Stuttgart - Es ist kein Tag für gebürtige Brasilianer. Nicht wirklich. Zwar strahlt auf das Clubgelände des VfB Stuttgart die Sonne, doch das Thermometer zeigt Minusgrade an. Der Trainingsplatz, den die Rasenheizung vom Frost befreit hat, ist tief und holprig, und es gibt Körperteile, die sind einfach nicht zu schützen vor der Kälte. „An den Händen ist es am schlimmsten“, sagt Cacau und hebt die Arme, so dass die schwarzen Handschuhe zu sehen sind. Den Händedruck aber wehrt er ab. „Bringt eh nix“, sagt er, „ich hab’ ja kein Gefühl mehr in den Händen.“
Das ist nicht gut für den Gefühlsmenschen Cacau, aber es gibt Schlimmeres. Vermeintlich Schlimmeres. Zum Beispiel die Tatsache, dass ihn die Kollegen im Wintertrainingslager in Belek nicht mehr in den Mannschaftsrat gewählt haben. Ihn, den Vize-Kapitän, der in der Vorrunde noch so oft den eigentlichen Spielführer Matthieu Delpierre vertreten hat. Kapitän ist jetzt Serdar Tasci, im Mannschaftsrat sitzen andere – das alles war nicht leicht zu begreifen für Cacau, den Nationalspieler, der so gern eine entsprechende Wertschätzung verspürt. An diesem kalten Mittwochmorgen ist vom vermeintlich frostigen Klima allerdings nichts zu spüren.
Cacaus Motto: Es gibt Wichtigeres
Auf dem Trainingsplatz ist Cacau in seinem Element: Torschusstraining. Immer wieder, in immer neuen Varianten. Und der Nationalstürmer mittendrin – und auch zwischenmenschlich nicht isoliert, wie es zum Ende der Rückrunde und aufgrund der Geschehnisse im Trainingslager schien. Es gibt zwei Teams und ein Ziel: So viele Tore wie möglich zu erzielen. Und wann immer Cacau ins Schwarze trifft, johlen die Kollegen. Sicher, Cacau ist auch weiterhin nicht jedermanns Liebling. Aber wie es schein, haben sie sich zusammengerauft. Er gehört nicht zum Siegerteam, muss helfen, den Trainingsplatz aufzuräumen, gönnt sich aber vorher noch ein bisschen Spaß mit den Kollegen beim Lattenschießen. Dann geht’s in die Kabine – und siehe da: Anders, als noch in den vergangenen Wochen, lehnt er ein Gespräch nicht ab. „Ja“, sagt er, „aber bitte drinnen.“
Drinnen bläst Cacau seinen warmen Atem an seine ausgekühlten Finger und versucht all die Dinge, die ihn belastet haben, abzuschütteln. Auf die Frage, wie groß die Kränkung war, als er aus dem Mannschaftsrat flog, lächelt er nur vielsagend. Natürlich hat ihn das getroffen. Aber er sagt nur: „Ich habe das alles hinter mir gelassen.“ Diese Abwahl, die Egoismus-Vorwürfe, und auch die Tatsache, dass diese ganze Aktion im Trainingslager, von den Verantwortlichen womöglich auch hätte verhindert werden können. Die Diskussion darüber will er jedenfalls nicht weiterführen. Sein Motto: Es gibt Wichtigeres. „Wir sind in einer schwierigen Situation. Da wäre es falsch, wenn ich mich jetzt in den Vordergrund drängen würde“, sagt der gebürtige Brasilianer. Und doch ist er in vorderster Front gefordert.
Kampf gegen den Abstieg
Als Stürmer, dessen Tore der VfB benötigt, um nicht ganz nach unten abzurutschen. Aber auch – trotz der Entmachtung – als einer, der seine Erfahrung einbringt. Und die sagt ihm: „Wir müssen höllisch aufpassen.“ Nach den beiden Niederlagen zum Auftakt der Rückrunde ist der Tabellenkeller wieder bedrohlich nahe, weshalb Cacau feststellt: „Wir müssen uns wieder auf den Kampf gegen den Abstieg einstellen.“ Nur: Warum es erneut so weit gekommen ist, kann sich auch der 30-jährige Stürmer nicht erklären. „Schwer zu sagen“, sagt er nachdenklich. Klar ist nur: So kann es nicht weitergehen.
Dass er mit Vedad Ibisevic einen Partner für einen Zwei-Mann-Sturm an die Seite gestellt bekommen hat, ist für Cacau ein positives Zeichen. Nun gelte es, die Fehler abzustellen, kompakt zu stehen und selbst wieder auf Patzer der Gegner zu warten – und diese auszunutzen. Möglichst eiskalt.
Der VfB gehört zu den besten zehn Fußball-Vereinen in Europa – was die Zuschauerzahlen betrifft.