel Vier (33), Marco Grüttner (30) und Cacau (34) hat der VfB bereits deren vier. So ist alles eine Frage der Abwägung – für das eine und einzige Ziel: oben bleiben. „Noch sind wir nicht abgestiegen“, sagt Robin Dutt. Und dabei soll es bleiben.

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