VfB Stuttgart Der Schmerz in neuer Dimension

Von Thomas Näher 

Artem Kravets im Trainingslager: Neuzugang mit Muskelkater Foto: Baumann
Artem Kravets im Trainingslager: Neuzugang mit MuskelkaterFoto: Baumann

Der VfB Stuttgart hat hohe Erwartungen an den Torjäger, die der Neuzugang von Dynamo Kiew nur zu gerne erfüllen will – doch vorerst gilt für Artem Kravets die Erkenntnis: Aller Anfang ist schwer.

Belek - Die Rückennummer 22 wollte er, doch die hat bereits Przemyslaw Tyton, der Torhüter. Also nahm sich Artem Kravets die 23, „weil die am nächsten bei der 22 ist“. Die 22 ist seine Lieblingsnummer. Die hat früher Kaka beim AC Mailand getragen. Der Brasilianer war einmal das Vorbild des neuen VfB-Stürmers Artem Kravets, der jetzt selbst ein Großer werden will. Beim VfB. In der Bundesliga. Kravets (26) sagt: „Das ist die stärkste Liga der Welt.“

Um da Fuß zu fassen, bedarf es vieler ­Anstrengungen. Aber bitte kein Trainingslager! Die Tage von Belek, wo er schon einmal einen Urlaub verbracht hat, sind Gift für einen, der von Dynamo Kiew kommt (wo er die 22 trug) und nun eine neue Dimension des Schmerzes kennenlernt. Abends spielen die VfB-Profis gern mal eine Runde Tischtennis. „Manche sind so kaputt, die schaffen es nicht mal vom Zimmer bis zur Tischtennisplatte“, sagt Christian Gentner und lacht.

Leiden eines Stürmers

Kravets lacht nicht. Er leidet. Ob er schon fleißig Deutsch lernt? „Ich habe ja nicht mal genug Zeit zum Regenerieren“, sagt der Ukrainer mit verzerrter Miene. Deutsch lernt er trotzdem schon seit Oktober, als er sich für den VfB entschieden hat – über You Tube. Bis zehn kann er mühelos zählen, die gängigen Fußballbegriffe wie links, rechts und Leo sind ihm ebenfalls geläufig, und dann präsentiert er stolz einen ganzen Satz: „Ich will die deutsche Sprache lernen.“

Dieser Ehrgeiz spricht für ihn, und er wird ihn auch auf dem Platz brauchen, wo er den verletzten Daniel Ginczek ersetzen soll, der nach einer Operation im Halswirbelbereich frühestens im März einsatzfähig ist. Bisher deutet wenig darauf hin, dass ihm das gelingen könnte, aber noch kann er Nachsicht für sich reklamieren. „Das Training ist sehr hart, ich bin ein bisschen müde“, sagt er – nein, er flüstert es. Kravets ist kein Lautsprecher. Er wirkt schüchtern und spart mit Worten, als ziehe jeder Buchstabe, den er äußert, gleich eine saftige Geldstrafe nach sich.

Da strebt einer auf leisen Sohlen nach oben – dorthin, wo er in der Ukraine schon mal war. Mit Dynamo Kiew gewann er vergangene Saison das Double und steuerte als einzige Spitze in einem 4-1-4-1-System 19 Treffer in allen Wettbewerben bei. Dann verpflichtete der Verein, bei dem er bis 2018 unter Vertrag steht, den Brasilianer Junior Moraes, der ihm den Rang ablief und seinen Stammplatz eroberte. Zuvor hatte der VfB schon einmal vergebens angefragt. Nun, im zweiten Anlauf, klappte es – gegen eine Leihgebühr von 500 000 Euro bis Saison­ende.

Zum ersten Mal im Ausland

Jetzt ist er als Profi zum ersten Mal im Ausland. Bisher kannte er nur Kiew – und Dniprodserschynsk. Die Stadt liegt 35 Kilometer entfernt von Dnjepropetrowsk, die in Fußballkreisen einen Namen hat, und 400 Kilometer entfernt von Kiew. Mit 15 Jahren zog er fernab seiner Familie, Eltern und zwei Brüder, in das dortige Jugendinternat ein, mit 17 Jahren spielte er erstmals für die erste Mannschaft. Seither sind ihm in seiner Heimat in 91 Erstligaspielen 33 Tore und elf Vorlagen gelungen. Nicht schlecht, als Verpflichtung für seine Zeit beim VfB sieht er sie gleichwohl nicht. „Ich will mich nicht festlegen, die Zahl meiner Tor ist nicht so interessant. Ich will der Mannschaft helfen, deshalb bin ich hier“, sagt er und lächelt scheu.

Nach den Eindrücken aus dem Trainingslager wird er es schwerhaben, an Timo Werner vorbeizukommen. Allerdings hat er im Training ein paarmal angedeutet, dass mehr in ihm steckt – wenn er erst mal die hohe Belastung aus den müden Knochen geschüttelt hat. Schließlich kann Timo Werner mit seiner Schnelligkeit auch auf die Flügel ausweichen und von dort mit Anlauf in die freien Räume starten, dann ist im Sturmzentrum Platz für Kravets – sein Metier. Auch international. Der Stoßstürmer bringt die Erfahrung aus 16 Spielen in der Europa League und zwölf Einsätzen in der Champions League (samt Qualifikation) mit.

Mit der Ukraine zur EM

Weitere Sporen will er sich in diesem Sommer verdienen. Bei der EM in Frankreich trifft die Ukraine in ihrer Gruppe unter ­anderem auf die deutsche Mannschaft, was Kravets nicht sonderlich einschüchtert: „Wir wissen, dass das die beste Mannschaft der Welt ist. Aber wir können Deutschland schlagen.“

Mit Artem Kravets an vorderster Front? Erst einmal muss er sich beim VfB durchsetzen, dessen Bundesligaspiele er zuletzt häufig im Fernsehen angeschaut hat. Bei seinem Landsmann Borys Tashchy, mit dem er in Belek das Zimmer teilt, und bei Toni Sunjic, den er aus dessen Zeit bei Zorya Lugansk in der Ukraine kennt, hat er sich genau erkundigt, was auf ihn zukommt: „Beide haben gesagt: Mach das, komm zu uns.“ Nur von den Schmerzen eines deutschen Trainingslagers hat ihm keiner etwas erzählt.

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