VfB Stuttgart Bloß keine Panik auf der Titanic!

Von Thomas Näher 

VfB-Profis im Lauftraining – ab sofort im türkischen  Belek Foto: Baumann
VfB-Profis im Lauftraining – ab sofort im türkischen BelekFoto: Baumann

So richtig Winter will es immer noch nicht werden. Dennoch zieht es den VfB Stuttgart wie die meisten Bundesligavereine ins Warme. Manch ein Club riskiert damit Zoff mit den eigenen Fans.

Stuttgart/Belek - Günther Schäfer ist schon mal vorgeflogen. Der Teambetreuer hat sich am Montag auf den Weg nach Belek gemacht, die Mannschaft folgt an diesem Dienstag. Um 9.30 Uhr geht es nach Antalya, von dort 40 Kilometer gen Osten, und dann liegen sie da – das Fünf-Sterne Hotel und der gut ein Kilometer entfernte Trainingsplatz, den der VfB allein benutzen kann. „Wir ­haben ideale Bedingungen“, sagt Schäfer, der im November erstmals vor Ort war.

Damals hieß der Cheftrainer noch ­Alexander Zorniger. Nach dem Wechsel zu Jürgen Kramny haben sie beim VfB die Köpfe zusammengesteckt und ihr Winterziel überdacht. „Wir haben an Belek festgehalten, weil dort alles passt – hoffentlich auch das Wetter. Aber darauf hast du nirgendwo Einfluss“, sagt Schäfer, der auf vieles einwirken kann, nur nicht auf den Namen der Nobelherberge – Titanic! Das lädt im ­Zusammenhang mit einem Verein, der als Bundesliga-15. ums sportliche Überleben kämpft, zu Wortspielen geradezu ein: Bloß keine Panik auf der Titanic, zum Beispiel. Bezeichnenderweise sind die Journalisten nebenan in einem Hotel untergebracht, das Sirene heißt. Viel eindringlichere Hallo-wach-Schlagworte, den Ernst der Lage massiv zu bekämpfen, sind kaum denkbar.

So kann Jürgen Kramny das Beste aus seinem Kader herausholen, um mit Beginn der Rückrunde am 23. Januar beim 1. FC Köln für seine Rettungsmission gerüstet zu sein. „Keine Angst“, sagt er mit Bezug auf den Namen Titanic und schmunzelt: „Wir werden schon nicht untergehen.“ Und wenn es vor Ort klemmt, dient Günther Schäfer die Spielberatungsfirma Match IQ als Ansprechpartner – etwa wenn mal kurzfristig Busse angemietet werden müssen oder wenn es Probleme mit dem Platz geben sollte –, was eher nicht zu erwarten ist. „Der Rasen ist in einem Topzustand“, sagt Schäfer.

Der VfB verzichtet wie die meisten Bundesligavereine auf eine Fernreise

Die Hamburger Agentur hat für den VfB schon das Trainingslager in Kapstadt (2014) und die Saison-Eröffnungsspiele gegen Hull City (2014) und Manchester City (2015) organisiert und betreut auch Bundesligisten wie Borussia Mönchengladbach, den Hamburger SV und Werder Bremen, die mit dem VfB zwei Dinge gemeinsam haben: Sie schlagen ihr Trainingslager ebenfalls in ­Belek auf – und sie widersetzen sich wie die meisten anderen Bundesligavereine dem Appell von Reinhard Rauball.

Der Ligaverbands-Präsident hat aus ­Sorge um die nach wie vor schleppende ­Auslandsvermarktung der Liga zu Fernreisen in die Märkte mit großem Steigerungspotenzial aufgerufen, allen voran Asien, die USA oder Südafrika. „Die internationale Vermarktung bleibt eines der wichtigsten wirtschaftlichen Wachstumsfelder“, sagt Rauball, „deshalb ist es unerlässlich, dass die Vereine weltweit noch mehr Präsenz zeigen.“ Allerdings kommen nur Schalke 04, Bayer Leverkusen (beide Orlando/USA) sowie Bayern München (Doha/Katar) und Borussia Dortmund (Dubai) diesem Wunsch nach – die beiden Letztgenannten setzen sich damit allerdings gehörig in die Nesseln.

Der Rekordmeister aus München hat in den vergangenen Jahren für seine Trips nach Katar, wo die Menschenrechte nicht eben zu den Privilegien des Alltags zählen, Schelte bezogen. Jetzt sagt Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge vorbeugend: „Niemand sollte Dinge vermischen, die nicht zusammengehören. Ein Trainingslager ist keine politische Äußerung.“ 2015 musste er sich besonders nach einem Testspiel in Saudi-Arabien Kritik aus der Politik und den ­Reihen der eigenen Fans anhören.

Streitfall Dubai: Dortmunds Fans werfen BVB Verrat von Werten vor

Die prallt in diesem Jahr auch massiv auf die Strategen von Borussia Dortmund ein, das sich in Dubai vorbereitet. Die Reise verrate „alle Werte, für die der BVB sonst einsteht“, urteilte das Online-Fachmagazin „schwatzgelb.de“. Die Fans berufen sich auf Menschenrechtsorganisationen, die Folter und Diskriminierung in Dubai und den Arabischen Emiraten anprangern. Da half es nichts, dass der BVB präventiv auf die Ablehnung einiger lukrativer Testspiel-Angebote verwies, weil in den jeweiligen Ländern „die Menschenrechtssituation nicht mit den Maßstäben von Borussia Dortmund in ­Einklang zu bringen ist“.

Den VfB und andere Vereine kann das kalt­lassen, erst recht den 1. FC Köln und den FC Ingolstadt: Beide bleiben in Deutschland. „Wir würden durch An- und Abreise zwei wertvolle Trainingstage verlieren“, sagt ­Ingolstadts Sportdirektor Thomas Linke.

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