VfB Stuttgart Harnik im Interview: „Greife wieder an“

Von Dirk Preiß 

Will wieder regelmäßig auf Torejagd gehen: VfB-Angreifer Martin Harnik (2. v. li.) Foto: dpa
Will wieder regelmäßig auf Torejagd gehen: VfB-Angreifer Martin Harnik (2. v. li.)Foto: dpa

Der stete Kampf gegen den Abstieg hat ihm zugesetzt, umso mehr genießt Martin Harnik die aktuelle Lage beim VfB Stuttgart. Die Jokerrolle akzeptiert er – noch. Denn er sagt vor dem Spiel an diesem Sonntag (17.30 Uhr) auf Schalke im Interview auch: „Ich will und werde wieder angreifen.“

StuttgartMartin Harnik, in der Bundesliga läuft es beim VfB Stuttgart wieder rund, ganz Österreich fiebert derweil der EM entgegen – wo ist die Euphorie derzeit größer?
In Österreich, denn die Fußballfans dort haben schon viel länger darauf gewartet, dass sich die Nationalmannschaft für eine EM qualifiziert als die Anhänger des VfB auf eine erfolgreiche Phase. Aber klar: Derzeit macht es in beiden Trikots Spaß, Fußball zu spielen.
Und die Gruppenauslosung war nicht gerade ein Dämpfer. Sie treffen in der Vorrunde auf Ungarn, Island und Portugal – hüten sich aber vermutlich davor, von einem Glückslos zu sprechen.
Auf jeden Fall. Wir haben zwar eine super Qualifikation gespielt und danach auch im Test gegen Brasilien lange mitgehalten. Dennoch sehen wir uns als Underdog.
Sie waren lange verletzt, müssen sich beim VfB noch hinten anstellen – bereitet Ihnen das bereits Sorgen mit Blick auf die Endrunde in Frankreich?
Überhaupt nicht, denn wenn man von einem guten Zeitpunkt für eine Verletzung sprechen kann, dann in meinem Fall. Ich habe gar nicht so viele Spiele verpasst und hatte die ganze Winterpause Zeit, um an mir zu arbeiten. Zudem konnte ich mich in dieser Zeit auch noch einmal so richtig von der vergangenen Saison erholen. Die war mit dem Kampf gegen den Abstieg, der Rettung am letzten Spieltag und der EM-Quali körperlich und mental extrem schwierig. Mein Körper konnte diese Zwangspause also ganz gut brauchen, ich konnte vor allem den Kopf freibekommen und bin jetzt wieder voller Tatendrang. Unter Zugzwang oder Zeitdruck sehe ich mich daher überhaupt nicht.
Der nun schon jahrelange Kampf gegen den Abstieg  .  .  .
.  .  . belastet irgendwann einfach den Alltag, es dominieren die negativen Äußerungen, das zieht einen runter und begleitet einen jeden Tag – drei Wochen Sommerpause reichen nicht annähernd, um sich davon zu erholen. Vor allem, wenn die neue Saison dann wieder schlecht beginnt.
Entsprechend groß war die Sehnsucht nach Momenten, wie sie der VfB derzeit erlebt, oder?
Im Vergleich zu den vergangenen Jahren haben wir tatsächlich eine recht komfortable Situation, die wir uns hart erarbeitet haben. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass wir das zurzeit nicht auch genießen.
Besteht die Gefahr, dass sich der eine oder andere zu früh zurücklehnt?
Im Gegenteil: Wir haben richtig Zug drin. Natürlich auch durch Spieler wie mich, die hinten dran stehen und darauf brennen, in die Mannschaft zu kommen. Der Konkurrenzkampf ist voll im Gange – und auch jeder Stammspieler weiß: Die Luft ist dünn. Es ist nicht weit vom Stamm- zum Bankplatz.
Das Wort Europa macht schon die Runde – auch innerhalb der Mannschaft?
Ich habe das zwar auch gelesen, aber von der Teilnahme an der Europa League spricht bei uns keiner. Und ganz ehrlich: Ich wäre schon dankbar, wenn wir uns in dieser Saison zunächst einmal frühzeitig den Klassenverbleib sichern würden.
Was ist denn der ausschlaggebende Punkt für die gute Phase derzeit?
Ich war zwar längere Zeit nicht dabei und habe auch das Trainingslager verpasst, aber ich kann sagen: Es herrscht viel Spaß in der Mannschaft – in Kombination mit großem Ehrgeiz.
Und fußballerisch?
Sind wir zurück zu den Basics, haben uns auf unsere Stärken konzentriert und sind dadurch wieder gefährlich geworden. Und die Personalentscheidungen des Trainers haben auch gepasst.
Zum Beispiel, wieder auf Georg Niedermeier zu setzen?
Er gibt uns zusammen mit Daniel Schwaab Stabilität in der Innenverteidigung.
Und die Hierarchie in der Mannschaft ist auch wieder intakt.
Das ist ein Nebeneffekt. Ist doch klar, dass Georg jetzt wieder viel mehr Verantwortung übernimmt als zu dem Zeitpunkt, als er öffentlich kritisiert wurde und sportlich keine Rolle spielte. Aber noch mal: Es läuft in der ganzen Mannschaft wieder rund. Denn selbst diejenigen, die gerade nicht von Anfang an spielen, wissen, dass sie eine faire Chance bekommen.
Wann kommt Ihre Chance, an der Startelf anzuklopfen?
Ich klopfe schon an, bin aber noch in der Rolle des Herausforderers.
Mit der Sie umgehen können?
Ja, erstens kenne ich das aus meiner Anfangszeit in Stuttgart. Zudem weiß ich das Ganze einzuschätzen: Ich war drei Monate verletzt, es läuft, wir fahren die richtigen Ergebnisse ein, da gibt es wenig Grund, etwas zu verändern. Deshalb ist meine Ungeduld auch noch nicht unermesslich. Aber klar ist auch: Ich will und werde wieder angreifen.
Obwohl sich auf Ihrer Position vorne rechts Lukas Rupp toll entwickelt hat.
Er ist womöglich sogar der überragende Spieler der vergangenen Wochen. Er interpretiert die Rolle komplett anders als ich, macht es aber sehr, sehr gut. Wäre das anders, wäre ich sicher ungeduldiger. Andererseits: Ich könnte ja auch auf einigen anderen Offensivpositionen eingesetzt werden.
Ist Jürgen Kramny der Trainer, der den VfB nach vielen Versuchen dauerhaft nach oben führen kann?
Er schafft es derzeit einfach, mit seiner natürlichen und lockeren Art unsere Qualität zu bündeln. Man merkt, dass er uns schon lange kennt und weiß, was wir können und was nicht. Er lässt uns das spielen, was wir können und bringt so unsere PS auf die Straße. Um daraus Schlüsse für die Zukunft zu ziehen, ist es aber noch ein bisschen zu früh. Ich denke sowieso, dass wir gut beraten sind, uns auf die Gegenwart zu konzentrieren und nicht zu viel über die Zukunft nachzudenken – da wurden wir schon zu oft enttäuscht.
Was ist mit Ihrer Zukunft? Ihr Vertrag läuft im Sommer aus.
Ich sehe derzeit keinen Grund, diesbezüglich konkrete Überlegungen anzustellen. Ich war drei Monate lang verletzt, davor habe ich auch selten die Leistung gezeigt, die ich mir gewünscht hätte. Ich möchte jetzt erst einmal wieder meine Visitenkarte neu abgeben. Nicht bei anderen Vereinen, sondern beim VfB. Schlussendlich ist meine Verhandlungsposition derzeit ja auch nicht die, die ich mir wünsche. Also gilt: Weder der Verein noch ich haben eine Grund, eine schnelle Entscheidung zu treffen.
Wollen Sie vor der EM Klarheit über die ­Zukunft oder setzen Sie auf eine starke ­Endrunde, um dann zu schauen, was passiert?
Ich will weder pokern noch einen Schnellschuss wagen. Ich lasse das auf mich zukommen, will erst einmal wieder richtig Fuß fassen und meine Leistung bringen. Wenn dann das passende Paket geschnürt wird, bin ich auch bereit, das zu unterschreiben.
Der VfB könnte Interesse haben, einige Personalien frühzeitig zu klären, da womöglich im Sommer ein größerer Umbruch bevorsteht.
Wenn der Verein das Interesse hat, wird er schon auf mich zukommen. Ich denke, meine Telefonnummer ist hier bekannt. (Lacht)
Der Abschied nach sechs Jahren Stuttgart ist also noch keine beschlossene Sache?
Nein. Ich bin zwar nicht abgeneigt, auch noch was anderes kennenzulernen. Meine Frau und ich wissen aber auch ganz genau, wie wohl wir uns hier fühlen, wir haben auch privat eine tolle Zeit.
Am Sonntag geht’s zum FC Schalke 04. In der vergangenen Saison setzte es dort am 31. Spieltag eine 2:3-Niederlage, der VfB war gefühlt weg vom Fenster  . . .
. . . wie so oft in der vergangenen Saison. Man sieht daran, wie schnell es im Fußball geht. Nun fahren wir mit breiter Brust nach Schalke und wollen dort was holen – entsprechend werden wir auftreten. Wir wollen unsere Serie fortsetzen.
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Von 29. August 2016 - 13:47 Uhr

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