VfB Stuttgart Grenzgänger in höchster Not

Von Gunter Barner 

VfB-Sportchef Dutt: Auf der Suche nach preisgünstigen Verstärkungen Foto: dpa
VfB-Sportchef Dutt: Auf der Suche nach preisgünstigen VerstärkungenFoto: dpa

Wer ein Haus baut, ist gut beraten, die nächste Gehaltserhöhung nicht in die Finanzierung mit einzukalkulieren. Aber genau das machen die Finanzexperten beim VfB. Sie gehen ins Risiko – weil ihnen nichts anderes mehr übrig bleibt.

Stuttgart - Es hätte ja auch alles ganz ­anders  laufen  können: Der Schiri zeigt nach dem klaren Foul von Georg Nieder­meier auf den Elfmeterpunkt, Eintracht Braunschweig dreht das Spiel und der VfB Stuttgart scheidet aus im Achtelfinale des DFB-Pokals. Und was  wäre  denn  passiert,  wenn  ein  paar Tage  später die  Brasilianer im Team des VfL Wolfsburg nicht schon vom Urlaub an der Copacapana geträumt hätten? Dann ­hieße der VfB-Übungsleiter jetzt womöglich Mirko Slomka, Tayfun Korkut oder Joos ­Luhukay. Das Trainer-Sparmodell um Jürgen Kramny wäre ein frommer Wunsch geblieben und Stefan Heim, der Finanz­vorstand, würde mit bedauernder Miene und verweinten Augen das rot leuchtende ­Ergebnis seiner Rechenmaschine kommentieren.

Weil der Schiri aber nicht gepfiffen hat und die Brasilianer schon das Heimweh quälte, ist es im Stellwerk eines Bundesliga-Clubs nie ganz falsch, in die Planung künftiger Wege sämtliche Eventualitäten mit einzubeziehen. Was im Fall des VfB Stuttgart bedeutet: Es bricht wegen zwei Siegen zum Hinrundenschluss zwar noch kein Reichtum aus, aber es bleibt ein wenig Spielraum, um die Personaldecke aufzupolstern.

Drei Neue auf der Wunschliste

Drei neue Spieler dürften es demnach schon sein: Im Sturm könnte man einen von der Sorte gebrauchen, die im gegnerischen hartnäckig nach Erdöl suchen. Ein Mittelfeld-Allrounder wäre nicht schlecht, einer, der auch mal auf der rechten Abwehrseite mit anpacken kann. Und natürlich ein alles überragender Innenverteidiger, eine Persönlichkeit am besten, schnell, zweikampfstark und so sicher wie eine Bundesanleihe im Spiel­aufbau. Liefern wird Robin Dutt aber nach Lage der Dinge erst nach Neujahr.

„Wir sind jedenfalls handlungsfähig“, sagt Stefan Heim, „und sind auch bereit, ein gewisses ­Risiko zu gehen.“ Was so ziemlich alles bedeuten kann zwischen zwei Euro fuffzig und zehn Millionen plus X. Was es aber ganz sicher nicht bedeutet: Dass die Grenzgänger des VfB Stuttgart in höchster Not gegen die Bestimmungen der Lizenzierung verstoßen und sich mit ­Krediten belasten, die ihnen das Wasser bis Oberkante Unterlippe treiben. Stattdessen schiebt Heim die Kugeln auf dem Abakus mit der Aussicht hin und her, weitere Einnahmen aus dem Rüdiger-Transfer zu AS Rom zu erlösen, in der Annahme eines lukrativen Transfers von Filip Kostic am Saisonende, und in der Hoffnung auf eine sich besserende Tabellensituation, was den Anteil an den TV-Geldern erhöhen würde. Das Transfer-Budget für Sportvorstand Robin Dutt und seinen treuen Paladin Joachim Cast dürfte sich demnach zwischen sechs und acht Millionen Euro einpendeln, was im besten Fall für einen ­Neueinkauf und zwei Leihgeschäfte mit Kaufoption reichen könnte.

Die Preise steigen rasant

Das ist viel Geld für Spieler, aber immer noch viel zu wenig, um Qualität mit Garantiesiegel einzukaufen. Denn die Preise sind im vergangenen Jahrzehnt rasant gestiegen. Weil privat- und unternehmensgestützte Bundesliga-Clubs tiefer denn je in die Kasse greifen und die Vereine aus England vor lauter Finanzkraft kaum mehr laufen können. Der Aufwand, um an die Gelder der internationalen Wettbewerbe zu kommen, hat sich massiv erhöht. „In den kommenden fünf bis acht Jahren“, prophezeit Frankfurts Vereinsboss Heribert Bruchhagen, „werden immer mehr Traditions-Clubs gegen den Abstieg kämpfen.“ Aus München erhebt Felix Magath schon seit längerem die Stimme. Der Ex-VfB-Trainer empfiehlt der Bundesliga, sich stärker als bisher für Investoren zu öffnen. „Sonst läuft uns der englische Fußball immer weiter davon.“ So betrachtet ist der VfB Stuttgart der Konkurrenz schon einen Schritt voraus. Er kämpft schon seit Jahren gegen den Absturz in die Zweitklassigkeit – und sucht nun sein Heil in der Ausgliederung der Profiabteilung in eine Aktiengesellschaft.

Aber im Bemühen, den Verein vor dem Schlimmsten zu bewahren, beißt sich die Katze regelmäßig den Schwanz. Bleibt der sportliche Erfolg aus, sinken die Einnahmen aus Sponsoring, Marketing und Ticketing, und am Ende des Tages fehlt das Geld, um die Mannschaft wieder zu verstärken. „Unser Handlungsspielraum ist in den vergangenen Jahren nicht größer geworden“, sagt Stefan Heim. Weshalb der VfB auch andere Optionen prüft, um die Kasse zu füllen. Aber Investoren, die für Millionen-Summen Anteile an den Fernsehrechten oder Ticketeinnahmen kaufen, sind nur dann interessiert, wenn die Indikatoren des Clubs nach oben zeigen. Da mag ein glücklicher Sieg im Pokal gegen Eintracht Braunschweig und ein Erfolg gegen schläfrige Wolfsburger zwar hilfreich sein, aber entscheidend ist der Trend. Und es hätte ja auch alles ganz anders laufen können

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